Schwule töten! Warum eigentlich?

Am Samstag, als die sugarbox auf Facebook den Veranstaltungstipp der Rosa Lila Villa anlässlich ihrer Solikundgebung “Wir lassen uns nicht einschüchtern” teilte, fragte sie sich in ihrem Statement dazu, ob das denn die Welt von 2014 sein kann.

Ja leider, sie kann. Wenn sich etwas radikalisiert, radikalisiert es sich so richtig. Was alle radikalen Gruppierungen immer noch miteinander teilen, ist der blinde Hass auf Homosexualität.

Zwei Identitäre störten am Samstag, den 20.9.2014, im Lokal Marea Alta, indem sie versuchten ihre Sticker aufdringlich und gegen den Willen aller Anwesenden anzubringen, wobei der Laptop der DJ zu Boden ging, welche zur Redaktion der sugarbox gehört. Außerdem schlug einer der beiden der Kellnerin, als er schließlich flüchtete, weil die Polizei unterwegs war, ins Gesicht. Ein paar Anwesende forderten die beiden mehrmals auf zu gehen, was sie ignorierten und hingegen weiter provozierten.

Nur eine Woche darauf, am 27.9.2014, das böse Erwachen der Lila Rosa Villa: Auf der Außenfassade wurde über Nacht auf Deutsch und Serbisch großflächig: „Töte Schwule“ geschmiert.

In der Arbeit erzählte ich einer lieben Kollegin, aka Freundin, was sich am Wochenende im Marea Alta zutrug.

Diese Freundin, die vom „homosexuellen Leben“ in Wien bzw. Österreich gerade mal durch mich einen kleinen Einblick hat, fragte sich laut, warum das alles den Leuten eigentlich nicht endlich einfach wurscht ist und warum mensch sowas tun muss wie LSBT-Lokale stürmen oder beschmieren. Sie fragte das natürlich nicht aus einer naiven Überraschung heraus, dass die Welt, so wie sie sich gestaltet, immer noch diverse Arschlöcher beherbergt, die denk- und lernresistent sind, sondern um zu unterstreichen wie vergeblich es ist, nach einem plausiblen, nachvollziehbaren Motiv zu suchen, so etwas zu tun.

Am Ende ist dies doch die Frage, die wir uns alle, jedes Mal, wenn so etwas passiert, stellen: Warum? Warum und wodurch stören wir manche Menschen so sehr? Was tun wir, sodass es notwendig erscheint, uns mit Mord zu drohen? Wissentlich, dass es eine naive Fragestellung ist, weil es sich hier natürlich um nicht argumentativ begründbare Aktionen handelt.

Was tut der nicht tote Schwule in der Lila Rosa Villa irgendeinem Menschen auf dieser Welt an? Warum sollte er besser tot sein? Was tut die etwaige lesbische Gästin, Kellnerin oder DJ im Marea Alta Böses?

Warum regt es auf, dass jemand etwas tut oder empfindet, das andere real in keiner Weise tangiert? Liebe_r aktive_r Homofeind_in: Dir ist etwas nicht egal, du reagierst mit Gewalt auf etwas, das dir herzlich egal sein kann. Warum?

Wir selbst können damit wenig bis gar nichts zu tun haben, weil wir dein Leben nicht betreffen oder berühren. Wir schreiben dir nicht vor wen du lieben darfst, wie du leben oder wie du deine Kinder erziehen sollst. Wir sind einfach nur da. Und das ist aber offenbar schon zuviel, weil man uns nach wie vor unsere Rechte vorbehält, uns de facto gesetzlich benachteiligt und wir mit Morddrohungen attackiert werden. Dabei sind wir einfach nur da, nichts weiter.

Wenn die hartnäckige Sorge immer noch ist, dass wir uns am Tag St. Nimmerlein vor einer fiktiven Homogesellschaft wieder finden, wenn wir es zu sehr ausarten lassen, dann ist die für mich immer wieder kehrende Frage: wenn sich jemand seiner Heterosexualität so sicher ist, dass auch eine vorrangig homosexuelle Welt nichts an seiner Heterosexualität ändern würde – woher kommt dann die Angst, dass seine an sich heterosexuellen Kinder durch ein homo-freundliches Umfeld homosexuell werden könnten? Und – wenn er_sie das denn nicht will – deswegen Homos den Tod wünschen muss (wie übrigens auch seinen möglicherweise homosexuellen Kindern)?

Ich bin (zumindest im Wesentlichen) homosexuell und ich bin in einem ausschließlich heterosexuellen Kontext aufgewachsen. Ich lebe auch heute noch in einem überwiegend heterosexuellen Umfeld. Aus irgendeinem Grund bin und werde ich trotzdem nicht heterosexuell. Obwohl heterosexuell sein in dieser Welt weitaus attraktiver ist, wenn man es aus dem Blickwinkel der Einfachheit, gesellschaftlicher Akzeptanz und der faktisch gesetzlichen Bevorzugung heraus betrachtet. Als ungeouteter und verzweifelter Teenager mit Angst vor sozialem Ausschluss, hätte ich garantiert gewählt heterosexuell zu sein, hätte ich gekonnt.

Es ist alles ok. Niemand wird umgepolt. Alle, die es sind, dürfen weiterhin hetero sein und bleiben. Übrigens wahrscheinlich 80-90% der Menschheit. Und daran wird auch die Homo-Ehe nichts ändern.

Diejenige Person, die will, dass jemand tot oder eingeschüchtert ist, der niemandem und auch einem selbst nichts getan hat, sollte sich fragen, was mit ihr nicht stimmt und nicht, was mit den anderen nicht stimmt. Diese Person stellt die Gefahr für die Gesellschaft dar und nicht ich, weil ich eine Frau als Frau liebe, sondern er_sie, weil er_sie jemandem den Tod wünscht. Und ich sollte auch nicht die Verantwortung dafür übernehmen müssen, weniger „zur Schau zu stellen“ homosexuell zu sein, damit diejenigen, die das Problem haben und Verantwortung dafür übernehmen sollten, sich nicht provoziert fühlen uns anzugreifen und uns den Tod zu wünschen.

Es passiert nichts, wenn ich lebe wie ich lebe und bin wie ich bin. Oder wir in unseren Lokalen sitzen und Bier trinken, Musik hören und uns unterhalten, mit unseren Freunden und Freundinnen zu Hause sind, fernsehen und kochen, wenn wir schlecht gelaunt arbeiten gehen und gut gelaunt Feierabend machen, unsere Katzen und Hunde füttern, den Onkel der Frau nervig finden, unsere Fixkosten ausrechnen, wir schlicht und ergreifend exakt die selben Dingen tun, die alle tun. Und wir wollen damit auch nichts erreichen, wir wollen niemanden und nichts ändern, wir möchten nur sein und leben wie alle anderen auch und das Ganze bitte am besten ohne verfolgt und bedroht zu werden. Nur leider muss sich dafür offenbar noch sehr viel ändern.

die göttinnenspeise

9 thoughts on “Schwule töten! Warum eigentlich?

  1. Das Problem ist leider, dass radikale Menschen für Argumente genau gar nicht empfänglich sind und Fehler in ihrem Denken nicht zugeben können und nicht erkennen wollen. Es schadet der Welt und der Gesellschaft genau gar nichts, dass es homo- oder bisexuelle oder sonst irgendwie queere Menschen gibt. Und selbst wenn die Befürchtung stimmen würde, dass mehr Akzeptanz zu mehr homosexuellen Menschen führen würde (was nicht der Fall ist) dann wäre das auch nur dann ein Problem, wenn man eben Homosexualität als an sich schlecht ansieht. Was würde schlimmes passieren, wenn über Nacht tatsächlich plötzlich 50% der Weltbevölkerung homosexuell werden würden? Nichts. Genau gar nichts.

    Die Antworten auf konsequentes Nachfragen, was an Homosexualität genau das Problem ist, führen ja auch ins Leere. Entweder die Personen finden es halt einfach falsch oder eklig oder sonstwas – also die klassische „na weil’s so ist!“ Nicht-Antwort, und sind aber nicht gewillt zu reflektieren, woher diese Abneigung kommt. Weil geht nicht, will ich nicht, lass mich in Ruhe.

    Oder es wird die liebe Religion vorgeschoben, wobei man da zumindest im Fall der Bibel als Grundlage dieser Behauptung das lustige Spiel spielen kann, was laut der Bibel Gott sonst noch alles gegen den Strich geht. Meeresfrüchte zu essen, zum Beispiel.

    Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es bei Menschen, die „nur bisschen“ homophob sind, hilft wenn die ganze Sache „ein Gesicht“ bekommt. Sie also mal homosexuelle Menschen persönlich kennenlernen und merken hey, die sind ja wie ich. Mit „bisschen homophob“ meine ich Menschen, die Homosexualität zwar nicht okay finden aber auch nicht so weit gehen, Homosexuelle umbringen zu wollen. Und ich glaube diesbezüglich hilft der aktuelle Trend, dass queere Menschen im Fernsehen immer präsenter sind, enorm dabei, bei der breiten Masse hier einen Normalisierungsprozess zu bewirken. Ich hoffe darauf, dass diese Akzeptanz mal so ausgeprägt und verbreitet ist, dass die Radikalen, die für Argumente sowieso unempfänglich sind, dann sowieso komplett in der Ecke stehen.

  2. Mir gefällt gar nicht, was sich im Moment abspielt. Die IS begeht gerade einen kleinen Völkermord an den Kurden, die rechten erleben einen Auftrieb in Europa und Gewalt wird immer mehr salonfähig.
    Warum können die Identitären nicht die bekämpfen, die sie töten wollen, z.B. die IS?
    Dann hätten die Homosexuellen Ruhe!

    Leider ist meiner Meinung nach die schlechte wirtschaftliche Lage in Europa für steigende Radikalisierung mitausschlaggebend. Sind viele Leute ohne Arbeit und wirtschaftliche Chancen, dann radikalisieren Sie leichter gegen Randgruppen. Ich heiße das keinesfalls gut, aber es ist leider eine traurige Gesetzmäßigkeit der Geschichte.

    Ich weiß aber in diesem Fall, wer genau das vorantreibt und werde mir mal die führenden Köpfe vornehmen, denn im Moment habe ich auch das Bedürfnis mich abzureagieren und am Fussvolk, dass aufgrund wirtschaftlicher und sozialer Probleme sich dazu verleiten lässt, macht das viel weniger Spaß, als an den Wohlhabenden ideologisch faschistischen Initiatoren.

  3. Eine wichtige grundstein in nationalismus und fascismus ist das patriarchat. Und eine grundstein des patriarchats ist heterosexualität. Nur dadurch das wir sind, und uns nicht in diese system einordnen lassen, sind wir automatisch die feinde von den nationalisten und fascisten ((auch wenn es genug rassistische, nationalistische homosexuelle gibt)). Deshalb diese hass. Wir haben keine plats in ihre ideale weltbild. Nicht nur das – nur weil wir leben und lieben, auch die von uns die überhaupt keine aktivismus ausüben, stellen wir ihre system in frage.

  4. In der EU gibt es Minderheiten- und Volksgruppenrechte, egal ob bei Schotten, Südtirolern, Katalanen, Kärtner Slowenen, Nordiren, …
    Dieses Kapitel haben wir abgeschlossen, wie die USA die Rassenunruhen oder Nelson Mandela die Apartheid

    Ich erinnere daran, dass bis es bis zum Jahr 2000 etwa dauerte bis es eine grundlegende Übereinkunft zu Minderheitenrechten und Teilautonomie gab.

    Tschechen und Slowaken haben sich auch getrennt und auch Serben und Kroaten.
    Ich erinnere, dass diese Trennungen teilweise sehr blutig waren oder es zumindest im Vorfeld Spannungen gab.
    Die Kurden haben keine gescheiten Minderheitenrechte und Teilautonomie außer im Irak und dort sind sie friedlich, außer sie werden angegriffen.

    Europa hatte schon einmal einen Stellvertreterkrieg zwischen der IRA und Großbritannien von 1970 – 2001 (good friday agreement)
    und die Nordiren waren beim Terror nicht zimperlich. Insofern ist die PKK eh recht gesittet, nur die Leute verstehen nicht mehr, wann es um mehr Autonomie einer Volksgruppe beim Terror geht und wann es einfach nur fundamentalistische Scheiße ist.
    Das ist das Problem unserer Zeit und die PKK mit der IS gleichzusetzen ist eine Dummheit von Erdogan!

    Leider sind nicht alle Kämpfe von Minderheiten immer so friedlich wie bei Ghandi und dem Dalai Lama (obwohl der selber sagt, er hat zu wenig für buddhistische Nonnen getan, aber diese Rechte müssen die selber sich erkämpfen)

    Minderheitenrechte unterscheiden sich zum Fundamentalismus ganz stark. Die Minderheiten wollen bürgerliche Freiheiten und Teilautonomie (meist sind sie damit zufrieden, wenn sie sich teilweise selbst verwalten können, siehe Katalanien, siehe Schottland oder wenn 2 Volksgruppen um die Vorherrschaft streiten, dass dann ein eigener politischer modus vivendi gefunden wird, siehe Nordirland & Südtirol). Deutsche Wiedervereinigung und Serbokroatische und Tschechoslowakische Trennung gehören hier auch zu diesem Prozess entfernt dazu.
    Fundamentalisten wollen nicht mehr Rechte, sondern alle anderen unterdrücken und ihrer Rechte berauben.

    So einfach ist Gut von Böse zu unterscheiden.
    Will ich wie die Kurden, die sugarbox, Martin Luther King, MalcomX, die Shaolinmönche, alle Feministinnen, die Nordiren, Ghandi nur mehr Rechte
    und Freiheiten für mich und meine Art oder will ich über andere herrschen
    und bestimmen! Diejenigen, die nur mehr Rechte wollen, hören mit dem Kampf auf, sobald sie die Rechte erhielten oder einen für alle gangbaren Kompromiss erreichten. Und das ist wirklich so: die IRA bombt nicht mehr, die Südtiroler sprengen keine Strommasten mehr in die Luft, es gibt keine Rassenunruhen mehr,
    die Frauen haben fast die gleichen Rechte, aber Kurden und Homosexuelle noch nicht, weil andere dominieren.

  5. Es ist so schwer für mich ein liberal liberaler zu sein,
    weil die Grünen akzeptieren z.B. Homosexualität,
    aber sprechen sich für staatliche Privilegienpensionen aus,
    wo der Verhältnis von erhaltener ausgezahlter Pension viel geringer ist
    als die eingezahlte Sozialversicherung als bei allen anderen.
    Auch haben linke und liberale wenig über für völkische Autonomie, obwohl die nicht immer rechts faschistoid sein muss, sondern nur Kulturzugehörigkeit und Transport von sich modizifierenden & adaptierenden Brauchtum sein kann
    Dafür sind eher wieder konservative, aber die sind gegen alles was von dem Brauchtum abweicht.
    Als pur liberal eckt frau überall an, weil irgendwelche Dominanz gibts leider überall noch. Nur ist sie mancherorts eher ziemlich klein und andererorts gewaltig grausam!

  6. Pingback: Zuckerstreusel: mein erstes Mal in der Rosa Lila Villa | sugarbox

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