Viennale 2014: eine subjektive to-do Liste

Vergangenen Donnerstag zog zum bereits 52. Mal die Viennale ins Lande. Die Viennale ist Österreichs größtes internationales Filmevent und hat außer der berühmt-berüchtigten Werbetaschen sonst noch so einiges zu bieten. Anbei einige Empfehlungen aus der Kategorie Spielfilm in alphabetischer Reihenfolge mit dem Hauptaugenmerk Regisseurinnen und/oder Inhalt, ohne die Filme vorab gesehen zu haben:

Sophie Hyde AUS 2013

Wohin mit all den Fragen zur eigenen Identität und Sexualität, wenn du gerade erst 16 bist, deine Mutter sich nunmehr James nennt und Bart tragen wird? Vor die Kamera, entscheidet Billie. Der Veränderung ins Gesicht schauen. Zwiegespräche mit dem eigenen Spiegelbild, sexuelles Experimentieren mit Freunden, ein wöchentliches Date mit James. Das Leben steht Kopf. Another piece of teenage wildlife? Ja und nein. Mit Laien an 52 Dienstagen gedreht, hat diese ungewöhnliche Familiengeschichte mehr Fragen als Antworten parat, dazu viel schonungslose Ehrlichkeit, Nacktheit und erfrischenden Humor.

Ana Lily Amirpour USA2014

Bad City ist eine verlassene Geisterstadt irgendwo im Iran und die einzigen Menschen, die sie bevölkern, sind gespenstische Existenzen, Prostituierte, Zuhälter, Junkies und andere verlorene Seelen. Aber wie immer im Kino geschieht ein kleines Wunder, als sich ein junges Mädchen und ein ebenso junger Mann ineinander verlieben. Ein allerdings ziemlich blutiges Wunder. Der erste iranische Vampir-Western, gedreht in Schwarzweiß in einer verlassenen Stadt in Kalifornien, eine krude und hybride Mischung aus Sergio Leone, David Lynch und alten Comic-Heften. Und über allem ein massiver Soundtrack zwischen Morricone und Techno.

Céline Sciamma F 2014

Sie sind jung und schön und lebenslustig, sie sind arm und marginalisiert und unterdrückt. Die Mädchengang um Lady, der Marieme sich anschließt, macht mal Paris, mal die Hoods – die Banlieus Bagnolet und Bobigny – unsicher. Doch all die lautstarke Großmäuligkeit und all das coole Posen, die Frechheit, das Feiern und Flirten können auf Dauer nicht darüber hinwegtäuschen, dass zukunftsweisende Entscheidungen anstehen. Der aus LaiendarstellerInnen gebildete, komplett schwarze Cast bringt die Energie und die Authentizität mit, Regisseurin Sciamma steuert die Neugier auf das besondere Milieu und den kritischen Blick auf die sozialen Verhältnisse bei. Das Ergebnis sprüht Funken.

Pascale Ferran F 2014

Seit ihrer grandiosen Adaption von LADY CHATTERLEY ist einige Zeit vergangen, aber als sich Pascale Ferran dieses Jahr in Cannes mit BIRD PEOPLE zurückgemeldet hat, war die Begeisterung ungeteilt. Es ist ein unmöglicher Film, eigentlich zwei in einem. Während sich ein erfolgreicher amerikanischer Geschäftsmann auf der Durchreise in einem Pariser Flughafenhotel aus seiner Karriere und Ehe katapultiert, verwandelt sich das Zimmermädchen, das auf seinem Stockwerk arbeitet, in einen kleinen Vogel. Das Trennungsgespräch des Amerikaners mit seiner Frau via Skype und der Flug des Vogels über Paris zu David Bowies «Space Oddity» gehören zu den magischen Momenten dieses Festivals.

Olivier Assayas F 2014

Schier unübersehbar sind die Über-Kreuz-Beziehungen der Figuren, sind die gegenseitigen Kommentierungen von Wahrheit und Fiktion, sind die Quer-durch-die-Zeiten-Verweise in dieser Erzählung über eine alternde Schauspiel-Diva, deren Krisen-spiegelnde Assistentin und das Hollywood-Starlet, das als Katalysator fungiert. Ein Triangel unterschiedlicher Interessen und Begehrlichkeiten (auch aneinander), dessen herausragende Besetzung das ihrige beiträgt zur Eindringlichkeit dieses zwischen Eitelkeit, Selbstzweifel, Melancholie, Celebrity-Kult und Unschuldsverlust nach der Wahrheit eines Künstlerlebens und nach der Gültigkeit der Kunst suchenden Films.

Laura Amelia Guzmán, Israel Cárdenas DOM. REP./MEXIKO/ARGENTINIEN 2014

Samana, Dominikanische Republik: Anne und Noeli sind ein unmögliches Paar; eine alte Frau und ein junges Mädchen, eine wohlhabende Europäerin und eine arme Südamerikanerin. Sofort schrillt der Klischee-Alarm, stellen sich die üblichen verdächtigen Fragen: Wer macht sich die größeren Illusionen über Natur und Dauerhaftigkeit dieser Beziehung? Wer beutet wen auf welche Weise aus und warum? Chaplins und Mojicas Spiel aber hält die Dinge des Herzens in der Schwebe und Romantik zumindest für möglich, indem es die Ausgangslage – Tourismus und Prostitution – in ein Geflecht aus Naivität, Sehnsucht und Einsamkeit transformiert.

Rakhshan Banietemad Iran2014

Die 1954 in Teheran geborene Rakhshan Banietemad ist eine mutige Filmemacherin, die für ihre Arbeit immer wieder mit Arbeitspausen und Kämpfen mit der Zensur bezahlen musste. Umso wertvoller ist daher diese vielschichtige Erzählung von den gesellschaftlichen Rändern, der Willkür der staatlichen Macht, einer verlorenen Jugend und eigensinnigen Frauenfiguren. Was wie ein herkömmlicher sozialkritischer Film beginnt, steigert sich zu einer realistischen Parabel über Kunst und Gesellschaft, hin zu einer langen Dialogszene zwischen einem jungen Mädchen und einem jungen Mann, die mehr über den heutigen Iran erzählt, als ein Dutzend beliebiger Filme.

Ira Sachs USA2014

Endlich verheiratet! Nach fast 40 Jahren Zusammenlebens! Und dann mit einem Male wohnungslos. Die Erfahrungen, die Ben und George, zwei gesetzte, kultivierte Herren, auf ihre alten Tage noch mit gesellschaftlicher Doppelmoral machen müssen, sind überaus schmerzlich. Denn sie kommen nur räumlich getrennt voneinander bei Freunden unter und es ist, als würde ein Ganzes auseinandergerissen. Vom Gespür für Lebensorte ebenso bestimmt wie vom Gefühl für Nuancen und Details inszeniert Sachs die Geschichte dieses Aktes der Gewalt und seiner Folgen nicht als Anklage, sondern als Klagegesang, zu Herzen gehend vorgetragen von Lithgow und Molina in den beiden Hauptrollen.

Marie Amachoukeli, Claire Burger, Samuel Theis F2014

Die Jüngste ist sie nicht mehr und die vielen Jahre ihres hard-partying Nightlifestyle haben Spuren in ihrem Gesicht hinterlassen, nun aber lockt der Hafen der Ehe und endlich scheint doch noch so etwas wie Ruhe einzukehren ins Leben der 60-jährigen Barhostess Angélique und ihrer vier überwiegend erwachsenen Kinder unterschiedlicher Väter. Passenderweise in einer Grenzregion (Lothringen) angesiedelt, ist diese aus der Realität herübergeschwappte, mitreißende Milieu- und Charakterstudie, in der Chaos auf Ordnung, Torschlusspanik auf Romantik, Freiheit auf Konvention trifft. Und Dokument auf Fiktion: Angélique ist Samuel Theis Mutter, die Familie spielt sich selbst.

Suha Arraf 2014

Ein psychologisches Kammerspiel im Angesicht des israelisch-palästinensischen Krieges, der im Film aber nur als bedrohliche Hintergrundstrahlung erlebt wird. Drei unverheiratete Schwestern aus der Oberschicht von Ramallah haben sich in ihrer mit leerem Prunk ausgestatteten Villa wie in einem Mausoleum eingerichtet und träumen von jenen Zeiten vor dem Sechstagekrieg, als Klasse und Kultur noch etwas galten. Als ihre Nichte Badia in diese Tristesse royale einbricht, versuchen sie das unbeholfene Mädchen buchstäblich gewinnbringend an den Mann zu bringen. Doch Badia verliebt sich in einen Freiheitskämpfer und das Unheil nimmt seinen Lauf.

Monika Treut D 2014

Junge Mädchen und ihre Liebe zu Pferden sind ein gesellschaftliches Phänomen, dem sich zahlreiche Filme, Bücher, ganze TV-Serien verdanken, aber wenig Relevantes und Ernstzunehmendes. Eine Ausnahme, ein richtiger Glücksfall ist in diesem Zusammenhang VON MÄDCHEN UND PFERDEN der deutschen Filmemacherin Monika Treut. Treut gilt nicht wenigen als eine radikal-feministische Underground-Künstlerin, umso überraschender ist diese geradezu klassische, realistische und subtile Geschichte von zwei Freundinnen, die einen Sommer lang auf einem Reiterhof arbeiten, eine Coming- of-Age-Erzählung frei von Exploitation und Klischees. Was hätte wohl John Ford dazu gemeint?

Bleibt nur noch die Frage offen, was wirst du dir bei der diesjährigen Viennale anschauen wirst?

Alle Filmbeschreibungen sind der Viennale-Homepage entnommen worden.

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