Alles, was wir wollen, kann passieren – solange du kein Mädchen bist

Das Musical Mary Poppins hatte vor ein paar Wochen Premiere in Wien, und als großer Fan von Disney, Musicals und Kinderfilmen allgemein, habe ich nicht lange gewartet bis ich hingegangen bin. Es war Samstag Abend, jeder Platz war besetzt, und von der dritten Loge rechts, die ich mit meiner Mutter geteilt habe, konnte man leider nur die Hälfte der Bühne sehen.

Das Musical basiert teilweise auf der Disney-Verfilmung, und zum Teil auf dem Buch, welches die Vorlage für den Disneyfilm war. Die Autorin von Mary Poppins, Pamela Lyndon Travers, ist nur wenig bekannt – sie war eine esoterische Sozialistin, die eine langjährige Beziehung mit einer Frau führte, und sie war eigentlich gegen die Disneyverfilmung ihre Bücher. Die Bücher, die in den 30er Jahren geschrieben wurden, habe ich zwar noch nicht gelesen (sie stehen auf meine Liste) aber ich habe es sehr geschätzt, die verschiedenen Lieder und Figuren, die nicht im Disneyfilm vorkommen, auf der Bühne zu sehen (den Disneyfilm kannte ich ja schon auswendig). Und Annemieke van Dam, in die ich schon seit Elisabeth verliebt bin, gibt eine fantastische Mary Poppins ab!

Aber warum schreibe ich denn über Mary Poppins auf einem queer-feministischen Blog?

Die erste Bewertung meine Mutter, als der Applaus zur Ende war, fasst es gut zusammen:

”Naja, feministisch gesehen war es ja eine Katastrophe.”

„Alles was wir wollen, kann passieren“ – so singen sie am Ende, als sich alle Probleme aufgelöst haben und die Familie glücklich zusammen Drachen fliegen geht. Aber welche Träume waren es, die wahr geworden sind?

Am Anfang wird es (wie üblich in Kindermärchen) klar dargestellt, was sich die verschiedenen Charaktere wünschen oder brauchen. Der Vater ist offensichtlich unglücklich mit seiner Arbeit, obwohl er sich einredet, sein Leben wäre gut. Die Kinder wünschen sich mehr Zeit mit ihrem Vater. Die Mutter wünscht sich Freundinnen, eine glückliche Familie, und eine Karriere als Schauspielerin.

Deutlich ist vor allem der Kontrast zwischen den beiden Elternteilen, auch im Hinblick auf das, was dann am Ende tatsächlich passiert. Mr Banks muss realisieren, dass die Kinder mal älter werden und es jetzt seine Chance ist, mit ihnen Zeit zu verbringen. Er muss dabei aber nicht wirklich etwas opfern – er behält seine Arbeit, bekommt sogar eine noch höhere Position, als er am Anfang hatte, und bis auf das, dass er jetzt ab und zu mal seinen Kindern eine gute Nacht wünscht, ist eigentlich alles ziemlich gleich. Es wird aber als beinahe heroisch dargestellt, und wieder einmal sehen wir, wie im Familienleben das bloße Minimum an Anständigkeit bei Männern als aufopfernd und heldenhaft gesehen wird. Er ist nicht mehr unfreundlich zu seiner Frau und seinen Kindern! Was für ein tolle Vater!

Mrs Banks hingegen, versucht ihren Mann zufrieden zu stellen, indem sie andere Frauen aus ihrem sozialen Umfeld zu sich nach Hause einlädt, obwohl sie mit ihnen eigentlich gar nichts zu tun haben will. Ihr wird verboten, zur Schauspielschule zu gehen, und obwohl es als ungerecht dargestellt wird, dass ihr Mann ihr dies verbietet, bekommt sie dennoch am Ende nicht ihre Chance. Als er einmal doch realisiert, dass er vielleicht ein bisschen netter sein sollte, und ihr sagt, sie solle es mit der Schauspielkarriere doch probieren, was antwortet sie da? „Ich bin eh nicht so gut im Schauspielen. Ich möchte lieber daheim bei meiner glücklichen Familie bleiben, damit wir kein Kindermädchen mehr brauchen.“ Nicht Wort für Wort zitiert, aber die Message wird deutlich: Meine Träume waren sowieso unrealistisch, und jetzt, wo mein Mann glücklich ist, brauche ich auch keine Beschäftigung außerhalb der Familie, sondern will nur meine Rolle als Ehefrau erfüllen.

Im Kontrast mit der Mrs Banks, die wir aus dem Disneyfilm kennen, macht es mich noch wütender. Denn im Disneyfilm ist Mrs Banks keine einsame Frau – sie ist eine Suffragette („we fight for our rights – militantly!“). Die gehorsame Mrs. Banks, die auf der Wiener Bühne auftritt, hat absolut nichts mit der Mrs. Banks gemeinsam, die wir von Disney kennen. Ich weiß zwar nicht, wie sie in den Büchern ist, aber ich war sehr enttäuscht, dass dieser Teil ihres Charakters weggelassen wurde.

Bei den Kindern ist es subtiler, aber dadurch eigentlich fast noch gemeiner, wie sie zeigen, dass die Träume von Mädchen, im Gegensatz zu denen der Buben, nichts bedeuten.

Jane und Michael sind die zwei unruhigen, wilden Kinder. Am Anfang, wenn die Träume der verschiedenen Charaktere ausgesprochen werden, gibt es hier zwei Ebenen: der gemeinsame Traum der Kinder und die individuellen Träume jedes einzelnen Kindes. Hier zeigt sich bereits das Problem. Jane hat nämlich gar keine eigenen Träume! Sie spricht nur von dem, was sie und ihr Bruder sich gemeinsam wünschen (ein nettes Kindermädchen und Eltern, die mit ihnen Zeit verbringen) aber was sie sich für sich selbst wünscht, wird verschwiegen. Dagegen hat ihr Bruder einen ganz konkreten persönlichen Wunsch, welcher Jane nicht inkludiert: Er will mit seinem Vater Drachen fliegen gehen. Dieser Wunsch wird am Ende natürlich auch erfüllt, in einem klassischen Vater-Sohn bonding moment.

Aber das ist noch nicht alles. Während Jane keine besonderen Interessen hat, hat Michael eine Leidenschaft für Astronomie. Und als Mary Poppins die Familie verlässt, gibt sie Michael als Abschiedsgeschenk ein eigenes Teleskop – ein sehr besonderes Geschenk. Und was bekommt Jane? Eine Halskette mit einem Foto. Ja, das ist richtig. Mädchen, auch die wilden, bekommen die komplett unnützen aber dekorativen Geschenke, denn was soll man ihnen denn überhaupt geben, wenn sie sich ja eh nichts wünschen?

Es entspricht genau dem Muster, welches auch Mrs Banks schon zeigt. Die Träume von Mädchen und Frauen sind nicht ernst zu nehmen, und vor allem nicht dann, wenn sie gegen die Träume der Männer wirken. Am besten sollte Mrs Banks ihren eigenen Traum vergessen, damit ihr Mann glücklich sein kann in dem Wissen, dass sie ab jetzt kein Kindermädchen mehr brauchen, weil die Frau ohnehin zu Hause ist. Dass Jane keinen eigenen Traum ausspricht, der ihren Bruder nicht mit einschließt, wirkt in diesem Rahmen der Geschichte nicht überraschend.

Was zeigt das den unzähligen Kinder, die sich jetzt Mary Poppins anschauen werden? Nicht nur werden die Träume der Mädchen nie erfüllt – es gibt sie einfach nicht. Wie so oft in unserer Kultur werden die Mädchen unsichtbar gemacht, sind ein Teil von einer Geschwistergruppe, aber kein eigenes Individuum. Jemand, der seine Träume mit anderen teilt, aber keine eigenen hat. Wenn die ganze Truppe dann auf der Bühne steht und singt „Alles was wir wollen, kann passieren” wird die Ironie erst richtig sichtbar, denn welche Träume sind im Endeffekt wahr geworden? Die von Michael und Mr Banks. Mrs Banks hat ihre Träume hinter sich gelassen und Jane hatte überhaupt keine. Dass Kinder mit dieser Message gefüttert werden, kann einfach nicht verteidigt werden.

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