Transformation mit Haut und Haar

Ich solle doch wieder einmal über mich und mein Trans*sein schreiben, meinte kürzlich ein_e Freund_in von mir. Ich sagte dann, ich möchte eigentlich gerade nicht so gerne über mich schreiben, dann habe ich mich gefragt warum das so ist. Ich habe festgestellt, dass es derzeit näher ist als sonst, über mich zu schreiben und das der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen.

Warum eigentlich, ich könnte euch derzeit keinen greifbaren Grund nennen. Wenn ich in mich hinein höre, dann merke ich schon so etwas wie ein Bedürfnis von Privatheit, Privatleben, auch was mein Tans*sein betrifft. Eigentlich bin ich da gespalten, ich möchte mein Privatleben haben, und gleichzeitig möchte ich andere Menschen an meiner Entwicklung teilhaben lassen. Warum das? Naja, vor allem um anderen Betroffenen Mut zu geben, mich zu vernetzen, Solidarität zu bekunden und einer Gemeinschaft Ausdruck zu verleihen, denke ich.

Und weil ich mich nicht dafür schämen möchte, wer ich bin. Ich möchte hinaustreten, und ausdrücken, „seht her es gibt mich und Tausende andere wie mich, wir sind hier, unterschiedlich, alle schön, gut und berechtigt unbeschadet auf dieser Welt zu existieren!“.

Und dann, gibt es da meine kleine egoistische Innenwelt, die mir sagt, ich brauche meine Grenzen, mein „nur für mich“ und mit meinen Liebsten sein.

Nachdem geklärt ist, dass das gar nicht so einfach ist mit dem Erzählen, ein kurzes Update zu mir.

Ich nehme seit fast vier Monaten Hormone, also dieses „männliche“ Hormon, Testosteron. Ich finde, mein Moustache ist bereits sichtbar, was bei meinen blonden Haaren kaum auffällt, leider, muss ich gestehen. Lieber wäre mir ja manchmal ich hätte dunklere Haare, aber auch nur, weil mensch dann meine Haare mehr sehen würde und das fände ich toll. Übrigens wartet das OP Magazin mit einem ganzen Heft zu Haaren auf, ja, ein ganzes Heft voller Haare. Das OP Magazin kommt in Heft-Form auf den Ladentisch und nennt sich im Untertitel „Trans Male Quarterly“. Ich mag das Magazin weil ich darin laufend Beiträge finde, die mich unterstützen und mir das Gefühl geben, da gibt es noch andere „von meiner Sorte und mit meinem Geschmack“. Ich habe in der Haarausgabe verschiedene Dinge gelesen, die mich auch schmunzeln ließen. Das Haarthema ist ja ein sehr breites, manche wollen sie einfach nur loswerden und manche sind gerade besessen davon, dass sie wachsen, vor allem im Gesicht.

Offensichtlich sind Haare nicht einfach nur Haare, nein, sie sind ein Spiegel des „angemessenen Geschlechtsausdrucks“, oder werden öfters als solcher verstanden. Letztens habe ich wieder festhalten dürfen, dass ich meine Haare mittlerweile liebe, das war nicht immer so. In Zeiten in denen ich mich als Frau* und Lesbe* gesehen habe, mochte ich zumindest meine Beinhaare nicht. Haare an anderen Menschen, mir nahen Menschen, störten mich nicht, oder sie waren nicht so bedeutsam für mich. Mittlerweile finde ich Haare oft einfach schön, manchmal heiß. Wunderbar, jetzt habe ich auch noch einen Haarfetisch, meine Perversionen weiten sich aus. Warum auch immer, aber ich bin offener geworden, ich meine das jetzt gar nicht so auf meine Persönlichkeit bezogen, nein, ich bin oder fühle mich sexuell offener, geschlechtsoffener, und haaroffener. Ich muss schon sagen, da hat mainstream-technisch einiges versagt bei mir. Ja, ich mag mich, ich liebe meinen Körper, oft, öfter als früher, und manche Stellen von mir selbst als „Problemstellen“ diagnostiziert, sind immer noch da. Wenn ich mir aber gerade beim „wachsen“ zusehe, mich betrachte und den Schatten unter meiner Nase und über meiner Lippe wahrnehme, wird mir angenehm warm und ich kann mich nur mehr angrinsen.

Ich finde mich manchmal so richtig heiß und diese Selbstliebe macht etwas Gutes mit mir. Die Haare an anderen Menschen sind mir auch lieber als zuvor, auch diese finde ich derzeit aufregend und schön. Ich sage derzeit, weil sich mein Geschmack auch ändern kann, so wie sich Geschmäcker manchmal ändern. Ich werde ab und an gefragt, ob ich denke, dass ich schwul werden könnte, oder nicht mehr auf Frauen*/Lesben* stehen würde. Zu beiden Fragen hege ich mittlerweile eine entspannte Einstellung, nicht, dass das immer so gewesen ist. Die Angst hat mich manchmal gelähmt, Angst „mein lesbisches Begehren“ samt dazugehöriger Personen zu verlieren und die Aussicht wie das wohl so als Trans*tomboi unter lauter cis-schwuler Männer* wäre, haben mich nicht gerade entspannt.

Doch inzwischen, bin ich ruhiger geworden, vielleicht sind das auch die vier Monate Testosteron in meinem Körper, die ein Wunder wirken; wird Testosteron-Menschen nicht eine überdurchschnittliche Ruhe zuerkannt!? Beziehungsweise müsste ich nach einem Mainstream-Verständnis jetzt einfach weniger „hysterisch“ sein?! Leute, ich beliebe zu scherzen, obwohl ich das Testosteron in meinem Körper merke, so mein Gefühl, und ich spüre, dass es wirkt, bin ich mehr als dieser Hormonstoff, auch das bemerke ich. Aber gut, wieder zurück zu dem eigentlichen Thema.

Manche Fragen sind ehrlich gesagt schwer zu beantworten, oder sie bleiben offen, eigentlich ja alle. Aber bei manchen Fragen habe ich so ein anderes Gefühl, ein sicheres. Eines davon formuliere ich sehr gerne, weil es mich einfach glücklich macht, dass es so ist. Ich begehre Frauen*/Lesben*, das hält sich in den letzten Jahren auch die Waage, daher nehme ich an, dass das nicht völlig verschwinden wird. Es ist eher etwas dazu gekommen, Männlichkeiten wurden in mein Leben, meine Phantasien und mein Begehren integriert und zwar positiv (im Übrigen auch keine leichte Übung), ich habe Tendenzen und Vorlieben und ein breites Interesse. Desweiteren empfinde ich mich selbst als fließend und nuancenreicher in meiner Identität.

„While I often wish that I was born a bio boy and didn’t have to go through all this, it’s more often that I find it a blessing to have lived and experienced both sides of life, sex and gender and to get to play in-between. To have been a girl, a woman, a lesbian, a dyke, a tomboy, a ‚questioning‘, a boy and now a queer man is pretty amazing and fucking hot“.[1]

Tja Leute, euch fehlt zu dieser Aussage leider das wirklich entzückende Bild dieser Person in Shorts und Nietengürtel, auf der Wiese liegend und einfach hinreißend und zufrieden lachend. Er* spricht mir aus der Seele, in Anteilen, einen Tag mehr, einen Tag weniger, die Nuancen sind es die er* für mich anspricht und die eine Verbindung zu mir schaffen. Ich brauche diese Form der Worte wie eine gute Körpermilch, damit meine Haut nicht austrocknet und rissig wird. Über mehr solche unterstützenden, solidarisierenden, und verbindenden Worte, freue ich mich in meinem weiteren Leben.

Worüber ich mich nicht freue und wogegen ich meine Stimme erhebe, sind Menschen die „meinesgleichen“ des Todes und sonstiger Dinge bedroht, wie dies ProfX Hornscheidt beispielhaft kürzlich erfahren musste. ProfX Hornscheidt wies in einem Interview darauf hin, dass es auch im Universitätssprachkontext, vernab der männlichen/weiblichen Anrede auch eine gender-offene Anrede geben müsse. Die Notwendigkeit über Geschlecht zu verhandeln und für die Selbstbestimmung junger und erwachsener Trans*personen und Menschen im Allgemeinen einzutreten, wird meines Erachtens durch Diffamierungen und Hetzkampagnen (mensch möge das nun Transphobie/Homophobie, etc. nennen) besonders ersichtlich.

Was in aller Welt ist euer Problem!? Eure konstruierten Schwierigkeiten die Kinder erleiden würden, wenn sie den „Genderlinken“ glauben schenken, könnt ihr euch aufzeichnen, es ist eine leere Hülle. Im Gegensatz dazu, seid ihr ein Problem, ihr Hasser*innen und Hetzer*innen. Warum?

Weil Menschenverachtung Kindern schadet.

Als selbsternannte Vorbilder des „moralischen und rechten Weges“ bedroht ihr Menschen mit dem Tod, tretet für Gewalt gegen Menschen ein, die auf ihre Selbstbestimmung beharren und sich für ihr Leben und Lieben einsetzen. Ihr schürt Gewalt und Hass und schafft ein Klima der Angst. Damit wollt ihr den nächsten Generationen ein gutes Leben ermöglichen?!

Ich sehe das anders und entgegne euch angelehnt an Worte von Alice Walker mit, Erwachsene müssen laufend Umgebungen schaffen und sich in einer Form verhalten, sodass Kinder möglichst wenig Angst haben.

Sodenn haters, ich fürchte mich nicht vor der Liebe, und wenn sie da ist, dann versuche ich sie mit jeder Pore meines Körpers zu schätzen. DAS möchte ich jungen Menschen gerne vorleben und „beibringen“.

[1] Original Plumbing. Trans Male Quaterly, The Hair Issue, No. 02/Winter 2010.

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