Warum ich mich noch einmal orientiere

Mir ist was passiert, das glaubt ihr gar nicht. Die letzten Jahre über habe ich meine sexuelle Orientierung als lesbisch beschrieben, weil mich Männer zwar intellektuell, aber sexuell gesehen nun mal nicht interessiert haben. Ich hab mich in Frauen verliebt. Davon hab ich dann meinen Freund_innen erzählt. Ich hab mich meinen Eltern gegenüber geoutet und mich in der queeren Community bewegt und so weiter und so fort. Dann ist ein Mensch in mein Leben getreten, und ich habe mich in diesen Menschen verliebt. So richtig. Und ich hatte Glück, denn dieser Mensch hat meine Gefühle erwidert. Vielleicht habt ihr die Pointe schon erraten? Dieser Mensch ist ein Cis-Mann.

Was soll ich sagen. Allgemein gesehen habe ich persönlich es mit den Geschlechtergrenzen nie so genau genommen; die Gründe für das vehemente Teilen der Menschheit in Frauen und Männer wollen mir manchmal immer noch nicht so recht einleuchten. Trotzdem war ich erst mal verwirrt. Denn ich lebe in einer Gesellschaft, die sich am binären Geschlechtersystem orientiert und deswegen hab ich versucht, in ihr einen Platz zu finden. Infolgedessen hab ich mich als lesbisch definiert. Wie passt das dann also zusammen mit meinen Gefühlen für diesen Mann?

 Der queeren Community gegenüber hab ich mich erst mal so gefühlt:

Ich habe an mir selbst zu zweifeln begonnen: Bin ich jetzt eine Verräterin? Wenn ich auf der Straße mit dieser bestimmten Person herumgehe, die mir sehr wichtig geworden ist, dann sieht es aus, als wäre ich hetero. Manchmal kommt es mir vor, als müsste ich das Gegenteil irgendwie beweisen.

Welches Label habe ich jetzt? Eine Zeit lang ist mir die Lust auf Labels vollkommen vergangen. Einerseits erkenne ich ihren Sinn gegenüber Institutionen und politischen Angelegenheiten gegenüber an. Andererseits geht mir das Schubladendenken – auch das Denken in ganz vielen Schubladen- manchmal auf die Nerven. Technisch gesehen bin ich wohl irgendwo zwischen bi- und pansexuell anzusiedeln. Doch die Art und Weise, wie Bisexualität von der Hetero- wie auch von der queeren Welt gesehen wird, gefällt mir ganz und gar nicht. „Questioning“ gefällt mir auch ganz gut. Was ich also bin: verliebt. Was ich nicht bin: verwirrt oder zu feige, mich zu outen oder Hetero-Vorteilen nachlaufend.

Denn: Ich kann mir auf einmal – vollkommen unerwartet – ganz sicher sein, wegen meiner Beziehung nicht diskriminiert zu werden. Ich könnte in eine katholische Kirche spazieren, sagen, dass ich heiraten möchte, und die dort würden sagen, passt, mach ma! Das ist alles so seltsam. Nur weil ich mich zufällig in eine Person verliebe, die alle Erwartungen erfüllt, die von der Gesellschaft gestellt werden, habe ich andere Rechte. Wo ist da der Sinn?! Ich kann von meiner jungen Beziehung erzählen und alle nicken nur wissend und freuen sich für mich. Gleichzeitig fühle ich mich aber auch so ungeheuer schuldig! Ich habe diese Rechte doch gar nicht verdient! Ich hab nichts dafür getan, meine Gefühle haben sich einfach so entwickelt. Die Conclusio dieses Absatzes ist eigentlich ein Ausruf an alle „Hetero-Personen“: Eure Liebe ist nicht mehr (und auch nicht weniger) wert als die aller Menschen! Der Zufall hat eure Gefühle in eine Richtung getrieben. In diese Richtung treibt die Mehrheit der Gefühle. Deswegen wurde diese Richtung irgendwann nicht mehr als komisch angesehen, sondern „normal“ genannt. Wenn die Gefühlsrichtung nicht der Mehrheit entspricht, wird sie in den meisten Ländern der Welt als „unnormal“ bezeichnet. Rechtlich gesehen habt ihr also einfach nur Glück gehabt.

2 thoughts on “Warum ich mich noch einmal orientiere

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