So sagt der Chauvinist Adieu

Mein Kollege T. wurde gekündigt. Zu sagen „zurecht“ beschreibt die Legitimation nicht mal im Ansatz. Er hätte niemals eingestellt werden dürfen. Er dürfte eigentlich nie wieder irgendwo angestellt werden. Für seine zukünftigen Arbeitgeber_innen bringt er ein steiles Kombipaket mit: Hochstaplertum, das seinesgleichen sucht, aufgeblasene Chefität-Attitüde, arrogante Grundhaltung und als Gentleman der alten Schule getarntes Machotum, verknüpft mit bis ins Mark reichende Inkompetenz, die soweit geht, dass wir irgendwann nicht mehr im Spass, sondern ganz im Ernst von einer kognitiven Einschränkung ausgingen. Es scheiterte bereits an den grundlegendsten Dingen, die für jede_n anderen selbsterklärend sind und das ist in keinster Weise übertrieben.

Ein Jahr hat er überlebt. Ein ganzes Jahr chauvinistisches Theater, eine spannende Reise durch die Psychostruktur eines schwer gestörten Narzissten, der tagtäglich gravierend projektgefährdende Schlamassel anrichtete.

Um die Umstände zu verstehen, muss gesagt werden, dass er nicht einfach nur ein furchtbarer Antipathieträger war, ebenso konnte er sehr gut sehr hilfsbereit sein, sehr wertschätzend und dem Anderen gegenüber engagiert und aufmerksam. Seine maßlose Selbstüberschätzung war stets begleitet von einer fast rührenden Zuvorkommnis und Liebenswürdigkeit. Außerdem brachte er eine gute Portion ausgefeilten, trockenen und charmanten Humor in den Arbeitsalltag, der uns zwischendurch immer wieder sehr erheiterte. Es gab also auch eine Menge wirklich sympathischer Seiten an ihm. Wahrscheinlich entsteht an dieser Stelle für die Leser_innenschaft ein schwer fassbares Bild von T., es ist oder war jedenfalls immer uneindeutig. Mensch konnte sich nie so richtig entscheiden ihn zu mögen oder zu hassen. Es ist mir aber auch hier ein echtes Anliegen festzuhalten, dass T. sich seinen Kolleg_innen gegenüber wirklich unterstützend und engagiert zeigte. Und dann aber wiederum anmaßend und belehrend.

Genauso ambivalent wie T.´s Verhalten aufgebaut war, reagierten wir ambivalent auf ihn. Ein Grund warum er überhaupt so lange überleben konnte, waren wahrscheinlich diese liebenswerten Züge, die uns ihn mögen ließen manchmal und mit der Zeit immer öfter.

Wie ging das nochmal? Frauen decken und kompensieren die Inkompetenz von Männern? Und verzeihen das Machogetue auf Grund von ein paar Nettigkeiten, die hin und wieder durchschimmern? Unser Team ist Pi mal Daumen 80:20 weiblich besetzt. Ich würde nicht davon sprechen, dass wir ihn gedeckt haben in diesem Sinne und auch nicht unbedingt entschuldigt. Wir haben ihn oft genug „zurecht gewiesen“ oder bei unserer Chefin implizit oder explizit deponiert, was T. so alles anstellt. Was wir nicht taten war, ihm einen echten Strick zu drehen aus den wirklich gravierenden und entlassungswürdigen Fehltritten, die er sich leistete. Weil mensch sich auf Grund oben genannter Dinge nicht so recht dazu entschließen konnte, ihn so sehr zu verabscheuen, um ihn tatsächlich in die Kündigung zu reiten.

Die Gründe warum wir es manchmal doch gern getan hätten?

Abgesehen von seiner ohnehin grundarroganten Ausstrahlung, legte T. routinemäßig eine herablassende Art an den Tag, was bestimmte Kund_innen betrifft. Manche davon haben nur schlechte bis mittelgute Deutschkenntnisse, was er stets zum Anlass nahm ihnen penetrant als großer Herr Österreicher von oben herab einen Deutschkurs Nahe zu legen. In einer an die Grenze der Beleidigung gehenden Weise. Er beendete standardgemäß jede seiner Predigten gegenüber seines deutschschwachen Mitmenschen mit dem lautstark und eindringlich dargebrachten Satz: „Verstehen Sie mich?!“. Es tat weh dabei zu zu sehen. Schon beim zweiten Mal, als ich eine ähnliche Szenerie beobachten konnte, war mir klar, dass sein Beharren auf gutes Deutsch daher rührte, dass ihm ein schlecht verständlicher Mensch seine eigene Hilflosigkeit vor Augen führte, die ihm ganz offenbar unerträglich ist. Wenn ich ihn ins Gebet nahm, dass er so mit den Leuten nicht reden könne, berief er sich stets darauf im Sinne eben dieser zu agieren. Er verstand auch nicht nur einen Moment lang, dass es mir dabei um seine Art ging, er begründete sein Handeln immer im Außen.

Außerdem pflegte er anfangs auf dem außen angebrachten Display seines aufklappbaren Handys, pornographische Bilder von Frauen vor sich her zu tragen. Da immer besonders wichtig am Telefon oder SMS tippen, bzw. das Handy beinahe an der Hand angewachsen, fuchtelte er damit unabsichtlich oder absichtlich vor unseren Augen herum. Zwei andere Kolleginnen und ich entdeckten die Bildchen unabhängig von einander. Ich wies ihn dementsprechend in einem Mail darauf hin sein Bild zu entfernen, da auch für – teilweise orthodoxe – Kund_innen ersichtlich und außerdem den Gleichstellungsrichtlinien unserer Firma widersprechend. An dieser Situation erlebte ich zum ersten Mal am eigenen Leib wie wichtig Gender Mainstreaming innerhalb der Firmenpolitik ist. Ich musste mich auf keine unangenehmen Debatten mit ihm einlassen was daran denn so schlimm sei oder ich nicht so empfindlich sein sollte. Ich konnte mich völlig sachlich auf die Firmenrichtlinien berufen, um von den Bildern befreit zu werden. Als kleines Detail entdeckten wir seine Bildchen am Handy ein paar Tage nachdem die überarbeiteten Richtlinien von der Geschäftsführung ausgeschickt wurden. Wir wissen bis heute nicht ob dies ein Zufall war oder un/bewusste Provokation von T. – bei seinem Blitzkneisertum kann es aber durchaus auch einfach Zufall gewesen sein. Nach meinem Mail ignorierte er mich übrigens ganze drei Tage komplett, während er auf mich eine diffuse Mischung aus Verachtung und Scham ausstrahlte, wenn wir uns begegneten.

Bald stellte sich heraus, dass die Kund_innen T. für unseren Chef hielten. Immer wieder bekamen wir zu hören „Aber Ihr Chef hat gesagt…“. Ich habe eine Chefin und das ist nicht Herr T., antwortete ich jedes Mal und so auch meine Kolleg_innen. Kein Wunder, jemand der anschafft und bestimmt, alle Regeln autonom ignoriert und bricht, kann nur der Chef sein – was er teilweise tat, weil er es sich großspurig einfach heraus nahm, teilweise aber auch weil er nicht kapiert hatte, dass er dieses und jenes in seiner Position einfach nicht machen darf, oder aber betriebslähmende Auswirkungen hat. Wie gesagt, die kognitive Einschränkung war schon sehr bald kein Witz mehr, sondern eine sehr ernst gemeinte Annahme um uns unterschiedlichste Vorkommnisse zu erklären. Manchmal erinnerte er mich an ein kleines Kind, das sich in der Rolle des Königs am Spielplatz ausbreitet und so vertieft ist in diese Phantasie, dass es nichts mehr von der Realität weiß auch nur ein Kind unter vielen zu sein.

Seinem Größenwahn genügte es auch nicht seine Beschwerden über die unmöglichen Arbeitsumstände (von denen wir bevor er kam gar nichts wussten) bei unserer direkten Vorgesetzten anzubringen, es genügte ihm auch nicht es beim direkten Vorgesetzten unserer Vorgesetzten anzubringen. Er übersprang gleich mal salopp diese zwei Hierarchieebenen, nämlich direkt zum Vorgesetzten des Vorgesetzten unserer Vorgesetzten, der keine_n weitere_n Vorgesetzte_n mehr hat. Übrigens vor allem um das untragbare Problem der Deutschkenntnisse zu besprechen. Und passender Weise die angeblich fehlende Kommunikationskultur unserer Chefin. Woraufhin wir als Antwort von der Geschäftsleitung übrigens ein äußerst unangenehmes Audit verpasst bekamen.

Am schlimmsten wurde es, als er seinen neuen besten Freund kennenlernte, nämlich M., der im Sommer bei uns eingestellt wurde. Ein Typ der Klasse Henker mit ordentlicher Portion Präpotenz und einer Art, die sich wie eine Betonmauer vor einem aufbaut oder aber über einen niederwalzt wie fünf American Football Spieler mit plötzlichem Adrenalinschub. Wir nannten ihn oft den Haifisch. T. und M. lernten sich kennen und lieben und ab da war die doppelt besetzte Macholokomotive nicht mehr aufzuhalten. Die beiden veranstalteten was auch immer sie wollten, absolut unangepasst an Üblichkeit oder Regelvorgaben, Anweisungen, gutem Benehmen, Anstand oder Kollegialität. Als die Herren der Schöpfung fuhren sie mit allem und jede_m Schlitten und bildeten auf diese Weise eine Art Machtzentrum, das sie zwar nicht wirklich inne hatten, aber zumindest ausstrahlten und auch gerne so taten als ob sie es inne hätten, was wiederum Aufruhr und Chaos für alle anderen bedeutete.

Habe ich schon erwähnt, dass wir T. irgendwie trotzdem mochten? Trotz routinemäßiger Aufregung und psychohygienischem Geschimpfe in unseren Büros und manchmal vor der Chefin? Also nicht immer, aber immer wieder mochten wir ihn trotzdem und begegneten ihm grundsätzlich auch so.

Und so sagt der Chauvinist trotz verhältnismäßig äußerst wohlwollendem und freundlichen (dafür was er alles angerichtet hat all die Zeit) Miteinander unsererseits Adieu: garnicht. Wir sind ihm keines Blickes, keiner Begrüßung, keiner Absprachen, keines Wortes mehr würdig. Wann er nicht zur Arbeit kommt um Job zu suchen, sagt er dann wenn es zu spät ist seine Stunden umzuorganisieren und hinterlässt uns das Chaos. Sein bester Freund M. wurde auch gekündigt und dieser Gentlemen wiederum hat es überhaupt bevorzugt garnichts zu sagen und von einem Tag auf den anderen zu verschwinden, obwohl noch für eine Woche voll eingeteilt und Zeit genug uns kollegialer Weise darauf vorzubereiten. Am Telefon meldet T. sich nicht mehr wie früher mit „Hallo liebe S., was gibts?“ sondern mit „Nachname“., am Gang bevorzugt er es den Boden zu betrachten kommt mensch ihm entgegen und seine allernotwendigste Informationsweitergabe ist einsilbig gehalten, kurz um: Er ist beleidigt und gescholten und lässt es an uns aus. Als hätten wir ihn gekündigt und als hätte unser Wohlwollen ihm gegenüber nicht die geringsten Spuren hinterlassen. So zeigt mann wahre Größe und ich hoffe für seine nächsten Kolleg_innen, dass er eben diese ein bisschen mäßigt, wovon ich nicht ausgehe.

Mittlerweile hatte T. seinen endgültig letzten Arbeitstag. Anstatt einer persönlichen Verabschiedung, schrieb er uns allen ein kurzes Mail, indem er eine Textpassage zitiert, die ihm zu Folge zum Abschied von uns passend erschien: „Es gibt kein zufälliges Treffen. JEDER Mensch in unserem Leben ist entweder ein TEST, eine STRAFE oder ein GESCHENK!“

Danke T., wir werden bei Gelegenheit darüber nachdenken, was genau davon du warst.

die göttinnenspeise

2 thoughts on “So sagt der Chauvinist Adieu

  1. Durfte in einer meiner früheren Stellen etwas Ähnliches miterleben, leider ist die Uni diesbezüglich bissl ein Sonderfall, wo selbst sehr auffällige bis fragwürdige Persönlichkeiten, die anderswo schon längst weg vom Fenster wären, ihr Platzerl behalten. Ebenfalls Kandidat „König des Spielplatzes“, Ignorieren aller Regeln… Und trotzdem gibt’s dann immer wieder Menschen, die meinen, naja aber so hart darf man zu dem Menschen dann ja doch nicht sein. Zum Kopfschütteln.

    • Eiin sehr guter wortgewandter Artikel.

      Ein Mann, der versagt und zwischen Nettigkeit (schuldbewußt) und Machohaftigkeit (ich muss meine Verletzlichkeit und meinen Scham durch einen undurchdringlichen Panzer an Präpotenz verbergen) ambivalent wechselt.

      Diese Passage finde ich genial:

      „Nach meinem Mail ignorierte er mich übrigens ganze drei Tage komplett, während er auf mich eine diffuse Mischung aus Verachtung und Scham ausstrahlte, wenn wir uns begegneten.“

      Erlebtet ihr jemals bei einem Mann ein ehrliches aufrichtiges Schamgefühl?
      Ich nahm nur Abgewandtheit, überspielen durch peinliches Kichern oder breit treten eines anderen Themas, …als Scham für die Scham wahr.

...und was sagst du dazu?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s