Die tickende Uhr

Pampers-Werbungen und Fruchtbarkeitstest: Youtube beglückte mich in letzter Zeit mit interessanten Werbeeinschaltungen. Ich war etwas beunruhigt: Kennt Youtube mein Alter und sendet mir deshalb Baby- und Fruchtbarkeits-Werbungen? Auch die darauf folgende Porsche-Werbung hat an der Beunruhigung nichts mehr geändert.

Tja, ich bin 31, um mich herum werden immer mehr Freundinnen* Mütter, meine Familie wollte mir schon vor zwei Jahren eine Drei-Zimmer-Genossenschafts-Wohnung einreden, meine Ärzt*innen sprechen mich regelmäßig darauf an und wenn ich mich mit anderen Frauen treffe, kommen wir einfach nicht an dem Thema vorbei:

Kinder kriegen.

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Durchschnittlich sind österreichische Mütter bei der Geburt des 1. Kindes derzeit 29. Es ist also durchaus statistisch normal, dass mich dieses Thema beschäftigt. Und ich bin ja auch gar nicht komplett abgeneigt: Ich wollte eigentlich immer ein (!) Kind, mir ist/war das schon wichtig.

Ich fände es spannend und vielleicht schön (wenn ich nicht die ganze Zeit kotze), schwanger zu sein und auch ein Kind groß zu ziehen. Abgesehen davon ist es sicher ein Erlebnis, und ich probiere gerne neue Dinge aus. Aber so ein Kind ist doch etwas – naja – langfristiger als Weinbergschnecken essen, Snowboarden lernen oder in Indien studieren. Gleichzeitig ist die langfristige Perspektive ja auch das Schöne daran, ein Kind in die Welt zu setzen (immer wer da, der von dir abhängig ist und dich lieb haben muss ;-)). Und ja, auch ich drehe mich in der U-Bahn nach Babys um und winke oder mache Grimassen. Ist das etwa die Uhr?

Aber ich stehe im Moment ja vor keiner Entscheidung: ich bin Single und so gern ich vielleicht ein Kind hätte, habe ich derzeit nicht vor, allein eines in die Welt zu setzen. Und ganz ehrlich, wäre ich in einer Beziehung, wüsste ich auch nicht so recht: Bei den funktionierenden heterosexuellen Beziehungen in meinem Freundeskreis habe ich den Eindruck, dass es die Frauen sind, die auf die Bremse steigen, während die Männer gerne Kinder hätten. Und ich versteh’s: Es liegen lange Jahre der Ausbildung hinter uns, des Hackelns, einen Platz im Leben finden, Geld verdienen, Freundeskreise finden,… Endlich sind wir halbwegs da angekommen, wo wir hin möchten und können das Leben genießen. Und anstatt zu genießen, sollen wir uns nun um ein Kind kümmern? Das scheint für viele Frauen eher dann attraktiv, wenn sie eine berufliche Auszeit möchten.

Denn auch wenn junge Väter mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen: Frauen sind schwanger. Frauen stillen das Baby. Und die Hauptlast tragen im Normalfall auch bei der Betreuung noch die Frauen. Sie sind es, die im Zweifelsfall auf die Kinder aufpassen, ihr Leben lang Mutter bleiben und zurückstecken:

„Kinder werden von vielen jüngeren Vätern heute erfreulicherweise als Bereicherung für das Leben angesehen, aber sie sollen eben nur bereichern und nichts wegnehmen: keine Karrierechancen, keinen beruflichen Erfolg, keine Zeit für sich selbst. Kinder werden von Vätern immer noch additiv betrachtet.“ (Zeit.de)

So sehr ich’s mir wünsche, ich sehe einfach die Lösung für dieses Dilemma nicht. Gleichzeitig macht es mich traurig, dass es so wenig alternative Lebensentwürfe gibt, mit oder ohne Kind. Dass es meistens die Frauen sind, die sich überhaupt diese Gedanken machen und sich rechtfertigen müssen (für Kinderlosigkeit, fürs Arbeiten, aber auch fürs Nichtarbeiten mit Kind). Dass die Debatte immer so einseitig geführt wird: Warum arbeiten wir überhaupt alle so viel? Warum eine 40-Stunden-Woche? Und weshalb erfordert „Karriere-Machen“ eine 60-Stunden-Woche? Warum wird unser kapitalistischer Optimierungsgedanke auch auf Familiengründung und Mutterschaft übertragen? Vielleicht wär’s doch einfach besser ohne Kind?

Und über all diese Fragen bin ich am 15. Jänner im Chicklit gelandet, wo Sarah Diehl aus ihrem Buch „Die Uhr, die nicht tickt. Kinderlos glücklich. Eine Streitschrift“ gelesen hat. Aber das ist eine andere Geschichte (und, sobald das Buch fertig gelesen ist, ein neuer Blogeintrag!).

4 thoughts on “Die tickende Uhr

  1. Schöner Beitrag, weil er spricht mich auch irgendwie an.
    Betreffend, wo stehe ich, wo will ich hin, ist die Zeit reif, ist es höchste Eisenbahn, was möchten andere von mir?

    „Warum arbeiten wir überhaupt alle so viel?“

    Genau das denke ich mir auch immer. Würde es zB mehr gerecht entlohnte Teilzeitarbeiten geben, gäbe es auch wieder mehr Arbeitsplätze und jeder hätte eventuell mehr Zeit für seine Selbstverwirklichung.

    Und dann denke ich mir immer, warum erfinden wir Maschinen, die uns die Arbeit erleichern, aber dann wollen wir nicht, das sie uns die Arbeitsplätze wegnehmen.

    Aja und sollte dir die Werbung auf youtube auf die Nerven gehen, dann installier doch das Firefox-Addon „Ablock Plus“ (sollte es auch für andere Browser geben) ;)

    • Hallo

      Mal abgesehen davon,dass ich jetzt total Gusto auf Marillenknödel habe, könnte der Zeitpunkt für die Veröffentlichung dieses Artikels nicht besser sein.

      Mich beschleicht auch die Panik irgendwie was zu verpassen,wenn ich nicht jetzt sofort alle Erwartungen die meine Familie und und vielleicht auch die Gesellschaft an mich stellen, erfülle.

      Ich hab letztens daran denken müssen, dass ich die Mitgift die meine Familie in Form von schickem Geschirr und Silberbesteck meine ganze Kindheit über gesammelt hat,wohl nie er
      halten werde,weil ich im traditionell konservativem Sinne als Lesbe nie heiraten werde.

      Das tut mir schon irgendwo Leid und lässt mich an meinem ganzen Leben, wie ich es nun mal führe zweifeln. War und ist es richtig wie ich bin?

      Ich versuche mich damit zu beruhigen, dass ich so wie es im Moment ist eigentlich glücklich bin. Klar gibt es immer noch was zu verbessern und zu erreichen aber des passt schon so.

      Ich hoffe,niemals an diesen Zweifeln zu zerbrechen.

      • Das Problem, das ich hier sehe, ist die Art wie in unserer Gesellschaft oft bestimmte Geschenke an bestimmte Ereignisse gebunden werden und diese als selbstverständlich eingeplant werden. Ich finde die Idee ja wahnsinnig schön, zB Geschirr und schönes Besteck über einen langen Zeitraum zu sammeln, um dies dann dem Kind zu schenken. Nur: warum muss das unbedingt in Form einer Mitgift passieren? Warum nicht einfach als Geschenk für’s in eine eigene Wohnung ziehen oder so?

        Sicher leichter gesagt als getan, aber: zweifel nicht an dir. Das Problem ist halt, dass viele Eltern immer noch automatisch von einem bestimmten „Drehbuch“ ausgehen, wie das Leben ihrer Kinder wohl aussehen wird und dies heteronormativ geprägt ist. Wär schön, wenn sich das irgendwann mal aufhört.

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