Weil queer nicht scheiße ist!

In der letzten Ausgabe der LAMBDA-Nachrichten, der Vereinszeitschrift der HOSI Wien, sind zwei Artikel erschienen, die vielen in der Community und auch innerhalb der HOSI aufgestoßen sind. Einige HOSI-Menschen haben sich nun dazu entschieden eine Antwort zu verfassen, welche allerdings von der Chef-Redaktion abgeändert und mit einem Kommentar versehen wurde. Obwohl die Verfasser_innen des Textes gröbere Änderungen in diesem verhindern konnten, sind sie an die sugarbox herangetreten, mit der Bitte, die Original-Version zu veröffentlichen:

„Anlässlich zweier Artikel in den letzten LAMBDA-Nachrichten wollen wir festhalten, dass nicht alle Vorstands- und Teammitglieder der HOSI Wien die Binnen-I-Schreibweise bevorzugen. Hierbei handelt es sich um die Meinung von einzelnen Personen und nicht um die Position der HOSI Wien. Wir finden es wichtig, dass gerade eine NGO wie die HOSI Wien, die für gesellschaftliche Akzeptanz und Antidiskriminierung eintritt, die Vielfalt von Geschlecht und Geschlechtsidentitäten auch sprachlich sichtbar macht und durch Unterstrich oder Stern markiert. Wir distanzieren uns entschieden von den in den LAMBDA-Nachrichten vertretenen Positionen.“

Mit dieser Stellungnahme distanzierten sich Vorstands- und aktive Vereinsmitglieder sowie Aktivist*innen auf der Facebook-Seite der HOSI Wien von den Beiträgen in den Kolumnen „Que(e)rschuss“ und „Jugendstil“. Warum war das notwendig und wofür setzen wir uns ein?

Weil es um mehr als „nur“ Sprache geht!

Wie aus Diskussionen um das Binnen-I schon hinreichend bekannt ist, wurde unter anderem in unzähligen Studien festgestellt, dass jene Personengruppen, die sprachlich nicht genannt werden, auch nicht mitgedacht werden. Als Beispiel ein Witz – geklaut vom queer-feministischen Blog sugarbox.at, der es schon seit Jahren schafft mit Sternchen und Unterstrich auf verständliche Weise zu gendern: “Sitzen zwei Homosexuelle im Flugzeug. Sagt die eine zur anderen: ‚Jetzt haben sich bestimmt alle zwei Schwule vorgestellt.’“

Trotz dieser Erkenntnis wird die Macht von Sprache oft heruntergespielt. So werden in Diskussionen um einen antidiskriminierenden Sprachgebrauch oft Fragen wie „Habt ihr denn nichts besseres zu tun?“ und „Wollen wir uns nicht lieber mit richtigen Problemen auseinandersetzen?“ laut. Dabei wird außer Acht gelassen, dass strukturelle Diskriminierung gerade durch Sprache getragen und fortgesetzt wird.

Das heißt der Kampf gegen Diskriminierung lässt sich auf keinen Fall von einer intensiven Auseinandersetzung mit sprachlichen Handlungen entkoppeln. Dass Sprache also häufig als „nicht so wichtig“ gesehen wird, führt gerade dazu, dass bestehende gesellschaftliche Machtverhältnisse aufrecht bleiben, da durch sie Normen und Wahrnehmungen geschaffen werden. Deshalb können Ansichten von Personen, die sich scheinbar mit von Ungleichbehandlungen betroffenen Menschen solidarisieren, gleichzeitig aber eine sprachliche Sichtbarmachung von diesen Personen nicht für relevant halten, wohl nur als halbherzige Pseudo-Antidiskriminierungsversuche verstanden werden.

Weil der Chromosomensatz nicht das Geschlecht bestimmt!

Starre Rollenbilder von Männern und Frauen werden zunehmend hinterfragt und entsprechen schon lange nicht mehr der Lebensrealität vieler Menschen. Obwohl Vorstellungen von typisch „männlichen“ und „weiblichen“ Eigenschaften zunehmend aufgelöst werden, glauben noch immer viele Menschen, dass die Biologie Männer und Frauen als zwei eindeutig voneinander abgrenzbare und unveränderbare Geschlechter hervorbringt. Doch auch das so genannte „biologische Geschlecht“ ist nicht so klar bestimmbar. So besteht Geschlecht nach heutigen wissenschaftlichen Erkenntnissen aus einer Vielzahl von Eigenschaften und wird von der Biologie und der Medizin unter anderem über Chromosomen, äußere Genitalien, Keimdrüsen (Eierstöcke und Hoden), Hormone (Östrogen und Testosteron) sowie Gene definiert.

binary

Davon unabhängig entwickelt sich die Geschlechtsidentität eines Menschen. In all diesen Aspekten ist eine eindeutige Zuteilung aller Menschen in die Kategorien „Mann“ und „Frau“ nicht möglich. So wissen wir beispielsweise, dass Geschlechtsmerkmale, die als männlich und weiblich gesehen werden, bei einem Menschen nicht immer übereinstimmen, dass sowohl Männer als auch Frauen individuell unterschiedliche Level der Geschlechtshormone Östrogen und Testosteron aufweisen oder dass über 60 verschiedene Gene für die Geschlechtsentwicklung verantwortlich sind. Kennst du eigentlich deine Geschlechtschromosomen? Vermutlich nicht. Denn bei den meisten Menschen wird der Chromosomensatz gar nicht festgestellt. Ob dieser dann aus XX-, XY-, XXY-, X0 oder einer anderen Chromosomen-Kombination besteht, können wir somit nur vermuten. Auch das Geschlecht unseres Gegenübers können wir nur erraten. Denn wir wissen meist nichts über dessen Hormonhaushalt, Gene, darüber „was die Person zwischen den Beinen hat“ oder die eigene Selbst-Definition. Was wollen wir damit sagen? Geschlecht ist ein komplexes Phänomen und kann nicht auf einzelne Aspekte wie den Chromosomensatz reduziert werden. Welches Geschlecht du hast und wie du es auslebst, kannst nur du definieren. Unser gesellschaftspolitisches Anliegen ist es Raum für vielfältige Geschlechter und Geschlechtsidentitäten zu schaffen.

Geschlecht betrifft uns alle und nicht nur eine „kleine Minderheit“. Doch selbst wenn es anders wäre, drängt sich uns beim Lesen der betreffenden Artikel aus den letzten LAMBDA-Nachrichten unweigerlich eine Frage auf: Seit wann ist es in der HOSI Wien ein legitimes Argument, sich für politische Anliegen nicht einzusetzen, weil es angeblich nur eine kleine Minderheit betrifft? Wurde diese Argumentation nicht früher gerne gegen Lesben- und Schwulen-Bewegungen verwendet? Anscheinend haben manche Aktivist*innen das Gefühl, sich auf ihren Lorbeeren ausruhen zu können. Liegt es daran, dass sie sich der heteronormativen Gesellschaft soweit angepasst haben, um sich das Privileg herausnehmen zu können, nicht mehr gegen gesellschaftliche Machtstrukturen – die natürlich besonders Minderheiten hart treffen – aufbegehren zu müssen?

Von privilegierten Positionen ist auch oft die Aussage zu vernehmen, dass Sprachformen wie der Unterstrich_ oder der Stern* doch viel zu kompliziert, unverständlich und deshalb nicht praktikabel seien. Dieses Unverständnis ist allerdings keine allgemeingültige Wahrheit. Im Gegenteil: In zahlreichen Medien und literarischen Werken sowie in den an.schlägen, der ältesten feministischen Zeitschrift Österreichs, werden Schreibformen mit Unterstrich_ oder Stern* bereits seit Langem praktiziert. Und wisst ihr was: Es ändert nichts an der Verständlichkeit und Qualität der Texte! Außerdem ist es von anderen, weniger privilegierten Positionen aus eher unverständlich und überdies auch diskriminierend, wenn lediglich binäre Vorstellungen von Geschlecht sichtbar gemacht werden und die eigene Identität als in der Gesellschaft nicht existent wahrgenommen wird. Für all jene, die diverse antidiskriminierende Sprachformen als zu verworren sehen, könnte es also ein spannender Impuls sein, sich mit eigenen Normvorstellungen und Privilegien auseinanderzusetzen.

Weil die HOSI Wien vielfältig ist!

In der HOSI Wien gibt es viele unterschiedliche Meinungen. Das ist gut so, auch wenn es manchmal schwierig ist, gemeinsame Positionen zu finden. In diesem Zusammenhang fällt auf, dass sich manche Menschen mehr Raum nehmen als andere und ihre Vorstellungen lautstark und medienwirksam nach außen tragen. Die Vielfältigkeit der Menschen, die sich in unseren Projekten engagieren, wird dadurch unsichtbar gemacht. Wir wollen uns solidarisieren und aktiv mit Selbstvertretungsorganisationen von Trans*- und Inter*Menschen zusammenarbeiten. Wir wollen gemeinsam mit anderen Community-Organisationen etwas weiterbringen, weil Heteronormativität uns alle betrifft, frei nach dem Motto: „Der Kampf einer entrechteten Minderheit ist unweigerlich mit dem Kampf aller entrechteten Minderheiten verbunden.“

Cécile Balbous, Obfrau HOSI Wien
Kathleen Schröder, Schriftführerin HOSI Wien
Mariam Vedadinejad, Schriftführerin HOSI Wien
Martin Stosik, Referent EDUqueer
Marlene Pillwein, Referentin peerconnexion
Orlando Brix, Referent peerconnexion
Paul Haller, Teammitglied peerconnexion
Heidi Niederkofler, Teammitglied EDUqueer

Anmerkung: Leider wird in den LAMBDA-Nachrichten nur das Binnen-I verwendet, obwohl wir persönlich andere Schreibweisen bevorzugen würden.

7 thoughts on “Weil queer nicht scheiße ist!

  1. Schön, dass ihr dann von „LGBTQIA*“ schreibt und gar nicht in der Lage seid, zwischen Transgender und Transsexualität zu unterscheiden. Dass transsexuelle Menschen damit unsichtbar gemacht, werden, weil Mädchen, die mit vermännlichten Körpermerkmalen geboren werden dann häufig genug als „biologische Jungs mit Gender Dysphorie“ vereinnahmt werden, scheint niemanden zu stören. Nein, körperliche Bedürfnisse haben nicht immer was mit „Gender“-Identität zu tun. Manchmal geht es einfach nur um die Körper, und nicht um das soziale Geschlecht.

    Fasst Euch also mal an Eurer eigenen Nase.

  2. … gäääähn.
    Die Moslems ermorden in Dänemark einen Polizisten und verletzen mehrrr, und unsere linke Schickeria streitet um Unterstriche und glaubt, das sei. gesellschaftlich wertvolles Engagement…. Fast schon putzig…..

    • Ich kann Luise F. Pusch nicht oft genug zitieren: „Sprache erzeugt Vorstellungen, Vorstellungen beeinflussen unsere Handlungen, Handlungen beeinflussen unsere politische und wirtschaftliche Situation (die sogenannte Realität), diese wiederum beeinflusst die Sprache. Ändern wir die Sprache, so ändern wir unzweifelhaft die Vorstellungen und damit den ganzen Rest.“

    • … gäääähn.
      Der Markus schmeißt einfach alle Mitglieder einer Gruppe in einen Topf und glaubt, dass sich immer nur um ein Problem gekümmert werden kann, wobei er denkt, dass sei. gesellschaftlich wertvolles Engagement….
      Fast schon putzig…..

    • Wie kommt es dann eigentlich, dass du dich selbst keines wertvolleren gesellschaftlichen Engagements betaetigst, als uns (bzw. der HOSI Wien) vorzuwerfen, dass wir uns ueber Unterstriche streiten? Ist so eine Aktivitaet nicht nochmal eine Stufe wertloser als das, worueber du dich gerade beschweren wolltest?
      Oder ist das am Ende alles nur ein subtiler „Inception“-Insiderwitz?

  3. Pingback: Die Dunkle Seite der Macht oder: Wie Teile der HOSI Wien es immer wieder schaffen, gewisse Lebensrealitäten auszuschließen | sugarbox

...und was sagst du dazu?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s