Nachruf: Wir sind nicht alle. Hande fehlt.

Vergangenen Samstag fand in Andenken an Hande Ö., welche gewaltvoll ermordet wurde, ein bunter Demozug unter dem Motto „Nefrete inat, yasasin hayat“ – gegen transphobe (Asyl-) Politik statt. Etwa 300 Menschen nahmen teil. Anbei ein paar Fotoimpressionen und der Nachruf auf Hande verfasst von Türkis Rosa Lila Villa, TransX, Orqoa, Planet 10, Tekoşin und Freund_innen von Hande.

Hande Öncü, eine Frau, die vor Gewalt gegen Trans*Frauen und Sexarbeiter_innen in der Türkei nach Österreich geflüchtet ist, wurde nun in Wien Opfer eines brutalen, wahrscheinlich transphoben und rassistischen Mordes. Auf der Suche nach Support kam Hande gleich nach ihrer Ankunft am Flughafen in die Türkis Rosa Lila Villa. Die Vereine ORQOA (Oriental Queer Organisation Austria) und TransX (Verein für TransGender-Personen) versuchten, sie beim Ankommen in Wien und in ihrem Asylverfahren zu unterstützen. Hande hat mehrere Monate in der refugee-welcome-WG der Villa gelebt. Obwohl dort kein eigenes Zimmer frei war, wurde sie von ihren Mitbewohner_innen aufgenommen, bis sie eine eigene Wohnung fand. Sie beteiligte sich an Projekten im Villaumfeld und besuchte oft das ‚Freiräumchen'(ein wöchentlicher, offener Treffpunkt in der Villa am Donnerstag). Wir trauern um unsere Freundin Hande, die in der Türkis Rosa Lila Villa Community fand und Community zu uns brachte. Wir sind bestürzt über ihren Tod und unglaublich wütend.

Nach der Berichterstattung in den Medien und den Einvernahmen der Polizei im persönlichen Umfeld von Hande bleibt die Befürchtung, dass die Ermittlungen schleppend und unzureichend verlaufen könnten. Der Mord wird zum Teil als „Unfall“ dargestellt und verharmlost, Hande, als Trans*frau und Sexarbeiterin, wird, wie viele Opfer von Gewalt, für die Tat mitverantwortlich gemacht. Doch es bleibt ein brutaler Mord, der nicht verharmlost und entschuldigt werden darf und strafrechtlich in vollem Umfang und mit Ernsthaftigkeit verfolgt werden muss. Wir fordern die Polizei auf, die Ermittlungen umfangreich, verantwortungsbewusst und ernsthaft zu führen. Den Mord aufzuklären ist wichtig, damit Freund_innen von Hande mit dem Verlust besser umgehen können, um zu zeigen, dass Hassverbrechen geahndet werden, und letztlich um dazu beizutragen, dass sich solche Verbrechen nicht wiederholen.

Menschen, die wie Hande vor trans- oder homophober Gewalt und Diskriminierung fliehen und in Österreich Sicherheit suchen, um selbstbestimmt hier leben zu können, finden sich in einer prekären Situation wieder: Viele sind erneut mit Diskriminierung und Unverständnis durch Behörden, Berater_innen, Sozialarbeiter_innen und Mitbewohner_innen in Flüchtlingsunterkünften konfrontiert. Die österreichischen Asylbehörden bieten keinen entsprechenden Schutz für LGBTIQ-Flüchtlinge, sondern bringen diese oft in entlegenen Dörfern unter, wo es keine Community und Zugang zu entsprechender Beratung und Unterstützung gibt. Viele entscheiden sich in dieser Situation, die Flüchtlingsunterkünfte zu verlassen, auch wenn dies den Verlust von finanzieller Unterstützung und Krankenversicherung nach sich zieht. Ohne legale Arbeitsmöglichkeiten ist das eine sehr prekäre und verletzbare Situation, für die es leider auch in weiten Teilen der LGBTIQ-Community in Österreich wenig Aufmerksamkeit gibt. Wir fordern daher, dass LGBTIQ-Flüchtlingen ein besonderer Status im Asylverfahren zugestanden wird. In Wien und mindestens zwei weiteren Städten muss selbstverwalteter Wohnraum zur Verfügung gestellt werden, wo es Beratung und Unterstützung innerhalb eines Communitykontexts gibt. Trans- und homophobe Gewalterfahrungen müssen ernstgenommen werden, damit ein sicherer und selbstbestimmter Alltag gelebt werden kann. In Zusammenarbeit von Türkis Rosa Lila Villa mit Orqoa, TransX und vielen einzelnen Aktivist_innen entsteht gerade ein Netzwerk dafür, das weitere Ressourcen und engagierte Personen benötigt.

Für viele Asylwerber_innen stellt sich die Frage, wie sie ihren Lebensunterhalt bestreiten können. Dies betrifft insbesondere jene, die z.B. aufgrund von Gewalterfahrung in den Flüchtlingsheimen und aufgrund mangelnder Alternativen aus der Grundversorgung fallen. Aber auch jene, die private Unterkünfte beziehen, finden mit den zur Verfügung gestellten Mittel kein Auskommen. Durch das Verbot für Asylwerber_innen zu arbeiten, wird diese Situation verschärft, denn Ausnahmen dieses Verbotes gibt es nur für Saison- und Sexarbeit. Für viele Migrant_innen und Asylwerber_innen ist die Sexarbeit daher eine der wenigen legalen Möglichkeiten, sich selbst zu versorgen. Jedoch ist dieser Bereich in den Bundesländern gesetzlich unterschiedlich geregelt, wobei die meisten Formen von Sexarbeit wie etwa der Straßenstrich sehr restriktiv reguliert sind und an den Rand gedrängt oder völlig kriminalisiert werden. Angesichts der mehrfach verletzlichen Situation Handes als Asylwerberin, Trans*frau und Sexarbeiterin fordern wir nicht nur sichere Unterbringung sondern auch sichere Arbeitsplätze in und außerhalb der Sexarbeit.

Wir sind empört über die menschenverachtende, transphobe und reißerische Berichterstattung über dem Mord an Hande! In den ersten Artikeln wurde sie als Mann bezeichnet, eine Information, die vermutlich einer Meldung der Polizei entstammt. Später drängte die reißerische Berichterstattung, die Handes Geschlechtsidentität und den Umstand, dass sie Sexarbeiterin war zur Sensation machte, die Tatsache, dass Hande brutal ermordet wurde, in den Hintergrund. Auch abseits von den Sensationsschlagzeilen war die Verhandlung von Geschlecht und Identität in nahezu allen Medienberichten problematisch und „fehlerhaft“, es wurde von „dem Transsexuellen“ gesprochen, manchmal abwechselnd von Mann und Transfrau, oder nur von „dem Transfrau“, oft wurden alle Begriffe die trans* beinhalteten unter Anführungsstriche gesetzt, als wären sie nur halbwahr. Wenige Artikel haben sich abseits des Sensationellen ernsthaft mit der Lebensrealität von Trans*Personen auseinandergesetzt. Die Presse hat eine lange Geschichte mit fehlerhaften Darstellungen von Trans*Personen, von falschen Pronomen und überholten Bezeichnungen bis hin zu schlicht diskriminierender Sprache. Es fehlt an Wissen, an Sensibilisierung und an der Einbeziehung von Trans*Personen in die Berichterstattung. Wir wünschen uns, dass über Menschen zu Lebzeiten und in Nachrufen respektvoll und würdevoll geschrieben wird. Geschlechtsidentität ist als Faktum zu nehmen, das weder verhandelbar noch sensationell ist.

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