Purrr!_Femme!-ance!: Queer Femininities in Action

Manchmal passiert etwas Besonderes in Wien! Im Rahmen des Rundgangs an der Akademie für Bildende Kunst fand die einzigartige Veranstaltung Purrr!_Femme!-ance! statt: Ein Fest queerer Femininitäten, veranstaltet von Julischka Stengele, die selbst auch an der Akademie studiert. Zu sehen waren die unterschiedlichsten Künstler*innen, weshalb es nicht verwunderlich war, dass der Publikumsansturm so hoch war. Als der absolut letzte Platz besetzt war, selbst nachdem schon sehr zusammen gerückt wurde, standen immer noch viele Menschen in der Schlange an.

Die Begeisterung, die ich als Femme dafür auftreiben konnte, auch in sehr verkatertem Zustand, müsst ihr euch vorstellen! Ich war nicht zu Hause, aber wollte unbedingt trotzdem auftauchen in ganz schönem Femme-Glanz. Ich musste improvisieren, weil die Wohnung in der ich mich befunden habe wahrscheinlich noch nie einen Lippenstift gesehen hat, und habe rausgefunden, dass rote Bete und Johannisbeersaft ziemlich gut geeignet sind um Lippen zu färben. Es ist ja auch sehr besonders, auf irgendeinem Event zu sein, dass sich mit Femmes und queeren Femininitäten beschäftigt. Auch als Person die aktiv nach solchen Veranstaltungen sucht, fällt mir keine andere ein. Ich habe zwar gehört (oder vielleicht geträumt) von Femme conventions in den USA, aber in Wien?

Die Veranstalterin, Julischka Stengele, wollte auch genau das ansprechen mit dieser Performance: Die Unsichtbarkeit von Femmes.

There is a subversive potential of queer femininities. There are two main reasons I’ve put this together: The devaluation of feminine forms of expression, and the invisibility of Femmes. There are certain norms and looks within the queer community as well as in mainstream, and if you don’t confirm, you are invisible. So I thought: it’s time to celebrate!

As a queer Femme, I don’t need validation from queer Masculinities. The point is, for Femmes to stand for themselves.

Wir werden beim Reingehen begrüßt von Julischka, gekleidet nur im türkisen offenen Morgenmantel, und es wird sofort klar, dass dieser Nachmittag etwas Spezielles wird. Wie selten ist es doch, dass eine Frau einfach so rumliegt oder rumgeht, ganz nackt, ohne das es sexuell ist? Und wenn diese Frau auch dick ist, und so total natürlich, entspannt und ungeniert wirkt – dass ich es als so ungewöhnlich empfinde, kommt mir plötzlich absurd vor.

15-01-25 Purrr-Femme-ance_Foto©AnnaKonrath-06

Fotografin: Anna Konrath

Die Künstler*innen haben, abgesehen von drei die Julischka persönlich angesprochen hat, sich beworben nachdem ein Open Call über viele verschiedene Feministische und Queere Kanäle ausgesendet wurde. Und dementsprechend sind sie auch verschieden. Von humorvollen Burlesque bis zu Performances die aus autobiografischen Gründen persönliche und schwierige Themen ansprechen.

Es tut mir leid – aber ihr hättet dabei sein müssen. Ich kann euch unmöglich in Textform einen Eindruck geben, der den Performances gerecht wird.

Angefangen hat Denise Kottlett, die ich schon bei Club Grotesque Fatal (ehemalige Club Burlesque Brutal) gesehen habe und sehr bewundere.  Mithilfe von Beinen und Füßen mischt sie in einer großen Schüssel einen sehr heissen Bloody Mary, zum Soundtrack von Amy Winehouse.

_MG_8749

Fotografin: Magdalena Fischer

This is the first event I’ve participated in with this topic, which is very important to me! I’ve felt frustrated from the queer scene and the assumptions that are made about me. The way people are staring – I wanted to give back those stares.

Nachdem der Boden gewischt ist treten Astrid Sodomka und Tabitha Dattinger auf mit der Performance: Framing Identity – Körpererweiterungskonstruktion mit Ramen. Eine steht in einem Holzrahmen und schaut das Publikum an, mit trotzigem, fast gelangweiltem Blick. Sie hat Schnüre in ihren Strumpfhosen und diese werden jetzt festgetackert in den Holzrahmen, bis sie von allen Richtungen gefesselt ist. Am Ende befreit sie sich – so einfach – dadurch, dass sie die Strumpfhosen einfach auszieht.

15-01-25 Purrr-Femme-ance_Foto©AnnaKonrath-21

Fotografin: Anna Konrath

Das Thema bleibt bei Identität, als Pato Wiesauer, zuckersüß und rosahaarig, sich ruhig auf einen Tisch hinsetzt und im poetry-slam-style über Erfahrungen mit Transphobie und Femininität erzählt, das Verhältnis zum eigenen Körper, und wie die Umwelt auf Normbrecher*innen reagiert.

Let me ask you the question: do you have to put a label on everything?

Was ich sehr fantastisch an den Performances finde, ist wie unterschiedlich sie sind. Die nächste Performance hat mich absolut umgehauen. Es ist eine Interpretation eines bulgarischen Popsongs (Hop von Azis), und was für eine. Lora Dimova tritt auf, mit einer schwarzen Perücke die ihr Gesicht ganz verdeckt, und erinnert mich sofort an Sadako von The Ring. Die Performance hört nicht auf, an einen Horrorfilm zu erinnern. Sie singt langsam und bewegt ihren Körper in einem slow-motion Tanz, mit Hüftbewegungen die an typische ”sexy” Popbewegungen erinnern, die aber jetzt einfach absurd und unheimlich wirken. Mit dem roten Licht, ihrem Schreien, das wie aus einem Alptraum kommt, und dem gesichtlosen Tanzen – ich bekomme Gänsehaut.

I don’t have to explain myself in this context.

Die Performance von Ashley Bailey hinterlässt ein starken Eindruck. Wir sehen sie zuerst nicht – sie bleibt hinter der Bühne als eine Tonaufnahme gespielt wird, mit einem von ihr gesprochenen unendlichen Dialog, über Vorurteile und Diskriminierung, die sie als nicht-weisse genderqueere Person erlebt. Im Hintergrund kann das Geräusch eines Tackers wahrgenommen werden, und als Ashley plötzlich vor uns steht, wird die Befürchtung wahr. Eine nach der anderen zieht sie die Klammern aus ihrem Körper heraus, und schaut das Publikum mit schmerzvollen wütenden Augen an. Dann geht sie.

15-01-25 Purrr-Femme-ance_Foto©AnnaKonrath-34

Fotografin: Anna Konrath

I feel like I have to explain myself all the time. It’s difficult to be in the space inbetween. The queer experience relates to my experience with race: I don’t identify as black or white, but because I’m not white, people say I’m black. It makes me feel invisible.

Nach der intimen Performance bringt uns Berivan wieder zum Lächeln, mit einem wunderschönen Outfit, das aus schwarzen glitzergefüllten Luftballons besteht, die einer nach dem anderen platzen. Sie ist geschminkt wie eine klassische Drag Queen, und bezieht ihre Performance auf Marilyn Monroe, mit der Frage, wie es ist, ein Sexobjekt zu sein.

_MG_8975-2

Fotografin: Magdalena Fischer

Als letzte tritt Julischka selbst auf. Sie ist aber nicht alleine – alle Künstler*innen stellen sich neben sie, und es ist so ein schönes Bild. So viele verschiedene queere Femininitäten, nebeneinander, das macht klar, wie vielfältig diese Identität ist. Julischka hat auch eine poetry-performance, und spricht darüber wie es ist, Femme zu sein, fett zu sein, und über die Unsichtbarkeit. Über den Wunsch, gesehen, aber nicht angestarrt zu werden. Es berührt mich sehr.

_MG_9018

Fotografin: Magdalena Fischer

Julischka ruft das Publikum auf, jede beteiligte Person, von den Fotograf*innen und Stagehands, über die Künstler*innen bis hin zu der Türsteherin, mit Applaus zu bedenken, und nachher stürzt sich das Publikum auf das vegane Kuchenbuffet, um sich neue Energie für eine Diskussion mit den Künstler*innen zu holen. Sie reden über die Motivation für die Teilnahme an der Purrr!_Femme!-ance!, über Unsichtbarkeit in queerem und im mainstream Kontext, die Sexualisierung von nackten Körpern und über Identitäten und Labels. Ich könnte wahrscheinlich noch einen Blogeintrag zu jedem von diesen Themen schreiben.

Wenn wir über Unsichtbarkeiten reden, beziehen wir uns oft auf mainstream media oder Zusammenhänge. Aber auch innerhalb unserer Community werden viele Menschen unsichtbar gemacht. Es wird auch immer wieder thematisiert – die Unsichtbarkeit von Trans*menschen, oder nicht-weißen Personen, oder ableistische Strukturen. Zum ersten Mal war ich auf einer Veranstaltung die sich mit dem Thema Femmes beschäftigt hat. Und ich fand das einfach großartig. Weil, wir sind auch da! Gleichzeitig die Diversität zu feiern, und Erfahrungen zu teilen ist etwas sehr schönes.

Die lesbische oder queere* Femme provoziert in einer heteronormativen Welt. Ihr Begehren nach maskulinen (nicht konventionell attraktiven) Frauen* wird überhaupt nicht verstanden. Du schaust ja nicht lesbisch aus, warum findest du dich nicht einfach ein Mann, wenn du eh so maskuline Frauen willst? Oder falls zwei Femmes zusammen sind – gleich sind sie objektifiziert, belästigt, trakassiert, zur Schau gestellt und werden mit Pornos verglichen. Es werden ja immer die verschiedensten Dinge angenommen und erwartet, je nachdem, wie mensch ausschaut, aber nicht nur in der Heterowelt, sondern auch in unserem eigenen kleinen Kreis werden Femininität mit Minderwertigkeit, (sexueller) Unterlegenheit und Schwäche verknüpft. Als Femme muss mensch einfach immer kämpfen um genau so lesbisch, feministisch, sexuell und radikal gesehen zu werden, wie jemand, der_die der Femininität abgesagt hat.

Ich danke den Purrr!_Femme!-ance! sehr für dieses fantastische Erlebnis, und für alle neuen Gedanken, die sie mir mitgegeben haben! Ich hoffe es ist nicht die letzte Veranstaltung dieser Art, und freue mich auf weitere Performances von den Künstler*innen.

Und zum Schluss, gute Nachrichten von Julischka:

Eine Fortsetzung von Purrr!_Femme!-ance! ist beschlossene Sache (yeah!). Wie, wo, was – dazu mehr in naher Zukunft. Auf jeden Fall darf ab jetzt in Wien mit mehr Femme-Wirbel gerechnet werden!

One thought on “Purrr!_Femme!-ance!: Queer Femininities in Action

  1. Pingback: Mädchenmannschaft » Blog Archive » Frauenkampftag, Germany’s Next Top Model und Punk – die Blogschau

...und was sagst du dazu?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s