Anti-Feministische Märchenstunde

Georg Schildhammer greift in seinem Standard-Kommentar vom 19. März 2015 in die Märchenkiste und präsentiert uns zwei beliebte Geschichten, die Anti-Feminist*innen nicht müde werden zu erzählen, wenn der Feminismus endlich ein für allemal an den Nagel gehängt werden soll. Ich präsentiere:

Das Märchen von der längst schon erreichten Gleichstellung

Die Frage nach der ungleichen Verteilung von Macht und Geld zwischen Männern und Frauen beantwortet Schildhammer damit, dass Frauen vermehrt Teilzeit arbeiten und Berufswege wählen, die eben nicht das große Geld bringen. Stichwort Geisteswissenschaften und soziale Berufe. Und weil all diese Frauen wohl nicht dazu gezwungen wurden, gibt es natürlich nur eine Erklärung: Frauen sind halt so. Fühlen sich von Natur aus viel wohler in Berufen, wo es um Menschen geht.

Abgesehen davon, dass diese Argumentation eine problematische Wertung von Berufen völlig außer Acht lässt, der zufolge es geisteswissenschaftliche und soziale Berufe offenbar nicht wert sind, gut entlohnt zu werden, stellt sich hier für mich die Frage, in welcher Welt Herr Schildhammer lebt. Oder ob er schlicht keinerlei Bewusstsein dafür hat, wie Menschen von Geburt an immer noch völlig anderen Erwartungen und Rollenbildern unterworfen werden, je nachdem ob sie der Kategorie “Mann” oder “Frau” zugeteilt werden.

Solange jegliche Art von Spielzeug nicht völlig selbstverständlich für alle Geschlechter vermarktet wird, solange das gleiche Verhalten je nach Geschlecht unterschiedlich beurteilt wird (was bei Männern Führungsstärke heißt, gilt bei Frauen oft als herrisch oder kalt), solange Frauen mehr nach ihrem Aussehen beurteilt werden als Männer (wenn zum Beispiel Politikerinnen Fragen nach Frisur und Kleidung gestellt werden, die Männer nie zu hören bekommen würden), solange Filme mit ausschließlich Männern in den Hauptrollen “normal” sind, aber Filme nur mit Frauen “Frauenfilme” (man schaue sich nur das Geheule an, das die Ankündigung des neuen weiblichen Ghostbusters-Teams hervorgerufen hat), solange braucht mir niemand mit bereits erreichter Gleichstellung kommen. Mädchen und Buben werden nach wie vor völlig andere Vorbilder präsentiert und ihr Verhalten wird je nach Geschlecht völlig anders beurteilt. Zu glauben, dies würde in ihrer Entwicklung und dadurch auch in der Gestaltung der Gesellschaft keine Rolle spielen, ist unglaublich weltfremd.

Das Märchen von den rosinenpickenden Feministinnen

Wo sind denn die Feministinnen, die sich über Ungerechtigkeiten beschweren, die Männer betreffen (wie etwa Wehrdienst und späterer Pensionsantritt), fragt Schildhammer. Meine Antwort darauf ist, dass ich als Feministin ganz selbstverständlich jegliche Ungleichbehandlung ablehne, die auf Geschlecht basiert, und ich die Wehrpflicht für Männer als unfeministisch verurteile. Das gleiche gilt auch für ungleiche Behandlung beim Sorgerecht sowie alle möglichen Situationen des Alltags, wie etwa die Frage, wer wem die Türe aufhält.

Männer sind nicht geeigneter für Krieg und Frauen nicht automatisch die besseren Eltern und ich halte auch gerne Männern die Türe auf (komischerweise irritiert die das aber irgendwie). Puncto Wehrpflicht möchte ich Herrn Schildhammer außerdem daran erinnern, dass die Beibehaltung dieser nicht die Schuld der Frauen ist, sondern die älterer, konservativer Männer. Zitat eines Standard-Artikels vom 20. Jänner 2013 zu diesem Thema: “Wer über 50 Jahre alt und männlich ist, außerdem ÖVP-Wähler und ehemaliger Grundwehrdiener (oder Zivildiener), der stimmte bei der Volksbefragung überdurchschnittlich oft für die Wehrpflicht. Das Berufsheer fand Unterstützung vor allem bei jungen Stimmberechtigten und Frauen.”

Als abschließende Gegenfrage würde mich weiters interessieren, wo denn all die Männer sind, die sich darüber beschweren, dass die meiste unbezahlte Pflegearbeit von Frauen verrichtet wird? Denn wenn alle Ungerechtigkeiten auf den Tisch sollen, dann darf die Tatsache nicht fehlen, dass es nach wie vor die Frauen sind, die sich zu Hause am meisten um die Kinder und alte oder kranke Familienmitglieder kümmern. Aber wahrscheinlich ja auch nur deswegen, weil es eben in ihrer Natur liegt. Weil mit Menschen und sozial und so, das mögen Frauen halt.

3 thoughts on “Anti-Feministische Märchenstunde

  1. Pingback: Gesellschaftliche Formen der Diskriminierung von Menschen. Ein Beitrag zur Privilegiendebatte. | "Wir leben unsere Leben in einer erfundenen Wirklichkeit, hinter den Worten einer langen Erzählung."

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