Verteidigung fader Ex-Partnerinnenschaften

Ich habe den Eindruck, dass unter Lesben sehr gängig ist aus gescheiterten Beziehungen oder Affären Freundschaften zu machen. Im Wissen, dass hierbei eine wahrscheinlich unzulässige Verallgemeinerung raus schaut, möchte ich betonen, dass ich mich rein an meine persönlichen Erfahrungswerte und Beobachtungen anlehne, die ich als auffällig empfinde. Auf Grund meiner eigenen Situation, zu der ich noch komme, habe ich intensiver über das Wesen von Ex-Partner_innenschaften nachgedacht, verstärkt von dem Kommentar einer lieben (heterosexuellen) Freundin: „Sag mal, ist das eigentlich irgendein Homo-Ding, dass ihr alle mit euren Exen befreundet seid?“ Nochmal wegen der Verallgemeinerung: Keine Ahnung, ob das irgendwie was Allgemeines ist und alle es sind, aber wenn ich an mein Umfeld denke: ja!

Ich musste lange lange nachdenken bis mir ein paar Zerquetschte eingefallen sind, die wirklich keinen Kontakt mehr oder Freundschaften zu ihren Ex-Freundinnen haben und es sind auch deshalb nur ein paar „Zerquetschte“, weil der Grund dafür nicht immer unbedingt ein klarer Schlussstrich ist, sondern weil sich der Kontakt eher irgendwie verlaufen hat ohne besonderen Anlass. Ich glaube auch mich dunkel zu erinnern, dass dieses Lesben-Exen-Thema immer wieder satirisch angespielt wird in Filmen, TV-Serien oder Artikeln. Also: was ist das?

Mir fällt leider keine scharfsinnige Theorie ein, schon allein deswegen nicht, weil mensch nicht mal davon ausgehen kann oder soll, dass das tatsächlich ein „Lesbending“ ist, ohne sich allzu schnell den Vorwurf gefallen lassen zu müssen ein Klischee zu schaffen oder zu wälzen, aber Göttin im Himmel, mensch muss ja nicht immer alles so furchtbar ernst nehmen und meinen, deshalb ehrlich jetzt: ist doch so oder? Oder nur bei uns?

Meine Ex-Ex-Ex-Freundin ist nicht nur meine Ex-Freundin, sondern mittlerweile sowas wie ein Familienmitglied, ihre Ex-Ex-Freundin wiederum ist eine Freundin von mir und die Ex-Freundin dieser Ex-Ex-Freundin meiner Ex-Ex-Ex-Freundin auch, diese hat wiederum eine Ex-Freundin mit der sie befreundet ist und ich auch gut befreundet bin, die übrigens was mit meiner Ex-Ex-Ex hatte; die Schwester meiner Ex ist mit ihren zwei Exen befreundet, die auch Freundinnen von mir sind und meine erwähnte Ex und ich leben sogar noch zusammen und sie hat keine weitere Ex außer mir, aber gäbe es eine – ich schwöre sie wäre mit ihr befreundet! Und da gäbe es noch viel mehr, aber es wird mir dann zu anstrengend und euch sicher auch und im Grunde geht es ja auch nur darum erstaunt und belustigt zugleich festzustellen, dass geschlossen alle sich untereinander ok bis bestens verstehen. Zusammenfassend gesprochen habe ich so gut wie keine Freundin (ich habe viele nicht erwähnt unter all den Ex Ex Ex Ex Ex oben), die mit ihrer Ex nicht in irgendeiner Form befreundet oder zumindest ok ist. Und je öfter mensch das Wort „Ex“ gebraucht, desto abstruser wird es, aber das kennt mensch ja.

Ich finde das jedenfalls sehr schrullig. Und aber auch sehr liebenswert. Oder aber es ist überhaupt nicht liebenswert, weil wir das alle im Mini-Lesben-Universum Wiens nur tun, damit nicht alles noch komplizierter wird und frau am Ende allein da steht, während die Ex mit den alten Freund_innen einen saufen geht.

Hab ichs schon erwähnt? Ich lebe mit meiner Ex-Freundin immer noch zusammen. Und damit toppen wir das Lesben-Exen-Ding, wir sind die Königinnen des Lesben-Exen-Ding! Zumindest glauben wir jetzt noch, dass das selbst für Lesben-Exen-Dinger was Besonderes ist, zerstört unseren Glauben ruhig und outet euch als ein Haufen Lesben, der mit seinen Exen wohnt, vielleicht ja sogar gleich mit mehreren!

Das Zusammenleben mit meiner Ex läuft übrigens soweit sehr gut. Ich wollte beinahe in die Tasten tippen „und das ist auch gut so“, aber es ist nicht „gut so“, es ist einfach normal – für uns. Wäre es nicht so, würden wir nicht mehr zusammen leben. Einst sind wir als Paar in unsere Wohnung gezogen, dann hat sich unsere Beziehung geändert, das haben wir ausgesprochen, glücklicherweise mit einem sehr harmonischen „Schluss machen“ beantwortet und beschlossen trotzdem miteinander wohnen zu bleiben, weil es funktioniert und wir uns immer noch gut verstehen und mögen. Was zur Folge hat, dass wir beide weiterhin im Genuss unserer wirklich wunderschönen Wohnung sind – die wir uns beide allein nicht oder nur sehr schlecht leisten könnten -, keine sich von unseren geliebten Katzen trennen musste, Freund_innen weiter und uneingeschränkt unser beider Freund_innen und gemeinsame Familie in unseren vier Wänden sind, frau weiterhin herzlich eingeladen ist bei Familienbesuchen mit köstlichem Essen, frau sogar immer noch Weihnachtsgeschenke von den Ex-Schwiegereltern bekommt (!! – spätestens hier schwere Empfehlung des Lesben-Ex-Ding!!), alle eigentümlichen Gewohnheiten, die Potential haben zu nerven bereits bekannt und akzeptiert sind und außerdem der Kleiderkasten der anderen immer noch herhaltet, wenn die eigenen Unterhosen schon alle in der Dreckwäsche liegen. Sehr praktisch alles, da soll noch einmal einer sagen „ungesund“, tssssss:

Eine Nachbarin, die uns noch als Paar kennenlernte und dann mitbekam, dass wir mittlerweile getrennt sind und aber keine Pläne haben auseinander zu ziehen, hat uns zuerst gratuliert wie „groß“ das sei und aber im gleichen Atemzug festgestellt, dass sie sich nicht so sicher ist, ob das denn auch „gesund“ sei. Ich erzähle ihren Kommentar zu unserer Situation trotz Gänsefüßchen in keinem kritischen Ton (auch wenn die Art ihrer Darbringung etwas grenzüberschreitend war), aber ich verstehe ihre Gedanken dazu, es ist ja auch ungewöhnlich und vielleicht wäre eine klare, räumliche Abnabelung vom anderen an vielen Stellen wirklich „gesünder“, aber wer bestimmt das schon? Am Ende wir und wir empfinden es als natürlich und normal weiterhin gemeinsam unsere vier Wände und zwei Katzen zu hüten und ein familiäres Klima zu pflegen, inklusive aller lieben Menschen mit denen wir über die Jahre als Paar zusammen gewachsen sind – ich bin mir nicht sicher ob das so ungesund sein kann. Und das meine ich nicht rhetorisch sondern wortwörtlich, ich bin mir nicht sicher ob mensch hier von ungesund sprechen kann.

„Gesund“ oder „normal“ bedeutet jedenfalls nicht, dass es krisenfrei ist. Natürlich ist es auch mit Krisen und Holprigkeiten verbunden. Wir hatten dazwischen schon eine so heftige Krise, die vorübergehend unser Zusammenleben tatsächlich hart auf die Probe und in Frage stellte. Aber wir haben sie überlebt, wie vieles auch schon während unserer Liebesbeziehung, aus irgendeinem Grund sind wir sehr stabil miteinander. Es ist trotzdem weitaus nicht so, als würde unsere ehemalige Beziehung nicht immer noch stellenweise ihre Fittiche im Spiel haben wenn es um unser Zusammenleben geht, aber irgendwie ist das ja auch das Normale, denn wie alle haben auch wir eine Vergangenheit zu managen. Nur, dass die manchmal „krisenbehaftete Normalität“ natürlich anders bewertet wird, als die krisenbehaftete Normalität jeder beliebigen anderen Wohngemeinschaft. Und mit „anders bewertet“ meine ich gar nicht mal unbedingt negativ-anders bewertet, die Reaktionen sind sehr mannigfaltig, aber eben anders, was ja auch naheliegend ist und erst auf den zweiten Blick eigentlich nicht nötig. Denn jede Wohngemeinschaft, Lebensgemeinschaft, Ehe, Freundschaft und Beziehung ist von Krisen und Schwierigkeiten geprägt, das ist bei uns nichts anderes. Und jede Lebensgemeinschaft entschließt sich mit oder ohne diesen Schwierigkeiten und Krisen zu leben oder eben nicht, je nachdem wie gut oder schlecht mensch sich mit den schönen und schwierigen Seiten des Zusammenlebens arrangieren kann. Genau das gleiche tun wir auch. Was auf die meisten also kurios wirkt, ist genauso banal und öde wie alles andere, recht viel mehr als im Pyjama und in Wollsocken gemeinsam vorm TV hängen, sich Trash reinziehn und M&M´s reinschaufeln passiert in unserer Wohnung nicht, glaubt mir.

Kritische Stimmen warum wir als Ex-Paar nicht auseinander ziehen beantworte ich meist so: weil ich keine Motivation dazu habe. Und Motivation ist nicht in dem Sinne gemeint, dass ich mich einfach nicht dazu aufraffen kann, sondern dass ich kein authentisches Motiv dazu habe. Weil – ich behaupte mal – 90% der Zeit, die wir miteinander verbringen schön und familiär und gut ist. Und wenn das irgendwann nicht mehr so ist und sich Motive entwickeln warum wir uns räumlich trennen wollen oder sollten (und diese Motive werden sich wahrscheinlich irgendwann entwickeln), werden wir schon die passenden Konsequenzen ziehen. Wie gesagt, wie in jeder anderen Lebensgemeinschaft auch. Gewiss werden wir dann Stimmen hören, die sagen: ich habs ja gleich gewusst, dass das nicht gut gehen kann – wir behaupten ja aber auch nicht, dass es für immer oder auch nur für das nächste Jahr weiterhin gut geht, vielleicht nicht mal bis übermorgen (Spoiler: die Chancen stehen sehr gut). Wir behaupten auch nicht, dass es nicht gut gehen wird, wir wissen nur, dass es jetzt gut geht und uns deshalb Motive fehlen etwas daran zu ändern. Außer beim Ehegelübde traut sich niemand so recht behaupten, dass etwas für immer gut gehen wird und selbst beim Ehegelübde ist es mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Fehlaussage. Solange es gut geht, geht es gut und wenn es nicht mehr gut geht muss mensch sich neu entscheiden.

Wenn wir bei der Frage sind was „natürlich“ oder „gesund“ ist und was nicht, wenn es um den Umgang mit Trennungen geht, fände ich – wenn ich wollte, denn das sei allen selbst überlassen – ebenso gute Argumente warum es vielleicht unnatürlich oder noch schlimmer „ungesund“ wäre jemanden mit dem mensch vielleicht sogar jahrelang ein Leben geteilt, Familie geteilt, Vertrauen geschenkt und viel Nähe genährt hat, urplötzlich aus dem Leben gestoßen wird. Keine Ahnung mehr wer du bist, was du tust, wie es dir geht, wo du noch vor Kurzem einen ungemein hohen Stellenwert hattest. Genauso gut ist es möglich, dass es – warum auch immer – unbedingt nötig ist diesen einst sehr vertrauten und nahen Menschen urplötzlich aus dem Leben zu stoßen. Wenn mensch wollte könnte mensch solche Argumente vorbringen und ich erwähne sie aber nur deshalb, um aufzuzeigen, dass pro und contra Gründe eine klare Trennung zu ziehen oder nicht  austauschbar und gleichwertig sind und sich in ihrer Gegenüberstellung aufheben. Es gibt hier keinen passenden Dogmatismus und es ärgert mich, wenn versucht wird einen aufzustellen. Weil ich glaube, dass das vieles erschwert. Etwas, das sich richtig anfühlt, ist es meistens auch und jede_r hat hier ihren eigenen Kompass.

Und deswegen möchte ich ganz zu Schluss dann doch noch kurz weg von dem Lesbending und ganz allgemein zu allen Ex-Paaren jenseits der geschlechtlichen Formation sagen, dass ich ganz persönlich es als etwas sehr Schönes und vor allem Erbauliches empfinde, wenn Ex-Partner_innen es schaffen in irgendeiner Form gut miteinander und vielleicht auch wichtig für einander zu bleiben. Es verleiht mir den Glauben, dass Trennungen nicht immer was Absolutes sein müssen und mensch deswegen auch nicht soviel Angst davor zu haben braucht. Und bis es aber wieder so weit ist, hoffen wir doch, dass ich bald eine „Verteidigung frisch verliebter Paare“ schreibe!

die göttinnenspeise

5 thoughts on “Verteidigung fader Ex-Partnerinnenschaften

  1. Verehrteste Göttinnenspeise!

    Vielen Dank für diesen intimen EInblick und die ausführliche Beschreibung eines Phänomens, dass ich seit meiner frühen Jugend kannte. Hätte es diesen wunderbaren Blog nur schon früher gegeben, es hätte mir viel Kummer erspart.

    Ich kann dir nur zustimmen bei dem Thema: Warum einen Menschen der mir Nahe steht von heute auf morgen verstoén nur weil diese Art der Beziehung nicht mehr funktioniert? War mir immer ein Rätsel aber mir wurde gesagt, dass muss so. Ich weiß zum Glück schon länger, dass ich auf das was andere mir sagen, wie etwas sein muss pfeifen kann, wenn ich das gerne anders machen mag.

    So gesehen: Ja lebe mit deiner Ex zusammen, wenn es für euch beide stimmig ist!

    Ich glänze jetzt hier ein wenig mit Halbwissen aber ich bilde mir ein, dass dieses Exwerden zu Freund_innen ein allgemeines Homophänomen ist und als positiv gewertet wurde für Kinder die bie gleichgeschlechtlichen Paaren aufwachsen. Der Grund: Wenn die Eltern sich trennen, gibt es nicht so einen Cut für das Kind weil die Bezugsperson auch weiterhin da ist. Ist alles nur Halbwissen und ich kann mich nicht mehr entsinnen in welcher Studie des war. Also doch kein Wienerszene Problem :-)

    Beste Grüße

    Marie

  2. Obwohl ich die göttinnenspeise und ihre Ex zu tiefst verehre und wohl zu einem dieser Scheidungskinder gehört hätte, würde es nicht mehr zwischen den beiden klappen, halte ich es da eher wie der Herr Janosch:

    Zeit_Janosch

    Vielleicht schaffe ich ja in naher Zukunft eine Gegendarstellung zu posten;-)

  3. liebe mariebruell! es freut mich sehr, wenn dir mein artikel aus dem herzen spricht und dich bestärkt hat! das ist ein wunderschönes feedback, alles liebe dir und danke! und ja, ich bin vielleicht noch nicht 100% dort, aber habe eine immer bessere ahnung davon, dass das was andere sagen und raten in den meisten fällen für den hugo is, wenn es nicht darauf basiert, sich auf die welt des anderen in einer aufrichtigen weise einzulassen, sondern viel mehr der eigenen projektion dient, um negative, eigene erfahrungen im anderen fortzusetzen ;) alles psychologie und vor diesem hintergrund wichtig seinem eigenen gefühl zu vertrauen und wahrheit zu gönnen.

    sugarshock: wenn es bedarf gibt kommen wir gern auf janosch zurück!

    birgit: ja ich mich auch! hast du kandidatinnen?

  4. Ich fand ja, ehrlich gesagt, dieses Phänomen, man müsse mit dem/der Ex verfeindet sein in Hetero-Beziehungen schon immer komisch. Wenn man jemanden mal geliebt hat, warum soll man die Person dann plötzlich hassen, nur weil es halt irgendwie doch nicht ganz gepasst hat?

    Und ich glaube, es ist letztlich ein Symptom des Geschlechterkampfs. Es gibt ja bekanntlich Männer, die Frauen nicht in dem Sinne mögen, aber trotzdem Hetero-Sex haben wollen. Dass die dann mit der Expartnerin nicht befreundet bleiben, ist so gesehen logisch, denn sie empfinden ja grundsätzlich nie freundschaftliche Gefühle für Frauen.
    (Und irgendwie sind manche Beziehungen wohl so scheiße, dass man damit nichts mehr mit der anderen Person zu tun haben will … an wem das nun liegt sei dahingestellt)

    So betrachtet sind es eigentlich nicht Lesben, die so ein Homo-Ding haben, sondern eher Heterosexuelle, die sich komisch benehmen.

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