Orphan Black und das Weltbild

Hinweis: Möglicherweise enthält dieser Artikel Spoiler für jene, die die Sendung gar nicht kennen, grundsätzlich ist er aber allgemein gehalten und verrät keine konkreten Ereignisse, schlimmsten Falls werden Charaktere erwähnt, die mensch noch nicht kennt. Ich markiere die Stellen, die eventuell zuviel verraten könnten mit (Spoiler)(Spoiler Ende).

So wie vanillekipferl es in ihrem Artikel „Orphan Black“ beschreibt, bin auch ich normal kein Fan von diesen im Moment extrem beliebten Mystery&Crime-Serien, die inflationär den Nervenkitzel der Leute auf Trab halten und mit fast ununterbrochener Spannungsgeladenheit, viel Verwirrung und ungelöster Rätsel ihre Zuschauer_innen halten. Aber Orphan Black! Wobei ich die Serie vor allem aus anderen Gründen faszinierend finde, als einfach nur deshalb, weil ich süchtig danach bin von Folge zu Folge mehr zu erfahren, worauf solche Serien ja aufbauen. Mich interessiert vor allem das durch die Geschichte und die Figuren transportierte Weltbild. Wenn wir uns die Figuren der Serie ansehen, wird eine bestimmte Lesart des Seins deutlich, das die Serie, wie ich finde, expliziter als andere Serien transportiert, auch wenn sie das wahrscheinlich nicht beabsichtigt, sondern die rätselhafte und spannende Storyline im Vordergrund hat. Fangen wir beim Offensichtlichsten an:

Orphan Black bejaht die Milieutheorie. Für alle, die vielleicht nicht vertraut damit sind: die Mileutheorie meint, dass der Mensch nur durch sein soziales Umfeld bestimmt ist und genetische Veranlagung keine Rolle in der Persönlichkeitsentwicklung spielt. Wenn wir uns jetzt den Haufen Klone anschauen: Unterschiedlicher könnten sie nicht sein. Wobei ich nicht so weit gehen würde, um zu sagen, dass es die Milieutheorie in ihrer extremen Form unterstützt, vieles haben die Klone auch gemeinsam, was eventuell in ihrer gemeinen Veranlagung enthalten ist: sie sind alle unfassbar hartnäckig und zäh, stur, loyal, unerschrocken, unverschämt und amoralisch. Aber diese Gemeinsamkeiten findet man erst auf den zweiten Blick, ins Auge springen die Unterschiede. Die Serie hat viele berührende Szenen, eine davon ist, als Sarah und Cosima im Bett herum liegen und Cosima Sarah das Phänomen und Prinzip des goldenen Schnitts erklärt, woraufhin Sarah feststellt: „We´re soooo different.“.

Aber auch feministisch betrachtet gibt die Serie so einiges her. Tatiana Maslany (die unglaublich talentierte Darstellerin der Klone, unglaublich, dass sie keinen Golden Globe erhalten hat!) sagte in einem Interview, dass „the feminist thing“ unerwartet auf sie zu kam, als die Serie ihre ersten Fans gewann. Ihnen war nicht bewusst, dass der Aufbau der Serie als feministisch wertvoll betrachtet werden könnte, sie verfolgten dieses Ziel nicht beim Erschaffen der Figuren und der Handlung. Was ist denn überhaupt „the feminist thing“ an Orphan Black? Hach, sovieles!

Fangen wir bei der Tatsache an, dass es sich hier um weibliche Protagonistinnen handelt, deren Eigenschaft nicht einfach nur ist eine Frau zu sein. Was sehr oft ja immer noch der Fall ist. Ich nenne das den „Schlümpfe-Effekt“. Die Schlümpfe sind Männer. Jeder von ihnen hat eine bestimmte Eigenschaft, die ihn auszeichnet. Der eine ist besonders schlau, der andere besonders handwerklich begabt, der andere besonders faul, usw. Das Mann-sein ist neutral, auf dessen Basis sie jegliche Eigenschaft annehmen können. Und dann gibt es einen Schlumpf der weiblich ist. Und das ist auch schon seine einzige Eigenschaft, die selbstverständlich mit Blumen pflücken und sehr schön sein den ganzen Tag verbunden ist. „Schlaubi“ heißt „Schlaubi“ weil er besonders schlau ist, die Schlumpfine heißt „Schlumpf-ine“, weil sie eine Frau ist. Das ist ihre Eigenschaft, ihre Qualität, Frau zu sein ist das Bestimmende, darüber hinaus kann sie sich nicht bewegen und deswegen gibt es auch nur eine Schlumpfine, denn der Rest wäre ja genauso wie sie.

Sarah and Felix … sexuall charged.

Nun ist Orphan Black der Anti-Schlümpfe-Effekt 50 Jahre später. Dass die Protagonistinnen alle samt Frauen sind, ist die so ziemlich uninteressanteste Eigenschaft an all ihnen. Weil es in ihren Handlungen und Plänen, Selbstentwürfen und Charaktereigenschaften keine Rolle spielt. Nur die Dinge, die wirklich eine Rolle spielen, was Unterschiede zwischen Männern und Frauen angeht, spielen auch in der Serie wirklich eine Rolle: Frauen können schwanger werden, können zur Verteidigung Hoden quetschen und aus Rache einem Mann die Eisenröhre zwar nicht in die Vagina, dafür aber in den Arsch schieben (was für eine Szene! Helena meine Heldin!). Aber abgesehen davon, findet die Qualität eine Frau oder ein Mann zu sein keine besondere Beachtung. Helena und Sarah hauen den Männern genauso fest in die Fresse wie die Männer ihnen und Felix wurde ja schon ganz offiziell von Helena zur „siestra“ („Schwester“) gemacht – übrigens einer von vielen witzigen Höhepunkten der Serie wie ich finde. Und als der Transklon auftaucht beteuert Felix „Nothing about you is new to me.“ Zusammengefasst: In diesem Sinne kennt Orphan Black keine Geschlechter. Die Klone sind derart divers und von einander unterschieden und jeder einzelne für sich so speziell und charakterstark, dass das Geschlecht dahinter schlicht und einfach verschwindet. Bei den Männern der Serie vielleicht nicht ganz so, aber wahrscheinlich deshalb, weil sie häufig auch in einer sexuellen Verstrickung zu den Klonen stehen oder als Väter auftauchen bzw. Felix viel an Sympathien gewinnt, auf Grund dieser bestimmten schwulen Attitüde, die sich bei ihm auf angenehme und witzige Weise durchzieht, ohne aber ihn durchwegs zu bestimmen und auf uns als heterogenormtes Publikum als affektierter Mann witzig wirkt. Und wenn wir schon bei Felix sind, kommen wir gleich zu dem „queeren thing“ der Serie, ich teile die Meinung von vanillekipferl in ihrem ersten Beitrag zu Orphan Black:

Ich persönlich kenne keine Serie, in der die queere Lebensart selbstverständlicher einverwoben ist als Orphan Black. Felix´ Homosexualität war von Beginn an und kommentarlos eine unthematisierte Tatsache der Serie. Genauso wie Cosimas. Lediglich als Delphine bemerkt, dass sie romantisch interessiert ist an Cosima (und: ja das ist sie und keine Heuchlerin, meine Meinung!) ist Delphine überrascht von sich selbst, dass sie solche Gefühle entwickeln kann, weil sie bisher heterosexuell gelebt hat, was ja aber durchaus das Erleben vieler Frauen in der Realität wiederspiegelt und in so fern einen berechtigten Platz in der Serie erlebt. Des Weiteren haben die Entwickler_innen der Serie auch nicht ausgelassen einen Transklon in Rennen zu schicken, was spätestens an dieser Stelle ein diverses Weltbild bezeugt. Auch, dass Sarahs und Helenas Mutter schwarz ist, wurde von den Entwickler_innen ganz bestimmt nicht fahrlässig so gewählt. Wo es für den Bruchteil einer Sekunde für die Zusehenden und auch Sarah vielleicht kurz irritierend erscheint, als die Frau mit schwarzer Hautfarbe sich den weißhäutigen Töchtern gegenüber als ihre biologische Mutter deklariert, ist es noch im gleichen Moment schon wieder vergessen, weil wir uns als Zuseher_innen sofort daran erinnern, uns in einer kategorielosen Situation zu befinden, die sich unabhängig von vermeintlich naturgegebenen Bedingungen bewegt – ein zukunftsweisendes, meiner Meinung nach unzufällig gewähltes Element des Drehbuchs.

cosima.delphine

Die Diversität erkennt man aber auch zwischen den Klonen selbst. Mich irritiert es immer irrsinnig, wenn davon gesprochen wird, dass hier unterschiedliche „Frauenbilder“ gezeichnet werden. Wieso denn bitte „Frauenbilder“? Was ist das „Frauenbild“ an Sarah, die ein verwaister, verrohter und krimineller Punk ist? Lassen wir das mit den Frauenbildern, hier geht es um einen Haufen Klone, die sich durch die unterschiedlichsten Plattformen des Lebens navigieren und alle andere Lebensentwürfe pflegen. Wie gehabt Sarah, die zentrale Figur der Serie, die direkt aus der Drogenszene heraus in die Serie startet und deshalb als Hauptfigur so gut geeignet ist, weil es ihr sehr gut vertraut ist mit Machenschaften rumzutricksen und am unerschrockensten und natürlichsten in bedenkliche und untergrundartige Situationen hinein geht. Cosima ist eine begabte Wissenschaftlerin, die mit voller Identifikation dieses Dasein verfolgt und Allison ist soviel mehr als eine Vorstadthausfrau. Dieses Image dient ihr viel mehr um sich Tabletten, Alkohol, Sex und zu guter Letzt (kleiner Spoiler) dem als politischer Wahlkampf getarntem Drogenhandel hinzugeben (kleiner Spoiler Ende). Außerdem ist auch sie skrupellos und berechnend. Rachel ist eiskalt und geschäftlich. Und meine mit Abstand allerliebste, allerallerliebste Figur ist die allerbeste, wunderbare, vollkommen wahnsinnige, geisteskranke, gewalttätige, witzige und liebenswerte Helena.

Für Helena gibt es keine passende Beschreibung, sie ist keine Figur, die man schon mal gesehen hätte oder zumindest ähnliches schon gesehen hätte, sie ist wahnsinnig und unberechenbar genug um immer wieder für Überraschungsmomente zu sorgen, sie ist gnadenlos brutal, beantwortet in der Regel alles mit Mord oder Gewalt, das ihr in die Quere kommt und der Kern ihrer Persönlichkeit ist aber ein extrem liebesbedürftiges, großes Kind, das einen Überschuss aufgestauter Liebe zu geben hat und es über die Maßen liebt zu essen, womit man sie bevorzugt weich klopfen kann. Und ganz nebenbei finde ich, das keine Figur, nicht mal Allison, soviel Witz in die Serie bringt wie Helena. Ich bin unsterblich verliebt in diese Figur. Und auch Helena verschafft mir gleich die nächste Brücke zum Thema Weltbild und Orphan Black:

helena.food

Die Kirche und der Staat. Als (Spoiler, zwischen Mitte und Ende Staffel 2) Helenas und Sarahs biologische Mutter auftaucht und ihnen erstens bekannt gibt, dass sie Zwillingsschwestern sind, gibt sie ihnen zweitens bekannt, dass einer der Schwestern für den Staat bestimmt war und die andere für die Kirche (Spoiler Ende). Vor diesem Hintergrund ist es interessant sich mal anzuschauen wie sich der Staat in Sarah wiederfindet und wie die Kirche in Helena. Von Helena wissen wir schon: Sie ist geisteskrank. Von Sarah wissen wir, dass sie verarmt und verwahrlost ist. Ich möchte und hoffe an dieser Stelle keine religiösen Menschen zu beleidigen – selbstverständlich handelt es sich hier um eine krankhaft übersteigerte Form von Gottesgläubigkeit mit der Helena als Kind infiltriert wurde und aber dennoch steht sie mit der Kirche in Zusammenhang, da es mit diesem Gott zu tun hat an den man glaubt und in Helena´s Fall hatte dieser Glaube einen mit Narben übersäten Rücken zur Folge, wahrscheinlich auf Grund von glaubensmotivierten Selbstauspeitschungen, sowie der Glaube daran das Original zu sein, was ihr bzw. ihren Gläubigern das Motiv lieferte alle anderen Klone umbringen zu müssen. Es spiegelt also die völlig irrationale, weltfremde, realitätslose und auch überhebliche Weltsicht wieder, die inne hat sich über andere zu stellen, als Träger_innen der einen einzigen Wahrheit und unbegründet an etwas Irreales so sehr zu glauben, dass es den Geist krank macht. Sarah das absolute Gegenteil: das Kind für den Staat hat ein bisschen zuviel Realität abbekommen und ihr wiederum fehlt es an Glaube an irgendetwas. Abgesehen von ihrer Tochter Kira, steht sie dem Leben abgebrüht gegenüber, zynisch und hat nicht einmal Respekt davor die Identität einer Toten anzunehmen, um ihr Geld zu klauen,  die sich vor ihren Augen vor den Zug geworfen hat. Sie hat keine besonderen Werte, sie ist darauf ausgerichtet, was für das Überleben nötig ist, scheint keine stabilen Bindungen einzugehen und kämpft für sich allein. Ganz im Gegensatz zu Helena, die eingebettet in eine Glaubensgemeinschaft für ein höheres Ziel kämpft/e.

Auch dieses Element, das in der Serie eher nebenbei mitläuft, finde ich sehr spannend und einen Seitenhieb auf religiösen Fanatismus, aber auch auf die trostlose, reine Verwaltung des Menschen in einem reglementierten, individualisierten und anonymen System.

sarah.prison

Ich bin mir sicher, dass mir einiges auffallen wird, was mir nachträglich leid tut in diesem Artikel nicht untergebracht zu haben, aber alles muss ein Ende haben und zuletzt bleibt mir zu hoffen, dass Orphan Black auch zum richtigen Zeitpunkt ein Ende findet und nicht, wie soviele Serien, die Sache ausreizt und mit den letzten Versuchen Quoten aus der Sendung zu holen, Enttäuschungen produziert. Denn sie ist fantastisch und soll es auch bleiben! Und ich habe es ja schon erwähnt und muss es aber nochmal betonen: Tatiana Maslany ist unglaublich!

die göttinnenspeise

4 thoughts on “Orphan Black und das Weltbild

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