Über mich abstimmen?!

Ganz Europa ist in Homo-Ehe-Abstimmungs-Laune. Vor allem die Homos. Und ich verstehe es nicht. Caroline Emcke hat es in ihrem Artikel „Gleichstellung“ sehr treffend und viel besser als ich es je könnte zusammen gefasst, aber ich möchte auch noch einmal darauf hinweisen: Wo ist die Legitimation einer Volksabstimmung darüber ob ich heiraten darf oder nicht? Warum hat eine heterosexuelle Mehrheit das Recht darüber zu bestimmen ob ich – die ich in meiner Würde und Menschlichkeit gleichwertig bin- das gleiche Recht haben darf wie sie, den Menschen, den ich liebe heiraten zu dürfen? Mich macht das extrem wütend. Während ich schreibe habe ich einen Wutball im Bauch und das ist auch der Grund warum ich mich hinter die Tastatur gesetzt habe um doch etwas dazu zu sagen und Caroline Emckes Argumente zu unterstreichen.

Nicht falsch verstehen – ich finde großartig, was in Irland passiert ist und noch besser was für Wellen es schlägt. Und ich glaube wirklich, dass dieses Ergebnis das fehlende Zünglein an der Waage war, um endlich in allen oder vielen europäischen Staaten die Ehe für Homos zu öffnen. Auch gibt es mir und wahrscheinlich vielen anderen Betroffenen ein warmes Gefühl, dass eine irische Mehrheit hinter mir oder uns steht und verlangt, dass wir die gleichen Rechte zugestanden bekommen.

Trotz allem ist der Vorgang aber einfach nicht korrekt. Es ist in einer Demokratie und Judikative nicht richtig eine Mehrheit über eine Minderheit abstimmen zu lassen, das genaue Gegenteil ist geboten und das ist auch sinnvoll so: der demokratische Staat hat die Aufgabe Minderheiten zu schützen und ihnen autark Rechte zu verleihen, weil in der Natur der Sache liegt, dass die Mehrheit die Interessen der Minderheit entweder nicht interessiert, nicht versteht oder schlimmsten Falls eine Bedrohung in ihr sieht, weswegen die Objektivität des Gesetzes hier kompensierend wirken muss. Das Gesetz hat sich an die Folgerichtigkeit seiner eigenen Vorgaben zu halten und die Vorgabe lautet, dass alle Menschen gleich in ihrer Würde und in ihren Rechten sind. Und nun sind eben genau dies ein wesentlicher Prozentsatz an Menschen seit Jahrzehnten bzw. Jahrhunderten nicht und wir schreiben das Jahr 2015! Homosexuelle Paare werden objektiv, offenkundig und hochoffiziell vom gleichen Gesetz, das behauptet deshalb zu existieren, um allen ihre Rechte zu versichern, diskriminiert und zwar vollkommen akzeptiert und unbegründet. Das Argument mit den Kindern brauche ich hier wohl hoffentlich nicht entkräften, denn ich hab grad wirklich keine Lust dazu, bei all der Heuchelei vergeht einer echt alles.

Ich fasse mich diesmal ungewöhnlich kurz, aber es gibt auch einfach wirklich nicht mehr dazu zu sagen, als dass das alles einfach falsch ist. In Wahrheit ist es eine Entmündigung und deshalb eine Beleidigung. Ich bin ein erwachsener, vernünftiger und autonomer Mensch und das Gesetz hat mir die gleichen Rechte zu verleihen wie allen anderen Menschen in diesem Land und Universum. Und zwar nicht nur, weil es gerecht so ist, sondern weil dieses Gesetz das außerdem vorgibt und verlangt! Das nennen wir Rechtsstaatlichkeit. Und eine Mehrheit, die absolut untangiert davon bleibt ob ich heiraten darf oder nicht, hat nicht zu bestimmen ob ich das gleiche Recht bekommen soll. Alle Fußgänger sind gleich, als Fußgänger. Deswegen dürfen alle bei grün über die Straße gehen, nur die mit den Sommersproßen im Gesicht dürfen nicht passieren. Warum? Willkür. Die gefallen uns nicht. In etwa das ist die Aussage der Ungleichbehandlung was die Ehe betrifft und nun soll eine Gruppe von Menschen ohne Sommersproßen darüber abstimmen ob diese Behandlung ungerecht ist oder nicht, wo sich diese Frage aber gar nicht stellt! Es ist falsch, es ist nicht korrekt, es ist objektiv nachvollziehbar Unrecht und das Gesetz soll Recht stiften und kann auch ohne die Meinung der Mehrheit erkennen, dass hier Unrecht existiert. Jeder kann das erkennen, ein Kind erkennt das!

Aber ich schätze Europa wird das mit den Volksabstimmungen ernsthaft durchziehen und dann können wir nur noch zur heiligen Conchita beten, dass Österreich bis dahin ganz viele Ampelpärchen überquert.

die göttinnenspeise

One thought on “Über mich abstimmen?!

  1. Liebe Göttinnenspeise!

    Leider ist die ein Artikel in einer österreichischen Tageszeitung zuvor gekommen, aber trotzdem ein großes Danke für deinen Artikel und den Hinweis aus Caroline Emcke.

    Während der ESC Woche, in der eh alle super leiwand und tolerant waren, war die Meldung aus Irland für mich persönlich im ersten Moment tatsächlich ein Grund zum Jubeln.

    Das Volk hat gesprochen und YES WE CAN.

    Erst als ich den Artikel in der Zeitung entdeckte, wurde mir klar was das eigentlich heißt per Volksabstimmung Gesetze zu beschließen. Der Artikel erinnerte mit unter an das Minarettverbot in der Schweiz und mir stieg der Ekel hoch. Ich kam mir danach reichlich blöd vor und ja es kann gar nicht oft genug betont werden, dass die Mehrheit nicht über die Rechte von Minderheiten entscheiden soll.

    Du hast das super auf den Punkt gebracht was Rechtsstaatlichkeit und die Aufgabe der Gesetze betrifft.

    Vielen Dank fürs Teilen!

    Beste Grüße

    Marie

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