The new Marteria Girl

Katharina Simunic ist Studentin der Theater-, Film- und Medienwissenschaft und Fan des deutschen Rappers Marteria. Weil ihr eines seiner Videos nicht gefallen hat, hat sie kurzerhand selbst die Kamera in die Hand genommen und ihre eigene Version gedreht.

Hier seht ihr das Ergebnis:

Vanillekipferl: Wie ist die Idee entstanden?

Katharina: Marteria ist einer meiner Lieblingsrapper. Das Video zu Marteria Girl hat mir nicht gefallen. Das widerspricht sich, weil Marteria meiner Meinung nach kein sexistischer Rapper ist, aber in diesem Video hat die Frau nur Klebestreifen auf den Brüsten und reitet auf einem Pferd herum. Aber ich mag den Text gern, weil er vielschichtig ist. Ich liebe Musikvideos, ich dreh die am allerliebsten. Irgendwann hab ich mir gedacht, wir machen ein Video.

V: Welche Aussage steckt dahinter? An wen richtet sich das Video?

K: Ich hab mir noch nie in meinem Leben überlegt, an wen sich meine Musikvideos oder Filme richten sollen. Nicht ein Mal. Ich wollte möglichst viele unterschiedliche Frauen porträtieren. Meine Idee war, dass sich jede eine Figur überlegt, die sie sein möchte, z.B. Intellektuelle oder Metalerin. Ein paar Mädels sind als sich selbst gekommen und ein paar haben sich verkleidet. Die meisten waren zwischen 20 und 25. Also hab ich auch Mütter von ein paar Freundinnen gefragt. Das Interessante ist, dass man glaubt, dass das irgendwelche Passanten sind, weil sie älter sind.
Ich wollte nichts bewirken, sondern einfach zeigen dass es viele Frauen gibt, die verschieden sind und die aber gemeinsam etwas machen können. Wir haben uns nicht gekannt und haben trotzdem was Gutes draus gemacht. Und wir hatten Spaß an der Sache.

V: Wie hast du die Frauen, die im Video mitmachen, gefunden?

K: Die ersten, die ich immer frag, sind meine Freunde, die müssen einfach immer mitmachen, weil ich hab ja sonst niemanden und Budget hatte ich auch keines. Corinna, unsere Tanzlehrerin, hat schon in einem anderen Video für mich getanzt, und hat dann ihre Mädels gefragt. Sie hat eine Hip-Hop-Gruppe. Die waren einfach ganz spontan da.

V: Im Video nimmst du ja Marterias Rolle ein…

K: Ein paar Mädels haben gemeint, der und der könnte das machen, ich kenn da wen, der schaut aus wie ein Hip-Hopper. Für mich war aber von Anfang an klar, dass das eine Frau machen soll. Ich wusste nicht, wer, und keiner wollte, also hab ich das übernommen. Ich bin ein Mensch, der überhaupt nicht gerne die Kamera aus der Hand gibt. Das vor der Kamera ist nicht das Problem, aber dass ich die Kamera nicht in der Hand hab ist das Problem. Ich hab es mir lang überlegt, aber meiner Freundin Tina, die die andere Kamerafrau war, vertraue ich.
Ich finde, ich verkörpere ihn ganz gut. Ich hatte auch sehr viel Spaß beim Dreh! Eine Stunde vor Drehschluss war ich mir noch nicht sicher, ob ich den Kuss am Ende wirklich machen will. Ich wollte ihn machen, war mir aber nicht sicher, ob er wirklich Sinn ergibt. Im Laufe des Drehs haben wir dann festgestellt: das ist einfach nur logisch und lustig.
Es hat sich erst beim Schneiden herausgestellt hat, was ich eigentlich damit sagen will. Und das ist, dass es völlig wurscht ist, wer da wen spielt und wer da wen küsst und so weiter.
Mir wurde gesagt, der Kuss sei zu lange, oder zu nahe gefilmt. Von verschiedenen Leuten. Das verstehe ich nicht. Das Einzige, was bei den Leuten hängen geblieben ist, ist der Kuss. Mich haben nachher auch Leute angeschrieben, ob ich jetzt lesbisch bin oder wie lang ich schon mit Christine zusammen bin. Leute, die ich gut kenne; die wissen, dass ich das nicht bin oder dass ich gerade keine Beziehung führe. Das sind Reaktionen auf einen Kuss, der genau zehn Sekunden dauert! Das liegt nur daran, dass es zwei Frauen sind. Wenn das irgendein Mann gespielt hätte, wäre das nie ein Thema gewesen.
Ich provoziere gern, aber ich würde nicht sagen, dass das Video provoziert. Meine Absicht war nicht, ein feministisches Statement abzulegen, sondern ich wollte einfach zeigen: Wir Mädels können Musikvideos machen.
Ich fand den Kuss eigentlich sehr schön. Wir haben ihn auch beim Stephansplatz gedreht. Wir haben ihn fünf, sechs Mal wiederholt; die Leute haben blöd geschaut, waren voll verwirrt. Dann haben sie die Kamera gesehen und sind weitergegangen. Aber dass das offiziell ein Kuss von zwei Frauen in der Öffentlichkeit ist, das war jetzt irgendwie schon komisch. Sobald eine Kamera da ist, ist es wieder okay. So quasi: Passt schon, es ist ja eh nur für den Film. Der Kuss war nicht mal ansatzweise im Drehbuch. Ich hab mir schon gedacht: Es ist provokant, irgendwo. Eigentlich sollte nach Conchita Wurst in diesem Land überhaupt nichts mehr provokant sein. Aber anscheinend schon.
Serien mit Schwulen und Lesben, wie in Looking oder The L-Word, die kommen jetzt langsam mehr. Aber es ist immer noch zu wenig da. Anscheindend, sonst würde der Kuss nicht so etwas auslösen. Ich bin froh, dass wir da mehr machen. Jeder, der eine Idee hat, kann mir gern eine E-Mail schreiben!

Was vor allem wichtig ist: Das Video ist nicht sexualisiert. Die Frau ist kein Objekt in diesem Film. Die ist einfach nur da, tanzt und hat Freude. Sie wird nicht fragmentisiert (sodass nur Teile ihres Körpers gezeigt werden). Daher, dass wir uns zum Schluss küssen, hab ich das Gefühl, dass es wieder eine Art Ausstellung ist. Ich stelle jetzt zwei Frauen aus, die sich küssen. Was wiederum sexualisiert werden kann. Wenn zwei Männer sich küssen, ist das „widerlich“, aber wenn zwei Frauen sich küssen, kann das „geil“ sein. Dadurch, dass wir ganz normal angezogen sind, war es nicht so „Oh mein Gott!“. Aber es hat schon ein gewisses Risiko, dass ich jetzt den Männern geb, was sie wollen.

V: Würdest du das Video als queer-feministisch bezeichnen?

K: Ich bin Feministin, aber feministisch ist negativ konnotiert, wie wir ja wissen. Ich bin also nicht hergegangen und hab geschrieben: Hey Leute, ich brauch euch für ein feministisches Video, sondern: Ich brauch euch für einen Hip-Hop-Song. Das kommt besser. Ich weiß aber, dass diese Mädels absolut genauso für Frauenrechte sind.
Die Idee dahinter war nicht, queer-feministisch etwas zu bewirken. Aber das liegt vielleicht daran, dass ich sehr oft mit Leuten zusammen bin, die nicht heterosexuell sind. Mich würde es freuen, wenn ich das Label dafür kriegen würd. Aber absichtlich wars nicht. Es war für mich eine Selbstverständlichkeit, dass wir uns am Schluss küssen. Es war kein großes Thema, es war einfach spontan entschieden. Für mich war es normal, obwohl ich mir dann später beim Schnitt gedacht habe, das könnte jetzt das und das und das bewirken. Aber gut, schauen wir mal wie es den Leuten gefällt. Es gibt den Spruch: Wenn ein Künstler oder eine Künstlerin sein Werk veröffentlicht, dann gibt er oder sie es ab an die Öffentlichkeit, die dann damit machen kann, was sie will. Man kann dann tausend Sachen reininterpretieren. Ich würde sagen, ich hab es an das Publikum abgegeben, die können selber entscheiden, wie sie’s finden.

Ich würde mich freuen, wenn das Video wirklich was erreichen kann. Bisher hat es nicht so viele Aufrufe, aber die Menschen, die es gesehen haben, haben kurz darüber nachgedacht. Das ist schon mal was. Ich bin aber kein Mensch, der belehren will.

Ein Musikvideo entsteht nicht nur zu Hause, sondern im Prozess. Bei diesem Video wusste ich gar nichts, außer dass elf Mädels kommen. Ich wusste nicht, dass die alle so gut tanzen können! Es war spontan, es war perfekt, ich finde, dass es gut zum Anschauen ist. Ich weiß nicht, wie Menschen darüber denken, die keine Leute im Video kennen. Ich hab keine Kommentare auf YouTube. Aber es würd mich voll interessieren, was andere Menschen dazu sagen! Mir gefällts jedenfalls sehr gut und ich bin sehr stolz darauf, dass wir das in vier Stunden geschafft haben. Ich würde es jederzeit wieder machen! Vielleicht überleg ich mir dann was neues, etwas, womit ich wirklich provozieren kann (lacht)!

V: Findest du, dass Frauen zu wenig zusammen machen? Gibt es da eine andere Kultur bei Männern?

K: Wenn ich Filmprojekte mach, kommt es mir manchmal so vor, dass die Leute es zwar lustig und cool finden, aber es nicht so ernst nehmen, wie wenn mein bester Freund meint, er macht jetzt einen Film. Ich hab bisher auch nur für Regisseure gearbeitet. Ich war auch fast immer die einzige Frau hinter der Kamera mit am Set. Ich finde, das gehört auf jeden Fall geändert, weil Frauen genauso eine Geschichte erzählen können wie Männer, genauso wie sie Bücher schreiben können wie Männer.
Viele Menschen sind verwirrt, wenn ich ihnen sage, dass ich Regisseurin werden will, was eigentlich nicht sein sollte. Wenn das ein Mann sagt, dann sind die Reaktionen, „ja passt, der macht schon sein Ding“. Es ist wirklich nicht so einfach, wie man denkt.
Ich finde, dass Mädels oft ihr Potential unterschätzen. Frauen, die ihre Meinung nicht sagen, die sich zurückhalten, die Braven sind. Das ist ja alles Erziehungssache, das wissen wir. Ich mach auch das EC Gender Studies. Ich seh in Frauen sehr viel Potential, das zeigt auch das Video. Ohne dass sie zum Objekt werden. Das ist für mich das Allerwichtigste.
Wenn ich es mir aussuchen könnte, würde ich mehr mit Mädels arbeiten.
Jede_r, der mit mir einen Film drehen will, ist herzlich dazu eingeladen!

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