Da kann man doch nicht wegsehen. Flüchtlingshilfe und Fluchthilfe – Ein Bericht

Ich habe länger überlegt wie ich am besten meine Erlebnisse vor, in und nach Nickelsdorf mit euch teilen kann. Eine Veröffentlichung auf meinem Facebook-Profil wäre eine Möglichkeit gewesen, schien mir aber nicht passend, da ich 1. nicht mit einer „Held*innentat“ , die man mir 1:1 zuordnen kann prahlen will und 2. weil ich mich im halb-legalen Bereich bewege.

Folgendes soll ein Bericht über die letzten 4 Tage werden. Wen nur der spannendste Tag interessiert, liest bitte gleich ab Samstag, 5. September.

Donnerstag, 3. September 2015, 12:00
Ich erfahre von der umstrittenen Facebook Aktion „Konvoi Budapest Wien – Schienenersatzverkehr für Flüchtlinge“ (der Link dazu wurde bei ca. 4000 Teilnehmer_innen gelöscht). Diese Aktion wurde ins Leben gerufen, weil in Budapest Menschen in den Zug gelockt wurden um sie dann in Bicske wieder rauszuholen und in ein Lager zu stecken. Der ORF berichtete, ich zitiere wörtlich: „Hier werden gerade Männer, Frauen, Familien und Babys getrennt“. Züge, Lager, Züge, Lager, HALT! Hatten wir das nicht schon mal? Menschen gegen ihren Willen auf Lager konzentriert? Spätestens da war meine Meinungsbildung zu Ende: Ich schaue da nicht zu. Ich bin keine Mitläuferin. Ich handle. Wenn Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht!

Ich persönlich würde mich als Mitläuferin fühlen, wenn ich dem tatenlos zusehe. In 20 Jahren, wer werde ich dann sein? Wie wird man dann Österreich/Europa/die reichen Länder sehen? Und was werde ich erzählen können über mich? Werde ich mich schämen? Werden mich Menschen, die aus den von uns ausgebeuteten Ländern zu uns gekommen sind um sich zu nehmen was auch ihnen zusteht, einsperren, weil ich tatenlos zugesehen habe und mich durch Überkonsum schuldig gemacht habe? Oder werde ich stolz sein können auf mich?

Donnerstag, 21:00
Die Facebook Seite „Konvoi Budapest Wien – Schienenersatzverkehr für Flüchtlinge“ war von rassistischen Menschen gestürmt worden. Es wurde jenen gedroht, die Fluchthilfe betreiben und die Aktion wurde bei der Polizei angezeigt. Ein Facebook-Eintrag dieser Art: „Ich hab euch gerade bei der Landespolizeidirektion Wien wegen Planung einer Straftat angezeigt „grin“-Emoticon Viel Spaß“ Ich hatte Angst. Sollte ich meine Einträge auf der Seite löschen? Ich entschied mich dagegen und ermutigte mich an den Gedanken an die Besetzung der Hainburger Au, die ja auch nicht legal war und wo man aber heute stolz auf die Leute ist, die dabei waren. Schon der Aufruf zur Fluchthilfe war zu diesem Zeitpunkt in Ungarn mit Gefängnis bestraft.

Freitag, 4. September 2015, 14:00 – Hofer:
Um mein Gewissen zu beruhigen, schiebe ich mein Einkaufswagerl durch den Hofer und kaufe um 65€ privat ein. Auf die Frage ob Hofer auch die Flüchtlinge in Traiskirchen unterstützen möchte, erhalte ich die Antwort, ich solle in der Zentrale anrufen. Eine Frau bemerkt was ich tue und meint, dass sie es gut findet. Ich sage ihr, machen Sie gerne mit und legen Sie etwas zu meinem Einkauf dazu. Sie ignoriert es. Während all dessen habe ich Angst, dass mir Menschen auch sagen wie Scheiße sie finden, was ich tue. Wütend über diese Angst und die nicht vorhandene Hilfsbereitschaft der Einkäufer*innen schiebe ich mein Wagerl wütend aus dem Supermarkt hinaus.

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Freitag, 16:00 – Traiskirchen:
Ich fahre mit dem Auto rund um das Lager. Überall Müll, vor allem Müll, den Menschen verursachen, die ihre schiarche nicht mehr Flohmarkt-taugliche Ware dort abladen. Ich öffne mein Auto und sofort stehen Menschen um mich herum. Vorwiegend erst mal junge Männer, die ich zurückschicke und meine Sachen den Frauen und Mädchen in die Hand drücke. (Meine Verteil-Strategie kann jetzt natürlich kritisiert werden, falls ja, aber bitte gleich mit einer konstruktiven Alternativ-Strategie.) Ich teile Zettelchen an Flüchtlinge aus, mit dem Hinwies, sie können mir schreiben, was sie brauchen: https://askrefugees.titanpad.com/1? . Ich war informiert, dass die meisten Smart-Phones haben um mit ihren Verwandten zu kommunizieren. Vor Ort stelle ich aber fest, dass nur wenige Smart-Phones haben und somit meine Idee nicht sehr sinnvoll zu sein scheint, weil ich die Leute nicht erreichen kann damit.

Die Lage in Traiskirchen ist nach wie vor schrecklich. Vorne ist „schön zusammengeräumt“. Es sind keine Zelte mehr zu sehen, aber hinten sind nach wie vor sehr viele Zelte im Sicherheitsakademie-Gelände aufgestellt und zwar nicht nur die großen weißen Zelte, sondern auch ganz viele kleine bunte. Die Lage wirkt auf mich chaotisch. Vor allem die Kontrollen wer hinaus und hinein darf, was kontrolliert wird und was nicht. Die Eingänge werden von einer Privatfirma bewacht. Ich probiere auch hineinzugehen mit meinen Einkaufssäcken. Der Eintritt wird mir verwehrt. Die Menschen sitzen draußen im Weingarten. Es ist ein komisches Gefühl, sich auszusuchen, wen man nun beschenkt und wen nicht.

Ein Nigerianer erzählt mir von drinnen. Das Essen ist zu wenig und außerdem ekelhaft. Er hat Hunger. Er trägt Badeschlampfen. Ich frage ihn, was er am dringendsten benötigt. Sein Handy ist kaputt. Ich habe leider keines mit. Er braucht Schuhe und ein langärmeliges Hemd, um in die (katholische) Kirche gehen zu können, um Gott zu danken, dass er es hierher geschafft hat. Ich versichere ihm, er kann in Österreich auch so wie er ist in die Kirche gehen. Er bedankt sich bei mir und er bedankt sich bei allen Österreicher*innen, die er sehr freundlich und hilfsbereit erlebt.

Dann treffe ich eine junge Frau aus Syrien, perfektes Englisch, abgeschlossenes technisches Studium. In Syrien arbeitet sie mit Solar-Energie. Ich sage ihr, sie soll das immer und immer wieder erwähnen, dann hat sie vermutlich Vorteile im Asylverfahren. Sie sagt, wenn sie die „weiße Karte“ hat, will sie Dolmetsch-Übersetzung studieren. Ob ich ihr damit helfen könne. Da ich das vermutlich wirklich kann, gebe ich ihr meine Telefonnummer. Warum sie das werden will, dämmert mir erst später. Denn sie agiert für ihren Vater und sämtliche Menschen in Traiskirchen als Dolmetscherin. Sie lässt mir von ihrem Vater ausrichten, dass er am dringendsten Arabisch-Deutsch Lernunterlagen benötigt. Er will die Sprache so schnell wie möglich lernen. Und das notiere ich mir: Arabisch-Deutsch Lernunterlagen und Audio-Deutsch-Lernunterlagen. Ohne Audio geht es nicht, wenn es autodidaktisch sein soll. Nach Spracherwerbs-Unterlagen, Wörterbüchern, etc. werde ich sehr oft gefragt. Die Deutschkurse sind zur Zeit angeblich ausgesetzt, weil in den Räumen Flüchtlinge wohnen. Ich bin mir sicher, wenn man nach Traiskirchen fährt, eine Runde um das Lager dreht und nach den Essenszeiten eine Deutsch-Lerneinheit im Weingarten anbietet, wird das dankend angenommen.

Sachen die am dringendsten benötigt werden sind: Männerschuhe 41-45, vor allem schöne Sneakers, Deutsch-Lernunterlagen Deutsch-Farsi, Deutsch-Arabisch, Deutsch-Englisch, etc. Die Menschen, die ich kennenlernte waren aus Syrien, Irak, Pakistan, Afghanistan und Nigeria. Es werden auch Mobiltelefone, Smartphones und Ladekabel benötigt. Diese sind keine Luxusartikel, sondern die Menschen informieren sich damit, wie sie die Flucht gestalten können, wo ein grüner Grenzübergang ist und natürlich sind sie die billigste Möglichkeit via WLAN nach Hause zu telefonieren. Weiters sind eiweißhaltige Lebensmittel, zb Thunfisch-Konserven, Aufstriche, etc. sehr gefragt. Sogar Wasser ist ein Problem im Lager, da es am Gelände der Sicherheitakademie nur eine einzige Wasserentnahmestelle gibt. Gebraucht wird daher stilles Wasser in Flaschen. Obst in jeglicher Variation, vor allem Bananen, Äpfel und Melonen. Frauen benötigen Hygieneartikel, die man ihnen aber am besten unauffällig zusteckt. Viel gefragt wird auch nach großen Rucksäcken und Taschen/Reisekoffern die rollbar sind.

Ich kann euch nur raten: Fahrt hin, sprecht mit den Menschen. Am Wochenende sind mehr Autos dort. Unter der Woche ist es besser. Aber Achtung: In der Akademiestraße ist Parkverbot und wird zu manchen Zeiten rigoros mit Parkstrafen geahndet.

Freitag, 4. September 2015, 22:00 – Bäckereien I
Mein Gewissen ist nicht beruhigt. Die Facebook Aktion „Konvoi Budapest Wien –
Schienenersatzverkehr für Flüchtlinge“ lässt mich nicht mehr los. Ich habe aber gerade meiner Freundin noch versprochen, dass ich mich nicht in Gefahr bringe, wenn ich Flüchtlinge mitnehme. Ich bin mit dem Auto auf dem Weg nach Hause, da habe ich spontan einen Einfall. Ich fahre noch nicht nach Hause sondern, von U6 Alser Straße den äußeren Gürtel hinunter bis zum Burger King. Bei jeder „türkischen Bäckerei“ halte ich und frage, „Helfen Sie den Flüchtlingen?“. Morgen 12:00 wird vereinbart. („Türkische Bäckereien“ steht unter Anführungszeichen, da es natürlich arabische, türkische, kurdische, … Bäckereien in Wien gibt.).

Samstag, 5. September 2015, 12:00 – Bäckereien II
Eine arabische Bäckerei gibt mir 2 große Säcke Brote, die ich alleine kaum tragen kann und sagt mir, jederzeit wieder. Eine Kundin, die mitbekommt, was ich mache, legt noch 10 Sesam-Kringerl für die Kinder drauf. 2 türkisch-kurdische Supermärkte geben mir Konserven, Kekse, einen Sack mit Wurst-Pastete, …. Ein türkisch-kurdischer Kebap Stand gibt mir 30 Hühner-Kebaps. Besonders berührend Burger King: Wie erwartet spendet der Konzern nichts, aber die Mitarbeiter*innen haben 35€ für mich gesammelt. Ich nehme das Geld dankend an und kaufe dann später Rucksäcke darum.

Kleiner beschämender Seitenblick der Sammelaktion: österreichische Bäckerei Schwarz kann nichts geben, da müsste ich erst die Filialleitung anrufen. Was Ähnliches beim Zielpunkt: „Wir spenden schon der Caritas.“ Und bei DM: „Sie können ja das Paket kaufen.“ Wo die türkisch-kurdische und arabisch-kurdische Community sofort ins Regal greift und Sackerl zu füllen beginnt, ist in Österreich erst mal Bürokratie an der Tagesordnung.

Samstag, 15:00 – Getränkegroßmarkt
Vom Kebap Stand am Gürtel wurde ich nun an einen Getränkegroßmarkt verwiesen. Dort lädt man mir das Auto so voll mit stillem Wasser und Energie-Drinks, dass ich Angst habe, dass ein Reifen platzt. Die Energie-Drinks nehme ich übrigens eher zögerlich, da ja nach stillem Wasser gefragt wurde von den Hilfsaktionen. Tatsächlich sollte es aber gerade das sein, was dann Stunden später in Ungarn am liebsten genommen werden würde.

Samstag, 16:00 – Schuhgeschäft
Ich stehe nun in einem türkischen Schuhgeschäft in Wien Favoriten. Dorthin kam ich über einen Tipp vom Getränkegroßmarkt. 30 Paar Schuhe werden eingepackt und man bietet mir etwas zu trinken an.

Samstag, 17:00 – Südbahnhof
Ich fahre zum Südbahnhof um herauszufinden, wo ich meine Sachen am besten hinbringen kann. Ich weiß zu dem Zeitpunkt schon, dass die österreichischen Bahnhofe alles haben, was sie brauchen und ich will nach Ungarn. Am Südbahnhof ist ein Geschäft eingerichtet, wo eigentlich keines ist. Erst auf den 2. Blick sehe ich, es ist kein Geschäft. Es sind die Sachen die Freiwillige sortieren und gratis abgeben. Brote werden gestrichen. Mobile Betten stehen bereit zum Ausruhen für die Flüchtlinge. Alles ist perfekt organisiert. Dolmetscher*innen sind vor Ort. Jemand schreit durch die Menge in Richtung arabischem Dolmetscher: „Go now! The train is leaving NOW! Take them there. NOW!“ Die meisten sind private Menschen, die einfach dazustoßen und mithelfen. Manche tragen Funkgeräte. Ich frage, ob sie meine 30 Kebaps haben wollen. Es ist kein Bedarf beim Abgabestand. Plötzlich die Idee, das Essen in den Zug nach München zu bringen. Ich laufe mit einer Person, die ich gerade kennengelernt habe und die mir beim tragen hilft zum Zug und gebe den Menschen die im Zug helfend mitfahren und dolmetschen die Sackerl zum austeilen. In der Freiwilligen-Schaltzentrale erfahre ich, dass Ben (Name geändert) in Nickelsdorf das Essen braucht. Dort werden Züge erwartet, 1000 Menschen. Ich bekomme GPS-Daten und los geht’s hinein ins Ungewisse. Ich bin nervös. Ein Stofftier in der Windschutzscheibe unterstützt mich.

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Samstag, 19:00 – Nickelsdorf
Ich fahre die Ostautobahn bei Nickelsdorf ab, dann links (Es gibt ein Schild da steht „Hilfsgüter“), dann rechts. Dort steht die Polizei und sperrt in die Richtung, in die ich fahren will ab. Ich sage, meine Sachen werden dringend benötigt. Sie sehen wie voll mein Auto ist. Mit „Wenn sie meinen“ als Antwort, ob ich durchfahren kann, fahre ich weiter. Dann kommt der Busbahnhof oder die Grenze oder was immer das ist. Ein riesiges Caritas-Lager mit um die 2 LKW Ladungen Wasser. Hier sollen meine Sachen gebraucht werden? Gefühlte 500 Menschen stehen vor einer Absperrung und werden in Busse eingeteilt. Die Busse nach Wien? Viel Polizei, viel Rettungskräfte, ein riesiger Platz.

Ich rufe wieder Ben an. Ich solle weiterfahren, die Landstraße einfach am Busbahnhof vorbei Richtung Hegyeshalom, so um die 500m. Es kommt ein Gebäude, dass die Landstraße überdacht. Die alte Grenze auf der Landstraße? Keine Ahnung. Ich steige aus und rufe laut nach Ben. Keine Meldung. Ich fahre weiter. Um die 5 Anrufe später (Danke Ben für deine Geduld.) bin ich wieder an der selben Stelle und erfahre warum mir kein Ben antwortete: Es ist nicht sein richtiger Name. Ben und Helfer*innen aus Deutschland, Österreich und Ungarn entladen mein Auto. Es ist eine Sammelstelle, deren Sinn sich mir erst nach und nach erschließen sollte. Kleidung und Essen liegt chaotisch am Boden, zumindest überdacht. Ich bin ein bisschen ang’fressn, dass es hier so unorganisiert ist. Ich habe die Befürchtung, dass meine Sachen hier unnötig herumstehen und nachher nicht weggeräumt werden. Ich erfahre, dass ich gerade den großen Ansturm verpasst habe. Hunderte sind gerade durchgelaufen und es waren nicht genug helfende Hände da um die Ausgabe organisierter zu gestalten. Vorwiegend syrische Flüchtlinge. Sie nehmen nur das Nötigste. Ich beobachte wie ein paar Flüchtlinge durchgehen. Sie wirken gehetzt, zum Verweilen keine Zeit. Auf der Flucht. Schnell eine Banane hier, ein Brot mit Wurst da und schnell nach Schuhen oder einer Jacke geschaut und letztere beiden nicht gefunden. Ich erkenne schnell, wo ich gebraucht werde und entwickle mein eigenes Ressort, den Schuhbereich, mit Hilfe meiner zweisprachig aufgewachsenen Mithelferinnen, die perfekt österreichischen Dialekt und Ungarisch sprechen. 30 Minuten später stehen Herren-, Damen- und Kinderschuhe wunderbar geordnet da. Und jetzt haben die Flüchtlinge wieder die Chance, in der Zeit die sie haben, was Brauchbares für die Füße zu finden. Nach 2 Stunden übergebe ich mein Ressort an eine ungarische Kollegin.

Samstag, 22:00 – Rassismus vs. Sexismus
Ich bekomme einen Anruf von einem Bekannten, den ich persönlich nicht kenne. Ob ich einen Platz im Auto frei hätte. Ich sage vier, aber ich nehme wenn ich alleine fahre, keine alleinstehenden Männer mit, weil ich mich sicher fühlen will. Er sagt mir sowas auf die Art wie, aha, na von der Art bist du also und dass ich mich nie wieder bei ihm melden soll und legt auf. Ich bin baff, fühle mich schlecht und denke über den Vorfall nach. Ich hätte ihm gerne noch Einiges gesagt, nämlich zum Beispiel, dass er das nicht nachvollziehen kann, einfach, weil er keine Frau ist und dass seine Reaktion sexistisch ist. Oder dass ich lieber hätte, dass wir die oft auftretenden Widersprüche Sexismus – Rassismus besprechen würden, als so abzuhandeln wie er das getan hat. Ich denke an die Geschichte, die mir eine Freundin einmal erzählt hat. Sie war in Wien mit einem Afro-Amerikaner bei einem Konzert und es wurde sehr spät. Als sich die Frage stellte, wer wen nach Hause begleitet, damit dem/der anderen nichts passiert, konnten sie sich nicht einigen, weil meine Freundin befürchtete, dass ihr Freund rassistischen Übergriffen ausgesetzt sein könnte und er befürchtete, dass sie sexistischen Übergriffen ausgesetzt sein könnte.

Ich fühlte mich nach wie vor etwas schlecht, weil ich es für mich ablehne, alleine unterwegs, cis-Männer ohne weibliche Begleitung im Auto mitzunehmen.

Samstag, 23:00 – Flüchtlings-Zug Hegyeshalom
Ich erfahre, dass gerade wieder ein Flüchtlings-Zug in Hegyeshalom angekommen ist mit hunderten Menschen. Das ist 2,5 Kilometer von dem Ort wo ich gerade mithelfe nach Ungarn. Ich fahre mein Auto in Richtung Bahnhof, um Leute abzuholen, denn es heißt hier schon lange, dass die ungarische Polizei das Mitnehmen vom Bahnhof Hegyeshalom bis kurz vor die Grenze duldet. Ich parke mein Auto und winke Frauen, die Kinder tragen. „You want a lift?“ 1 Minute später sitzen 3 Frauen mit jeweils einem Kleinkind am Schoß (eines davon vielleicht 6 Monate alt) auf der Rückbank. Ein Mann sitzt neben mir. Sie könnten gar kein Englisch oder Deutsch. Wir kommunizieren trotzdem. Ich werde etwas nervös, weil wir im Stau stehen. Ich laufe zu einem Auto 2 Autos vor mir und sage dem Fahrer er soll laut Hupen, wenn er eine Polizeikontrolle vermutet, damit ich meinen Leuten sagen kann, dass sie aussteigen sollen. Ich versuche Ihnen non-verbal Sicherheit zu vermitteln. Die ungarische Polizei patrolliert, aber es gibt keine Probleme. Wir fahren so langsam, weil die Flüchtlinge auf der Landstraße gehen, weil der Weg zu eng ist oder sie nur mehr vorwärtshumpeln und das auf einer Straße vermutlich einfacher ist als am unebeneren Gehweg. Phasenweise fahren wir 2-spurig Richtung Grenze auf der Landstraße! Die Gegenrichtung braucht hier kein Mensch gerade. Wars damals beim Öffnen des Eisernen Vorhangs auch so ähnlich, frage ich mich. Ich habe kaum Angst mehr. Vor und hinter mir dutzende Menschen aus allen möglichen Ländern, die Leute mitnehmen bis zur Grenze, genauer bis zu der Versorge-Station wo ich mitgearbeitet habe. Dort lasse ich meine Leute aussteigen und sage und deute ihnen, dass dort Essen und Trinken ist und in Richtung Grenze.

Ich kann nicht einmal aussteigen, da steht schon ein japanischer Journalist neben meiner Fahrertür. Ich gebe ihm ein Interview, das in den japanischen Medien erscheinen soll, weil das Flüchtlingsdrama viele Menschen in Japan sehr interessiert. Ich gebe ihm meine Emailadresse und bitte ihn mir den Artikel zuzuschicken, den mir hoffentlich eine der japanischen Sprache mächtigen Freundin übersetzen wird.

Es heißt, die letzten Hundert Meter über die Grenze müssen sie selbst zurücklegen. Was nach der Grenze, also in Österreich passiert, weiß anscheinend niemand so genau. Es heißt, in Österreich ist es derzeit wieder blöder als in Ungarn um weiterzukommen. Die Polizei sei gerade weniger hilfsbereiter. Völlig fertige und müde Flüchtlinge mitzunehmen geht gar nicht in Österreich. Ich probiere mit dem Auto auf der Landstraße Richtung Österreich zu kommen. Sie ist gesperrt. Ich frage den Polizeibeamten ob ich nicht jemand über die Grenze mitnehmen darf. Die Antwort ist zwar ein NEIN, aber mein Gefühl sagt ein halbherziges. Ich habe den Eindruck, dass er das halt sagen muss.

Samstag, 24:00 – Was bin ich? Schlepperin? Fluchthelferin?
Ich muss also wieder Richtung Ungarn retour fahren und dort auf die Autobahn Richtung Wien auffahren. Diese ist wieder offen. Jedoch nicht mehr für gehende Flüchtlinge, denn das blockiert die Polizei nun nach den Bildern der Flüchtlinge auf der ungarischen M1 die vermutlich um die Welt gingen. Deswegen sind jetzt alle auf der Landstraße unterwegs. Ich fahre einem Auto nach, das ich bereits im Konvoi vorher als vertrauenswürdig eingestuft habe und lande dann zwischen 2 parkenden LKWs hindurch auf der M1 Richtung Wien. Keine Polizeikontrolle auf der Autobahn. Habe ich unabsichtlich einen Schleichweg genommen? Keine Ahnung. Egal. Eine Freundin ruft mich an, ich fahre bei der Raststation Nickelsdorf ab um mit ihr zu telefonieren.

Auf der Raststation sehe ich 2 junge Frauen mit 2 Kleinkindern die am Beton sitzen. Ein Kind hat einen Overall über sich geworfen und schaut durch das Armloch durch. Es wirkt apathisch und zittert vor Kälte. Ich hole meine Decken aus dem Auto. 2 Frauen aus Graz stehen bei Ihnen und telefonieren um ein Auto zu organisieren, dass sie abholen kommen kann. Kann, denn ich bin schneller. Ich halte meine Autoschlüssel hoch. Sie haben leider selbst zu wenig Platz im Auto für 4 Personen und 2 Kleinkinder. Die syrische Familie will sich verständlicherweise auch nicht auf 2 Autos aufteilen. Eva (Name geändert) aus Graz fahrt 15 Minuten vor mir mit ihrem Auto los. Sie gibt mir Bescheid, sollte eine Polizeikontrolle sein, denn dann kann ich noch rechtzeitig abfahren.
Meine Anspannung bei der Fahrt ist groß. Ich ärgere mich jedoch darüber, denn es sollte nicht unter Strafe stehen, sondern Pflicht sein, vor Kälte zitternde Menschen und generell Flüchtlingen zu helfen.

Die Autofahrt war ruhig und konzentriert. Die Kinder schliefen. Gespräche fanden wegen der Müdigkeit und geringer gemeinsamer Sprachbasis wenig statt. Bis auf eine Frage, die Karim (Name geändert) mich mindestens 3 Mal fragte: „Warum machst du das?“ (Meine Antwort ist der letzte Satz meines Berichts.)

Sonntag 2:00 – Wien
Wir sind in Wien. Die syrische Familie wollte lieber ins Hotel, aber da ich mich in der Wiener Hotel-Landschaft preislich nicht auskannte und preislich nichts Sinnvolles fand, kamen sie dann doch zu mir mit, obwohl ihnen das merklich unangenehm war. Ich bot ihnen alles an, was ich auch anderen Gäste anbieten würde, die wenig Sachen dabei haben. Das einzige was angenommen wurde, waren 1 Kleidungsstück und Tee. Alles andere nicht. Ich fragte mich, ob ich eh alles richtig gemacht habe (zu penetrant gastfreundlich oder zu wenig gastfreundlich war) oder ob ich etwa nicht erwähnen hätte sollen auf die Frage ob ich einen Mann habe, „I live with my girl-friend.“

Sonntag 14:00 – Warum?
Meine Gäste wollten lieber ein Taxi nehmen mit der Begründung, dass heute Sonntag, mein freier Tag ist. Karim bedankt sich. Ich sage, das nächste Mal, wenn sie kommen, gehen wir Sight-Seeing und in den Zoo. Karim sagt, er will wieder nach Wien kommen. Nach mehrmaligen Überredungsversuchen, sie doch selbst zum Bahnhof zu bringen, gebe ich auf. Sie sind jetzt hoffentlich schon lange dort wo sie sein wollen bzw. auf dem Weg dorthin. Viel Glück! Ich hoffe, ich komme nie in ihre Situation, aber falls doch, dass es Menschen gibt, die mir helfen.

Mut-Keks

2 thoughts on “Da kann man doch nicht wegsehen. Flüchtlingshilfe und Fluchthilfe – Ein Bericht

  1. die fb-veranstaltung zum konvoi wurde im übrigen nicht einfach so gelöscht, sondern der account, der sie erstellt hat, gehackt und die veranstaltung dann gelöscht. danach wurde eine fake-veranstaltung von den rechten hackern aufgesetzt. :-/

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