Ein kritisches Statement zum linken Flüchtlingsdiskurs

Ich kann kaum glauben, dass ich mich nun doch dazu hinreißen lasse, mich zur ganzen Auseinandersetzung der Flüchtlingsdebatte zu äußern. Und zwar deshalb, weil ich im Grunde wie erschlagen von ihr bin. So erschlagen, dass ich mich in Debatten nicht mehr einmische bzw. mich nicht mehr einmischen wollte. Erschlagen natürlich vor allem von der unglaublich widerwärtigen und über die Maßen (Maße, die ich mir noch vor zwei Jahren nicht ausgemalt hätte) erschreckende fremdenfeindliche Hetze. Seit neuestem aber auch erschlagen von dem merkwürdigen Umgang der Debatte jener, denen ich mich normalerweise zugehörig fühle, vor allem seit Köln.

Über die widerliche und menschenfeindliche Hetze wird (zurecht und hoffentlich auch weiterhin) viel gesagt und aufgeschrien, ich möchte mit diesem Artikel sozusagen ergänzend einige Punkte loswerden, die meiner Ansicht nach überfällig sind gesagt zu werden. Ich habe lange mit mir gehadert zu ordnen, was ich über alle Ereignisse und Haltungen, die die momentane Situation zu Tage bringt, meine und denke, und glaube nun meine Kritikpunkte in angebrachter Weise formulieren zu können. Nicht zufällig beginne ich mit der Notwendigkeit zu trennen, worüber mensch überhaupt spricht, wenn er_sie Kritik äußert.

Zwei notwendig zu unterscheidende Ebenen der Debatte

Ich glaube, dass ein Hauptproblem der gegenwärtigen Diskussionsstandards rund um die Flüchtenden ist, dass unterschiedliche Ebenen nicht getrennt werden, die aber unbedingt getrennt werden müssen. Wenn Menschen (welchen Schlages auch immer) Sorgen haben, dass eine Kultur zu „uns“ zuwandert, die mit der hier herrschenden Kultur nicht verträglich ist, vertauschen sie das meistens mit dem vermeintlichen Recht zu sagen: Die wollen wir hier nicht, die sollen draußen bleiben. Dieses Recht gibt es aber nicht. Und zwar sowohl ethisch nicht, als auch gesetzlich.

Meiner Meinung nach ist einer der größten Fallstricke in dieser Diskussion, dass manche oder leider sehr viele glauben, dass ihre Antipathie als Grund ausreicht, um jemandem das Recht in Sicherheit bei uns zu leben abzusprechen. Dieses Recht aber bildet die Basis jeder aufgeklärten, gesellschaftlichen Regelung des Zusammenlebens und ist deswegen als indiskutables Grundrecht von anderen Punkten der Debatte zu trennen, die erst in weiterer Folge auf einer zweiten Ebene diskutiert werden können.

Jeder Mensch hat das Recht auf Leben, jeder. Es ist nicht einfach nur unser Wohlwollen ertrinkende Menschen zu retten und aufzunehmen, es ist unsere menschliche und gesetzliche Pflicht. Wie sagte Yanis Varoufakis so schön (sinngemäß, leider finde ich das Zitat nicht mehr): Wer schulterzuckend dabei zusieht, wie ein Mensch vor seinen Augen stirbt, obwohl er ihn retten könnte, darf sich nicht Mensch nennen.

Die Frage also, ob wir jemanden aufnehmen oder nicht und ob wir eine Obergrenze einführen sollen oder nicht, dürfte sich eigentlich gar nicht stellen. Eine Obergrenze an Flüchtlingen bedeutet in vielen Fällen deren Tod. Und das verbietet unsere Menschlichkeit und darüber hinaus das Gesetz. Dass das nicht viel Wert ist, wenn es um politische Machenschaften geht, ist mir klar. Trotzdem dürfte und sollte diese Ebene nicht auch nur einen Augenblick zur Debatte stehen und gehört streng getrennt von einer zweiten Ebene, auf der man alle restlichen Bedenken äußern und diskutieren können dürfen muss – solange es nicht in Hetze ausartet oder die Gestalt jeglicher anderen Rede annimmt, die die Grundrechte eines Menschen verletzen.

Ich bin der Ansicht, dass bestimmtes Gedankengut nicht einfach verdrängt werden kann, sondern im Gegenteil in einem dynamischen, demokratischen Diskurs aufgearbeitet werden soll, so oft es geht. Denn wir wissen von der Tiefenpsychologie, was es bedeutet zu verdrängen: Es staut sich auf und äußert sich später in einer pervertierten und entstellten, meist unangepassten Art, die massiv Unruhe stiftet.

Erst dann also, wenn wir diese erste Ebene bedingungslos anerkennen, was zur Folge hat, dass wir nicht in Frage stellen, dass Menschen zu uns vor dem Tod flüchten, erst dann können wir darüber in differenzierter Weise reden, was es bedeutet, dass Menschen zu uns flüchten, welches also auf einer anderen, abgetrennten zweiten Ebene besprochen werden muss.

Neutral ausgedrückt sagen die einen, dass sich zwei zu unterschiedliche Kulturen auf zu engem Raum nicht vertragen. Die anderen sagen oja das geht schon, jeder Mensch ist gleich und mit einer gesunden Bereitschaft zum Miteinander kann man zusammen wachsen. Das hier war jetzt wahrlich sehr neutral zusammengefasst, denn dass ersteres normalerweise auf einer breiten Basis rassistischen Ressentiments aufgestellt ist wissen wir und dass zweiteres in dieser Einfachheit auch zu kurz gegriffen ist und manchmal der Tendenz unterliegt, existierende Probleme entweder zu negieren oder schön zu reden, kann man auch beobachten. Ich möchte auch an dieser Stelle nicht darauf eingehen, was ich inhaltlich von diesen zwei Einstellungen halte, denn das ist an diesem Punkt uninteressant. Mein Punkt, den ich deutlich machen will, ist, dass die erste Ebene indiskutabel ist und deswegen nicht vermischt werden kann damit, was man auf dieser zweiten, sozusagen metapolitischen Ebene vom Zusammenleben verschiedener Kulturen hält.

Das Problem der Generalisierung

Nun hat der Diskurs einen wahnsinnig hartnäckigen und die Debatte beinahe verunmöglichenden Störenfried, nämlich den der Generalisierung. Der Mensch scheint veranlagt dazu, Kategorien aufzustellen und andere Menschen an Hand von oberflächlichen Merkmalen in die selbe Schublade zu stecken. Auf einem a priori problematischen Fundament rassistischer Vorbehalte liegt das Augenmerk darauf, was „die“ Schlechtes an sich haben oder tun. Die objektiv-nachweisliche Realität der mannigfaltigen Auslegung und Lebensarten des (in diesem Falle) Islam, die viel bis gar nichts miteinander zu tun haben können, wird von diesem Blickwinkel, von diesem Wunsch, die Dinge so einfach wie möglich begreifen zu können, übertüncht und „der Moslem“ mit einer unzulässigen und eingeschränkten Bedeutungsfülle aufgeladen, die angesichts der Vielfältigkeit und Vielschichtigkeit der Kulturen und Religionen des Islam in keinem Fall haltbar ist.

Und diese Generalisierung betrifft auf unfaire Weise viele muslimische Menschen, die ohne besseren Wissens in diese für sie konstruierte Kategorie hinein gezwängt werden und das macht jede differenzierte Auseinandersetzung mit Problemen, die an bestimmten Stellen womöglich existieren, unmöglich. Köln hat dieses Problem auf tragische Weise auf den Punkt gebracht.

Gegenüber einer breiten Masse, die nicht unterscheiden kann zwischen kriminellen Frauenhassern und Vergewaltigern und dem Rest der Flüchtenden, sondern nur deren abstrakte Gemeinsamkeit, nämlich den muslimischen Glauben und die ungefähr gleiche geographische Herkunft sehen und von dieser Gemeinsamkeit ableiten, dass sie auch alles andere gemeinsam haben, ist es unfassbar schwer, den bestimmten implementierten Sexismus dieser ersteren Gruppe anzusprechen, ohne wiederum dem existierenden und gegenwärtig wahrlich explodierenden Rassismus anzuheizen und in die Hände zu spielen.

Und ab hier beginnt es auch für mich wirklich schwer zu werden mit der Auseinandersetzung, denn diese Ressentiments zu unterstützen liegt mir selbstverständlich fern während ich aber als Frau gleichzeitig nicht einsehe, warum irgendjemand verschont oder anders behandelt werden sollte, der mich in meinem unmittelbaren Sein bedroht und diskriminiert. Und das leitet mich zu meinem nächsten Punkt über, den ich für überfällig halte und dem die teilweise verlogene linke Attitüde einfach den Rücken zukehrt.

Die kulturelle Codierung von Sexismus

Für diese meine Kritik hier ist es es kein Zufall, dass der Punkt der Generalisierung über allen weiteren Punkten steht und ich hoffe, dass mensch dies auch genau so lesen kann, denn hier ist immer nur die Rede von Tendenzen, denen möglicherweise auch nur eine Minderheit unterliegt, hier geht es um Strukturen und nicht um Individuen. Strukturen, die sich bei manchen Gruppen von Menschen und in diesem Falle Männern, in direktem sexistischem Verhalten äußern können, aber nicht müssen – das gilt grundsätzlich für jede Struktur und Kultur.

Mir geht es in diesem Punkt also nicht darum aufzuzeigen, dass die eine Kultur die böseren Sexisten beherbergt als die andere Kultur, ich behaupte nur, dass jede Kultur eine ganz eigene Qualität an Sexismus mit Überschneidungen und Differenzen inne hat. Und dass es weder sinnvoll ist, einseitig anzuklagen, noch zu versuchen, die Problemstellung abzuwürgen mit dem vereinfachenden Argument: Alle sind Sexisten, deswegen brauchen wir uns jetzt nicht mehr damit auseinandersetzen als vorher (heißt so gut wie gar nicht), denn das ist rassistisch.

Liebe Leute, bitte entschuldigt, aber wenn Köln bedeutet, dass auf mich als Frau, neben den ohnehin schon nicht vernachlässigbaren Bedrohungen und Diskriminierungsformen in diesem Land, eine weitere Bedrohung, wenn auch von Einzelnen natürlich (aber so gesehen sind es immer „Einzelne“) auf mich zu kommt, dann verlange ich vom Diskurs zumindest darauf Rücksicht zu nehmen, anstatt dass der Diskurs von mir verlangt, beim Mich-Fürchten alle gleich zu behandeln und meine Angst schön brav auf Österreicher und Araber gleichberechtigt zu verteilen, weil es anscheinend wichtiger ist, dass der männliche Araber sich nicht vor meinem Rassismus fürchten muss, als dass ich mich nicht vor seinem etwaigen Sexismus fürchten muss.

Dass es Einzelne sind, macht meine Angst auf der Straße nicht besser. Einzelne waren es vorher auch schon und jetzt sind es eben mehr Einzelne. Dass nicht nur Araber Frauen angreifen, sondern auch weiße Männer, macht meine Angst auf der Straße auch nicht besser. Meine Angst würde besser machen, hätte ich den Eindruck, dass sie irgendjemand ernst nimmt, ohne sie davor vom Posten eines heterosexuellen weißen Mannes, der keine Ahnung von dieser Angst hat, auf political correctness überprüft und beurteilt zu wissen. Diese Überheblichkeit und Ignoranz linker Männer muss man sich wirklich einmal vor Augen führen.

Ich fühle mich grundsätzlich immer unwohl, wenn ich abends oder nachts allein auf der Straße bin. Oder auch tagsüber, wenn ein Typ in der vollen U-Bahn kraftvoll sein Becken gegen meinen Körper drückt, obwohl der Platzmangel es keineswegs verlangt. Die meisten ersparen sich diese „Unauffälligkeit“ aber ohnehin und greifen als fremder Sitznachbar einfach mal direkt auf den Oberschenkel. Einfach so, in aller Öffentlichkeit, ohne einen Anflug von Scham.

Die Gegenwart von Männern in Situationen, die solche Übergriffe ermöglichen (= immer) war mir also immer schon unangenehm, auch schon vor der gegenwärtigen Zuwanderung. Es braucht also kein besorgter weißer Mann Angst haben, dass ich mich vor ihm weniger fürchte, als vor dem „fremden“ Mann, den er unbedingt beschützen muss vor dem Sexismus-Vorwurf (vgl. Punkt „Männer verteidigen und bekriegen Männer über das Instrument Frau“).

Hier geht es um den Umstand, dass Frauen womöglich in Zukunft durch Männer wie in Köln zusätzlich bedroht sind, zusätzlich, nicht plötzlich, weil sie vorher nicht bedroht waren. Und vermutlich in einer anderen Qualität, je nachdem eben wie sich der Sexismus in diesen Strukturen, in diesem Kontext, in dem diese Männer sozialisiert wurden, auf seine bestimmte Weise Luft macht.

Und im Sinne der Prävention, auf die ich als Frau angewiesen bin, in meiner Situation potentielles Opfer von sexistischen Übergriffen zu werden, ist es schlicht und ergreifend eine Frechheit, über diese Kontexte und deren Ursachen großzügig hinweg zu sehen, weil es sich nicht um weiße Männer handelt, die vom linken Diskurs im Gegensatz dazu im Normalfall unverschont bleiben.

Ich weiß, dass die Methode, den kulturellen und geographischen Kontext der Täter bei Seite zu lassen, wiederum der unzulässigen Generalisierung entgegen wirken soll, die alle anderen muslimische Männer in weiterer Folge zu Unrecht negativ betrifft. Ich verstehe dieses Motiv und diese „Pattsituation“ sozusagen macht es auch mir sehr schwer, eine geeignete Sprache zu finden, um es dennoch zu thematisieren, aber unterm Strich bleibt über, dass es in meinen Augen auf keinen Fall unthematisiert bleiben darf und zwar von linker Seite.

Denn wie immer überlässt die Linke hier das Feld komplett den Rechten, die in aller Ruhe dieses Thema her nehmen können, um ihre perverse Hetze zu bekräftigen. Die Linke hält dem nichts entgegen, außer #ausnahmslos, das an sich eine gute Sache ist, aber kaum Beachtung fand, denn sie geben damit vor, dass jede Ausformung von Sexismus ausnahmslos zu verurteilen ist, aber in Wahrheit findet das nur so lange Sympathien, bis es (vermeintlich) an der viel größeren Hoheit des linken Antirassismus kratzt. Kommt die Herkunft und damit die Umstände der Sozialisation der Täter ins Spiel, hört der antisexistische Hahn der Linken sehr schnell auf zu tropfen – denn mehr als Tropfen war es vorher ohnehin nicht. Die feministische Kritik wird hier sehr wohl bevormundet und in die Schranken gewiesen, sobald es um (in linken Augen) schützenswerte „fremde Männer“ geht.

Sexismus ist immer an einen Kontext gebunden und an Sozialisation. Sexismus ist keine Natur, die in jedem Manne auf die gleiche Art steckt und wir leben in keiner global-homogenen Kultur, die einen von Region zu Region gleichförmigen Sexismus produziert.

Jeder im Mann (und auch in der Frau) verankerte Sexismus hat bestimmte Hintergründe und kulturelle Prägungen und nur wenn man diese begreift, kann man an einer Lösung des Problems arbeiten. Und somit ist es kein Rassismus, sondern eine Notwendigkeit über die Bedingungen sexistischer Vorfälle zu sprechen, vorausgesetzt, man nimmt Antisexismus ernst, was ich sehr stark in Zweifel ziehe, wenn ich mir den Umgang mit Köln vergegenwärtige:

Männer verteidigen und bekriegen Männer über das Instrument Frau

Ja, es ist rassistisch, wenn mensch einseitig nur den Sexismus der „fremden“ Männer angreift und so tut, als gäbe es keinen weißen Sexismus oder nur in viel weniger starker Ausprägung. Anstatt aber die Problemstellung übergreifend aufzufassen, entscheidet sich die Linke dazu, ihrem Reflex nachzugeben, lieber Männer vor Rassismus zu beschützen als Frauen vor Sexismus.

Als Köln passierte, kam die Reaktion von den Rechten erwartungsgemäß sofort: Plötzlich wurden sie zu Frauenrechtlern und die Ereignisse zur Beweisführung benutzt, was für Schweine diese muslimischen Araber nicht sind. Ein gefundenes Fressen, wirklich idealst geeignet um sich im Recht zu fühlen.

Die Reaktion von den Rechten impliziert natürlich auch die Aussage: Uns weißen Männern passiert sowas nicht, wir sind die Guten, ja wir grabschen vielleicht manchmal einen Hintern an, aber come on, was kann das schon gegenüber öffentlicher Vergewaltigung? Abgesehen davon, dass selbstverständlich auch weiße Männer vergewaltigen und das auch öffentlich, verteidigt mann hier seinen eigenen Sexismus mit der unzulässigen Gegenüberstellung des viel böseren Sexismus „der anderen“. Dass es hier natürlich nicht um die Sorge um Frauen geht, ist wohl überflüssig dazu zu sagen. Es geht rein darum, das eigene Verhalten auf wirklich unverschämte Art und Weise zu verharmlosen und sich selbst aufzuwerten, in dem man den Finger konsequent auf „die anderen“ drückt, aber niemals auf sich selbst.

Die Linke macht das ganz anders und meiner Meinung nach aber wirklich nur um einen Hauch besser. Dieser Hauch verkörpert sich in dem Umstand, dass ich es den Linken zumindest ein bisschen mehr abnehme, dass es ihnen auch um Frauenrechte geht, ganz allgemein aber ist auch die Linke, was Feminismus betrifft, schon lange Zeit ebenso unglaubwürdig.

Nachlesen kann man das auf Plattformen wie dem „Falter“ oder dem „Vice“-Magazin, die sich im Feld des Linkstums einordnen lassen und sich aber bevorzugt über berechtigte feministische Kritik an ihrer Attitüde und Berichten lustig machen oder von sich weisen. Ich betrachte gerade „Vice“ als die junge Verkörperung eines Neo-Chauvinismus in linken Kreisen schlechthin, der sich nicht mal mehr besonders gut als Vertreter von Antisexismus und Feminismus verkleidet. Der Sexismus von „Vice“ wäre ohnehin einen eigenen Artikel wert.

Zuerst jedenfalls sagten die Linken zu Köln erst einmal gar nichts. Natürlich – sie mussten ja erst einmal gründlich darüber nachdenken wie sie das jetzt hinkriegen mit der Täter-Opfer-Verteilung, denn ihr latenter Alptraum wurde wahr, dass ein paar von den Leuten, die sie auf „Refugees Welcome“ Partys abfeierten, genau solche sind, von denen sie zuvor behaupteten, es gäbe sie nur in den rassistischen Köpfen der Europäer_innen. Blöd.

Naja, ihre Lösung, dem Anspruch nach zu kommen, natürlich auch gegen Sexismus zu sein, ohne ihren Antirassismus zu verraten, war recht unbeeindruckend, fast schon fade. Denn sie machten auch nichts anderes als kurz gegen Sexismus auf irgendeiner Demo aufzuschnaufen und waren aber sofort wieder unverhältnismäßig viel mehr rund um Köln damit beschäftigt, den Rest der Männer zu verteidigen mit dem ewigen Verweis auf die gleiche Verteilung an Sexismus in allen männlichen Kulturen und dass die schwarzen Kerle nicht schlechter sind als die weißen Kerle. Was ja für sich genommen so auch stimmt – nur, dass damit einer ehrlichen Auseinandersetzung mit allen Formen des Sexismus wieder mal nicht nachgegangen wurde.

Frauen sind in dieser Hinsicht nicht viel mehr als ein Thema, ein Aufhänger für Männer, sich gegenseitig die Richtigkeit ihres Weltbilds zu beweisen. Eine narzisstische Aufgabe, die Männer mit wahnsinnig viel Eifer zu erfüllen versuchen und Frauen und Frauenrechte ihnen lediglich als Instrument und als Methode dazu dienen. Was Frauen selbst über diverse Ereignisse denken, was sie bräuchten oder wünschten, ist ihnen ziemlich egal, denn frau dürfe „Sexismus nicht gegen die Flüchtlinge ausspielen“ – ein Zitat von linken Männern, das mir in Debatten um Köln erschreckend oft begegnet ist.

Sehr bezeichnend diese Formulierung, denn ich wusste gar nicht, dass es sich hier um ein Spiel handelt, ich hätte mir die Bedrohung meiner körperlichen und seelischen Unversehrtheit schon als was Praktischeres vorgestellt, als lediglich ein Argument, das ich gegen jemanden „ausspiele“, so just for fun.

Männer, von denen solche Sätze kommen, scheinen sich aber auf einem Spielfeld zu befinden, wo es vor allem darum geht, den anderen auszustechen. Beim Schnapsen um die Frage gewinnen, wer die bessere Weltanschauung mit dem Trumpf „Frauenrecht“ in der Hand hat. Sehr vertrauenswürdig.

Die Lücke der Kritik: Antisemitismus

Aber es gibt noch eine andere Sorte, als die der rechten und linken Lager, die sich mit allen Mitteln in ihrer Weltanschauung bekämpfen, nämlich jene, die zwar sehr unbeholfen aber wenigstens doch versuchen, nicht alles in „gut“ oder „böse“ einzuteilen und bemüht sind, die Sache differenziert und (soweit so etwas überhaupt möglich ist) „realistisch“ aufzugreifen.

Was bedeutet, dass es dieser Gruppe zumindest einmal gelingt, den für das linke Lager nicht erträglichen Widerspruch auszuhalten, dass jemand, der von Rassismus betroffen ist und auf dessen Seite man sich deswegen in dieser Hinsicht schlägt, auch ein Träger von verinnerlichtem und signifikantem Sexismus und Homophobie sein kann. Diese Gruppe hält auch aus, dass dieser Sexismus und die Homophobie möglicherweise anderen Mustern und Selbstverständnissen folgt als unsere eigene, ohne in ein undifferenziertes besser-schlechter-Schema zu verfallen. Und diese Gruppe hält es zusätzlich, wenn auch sehr kleinlaut, aus, jemanden für diesen Sexismus und diese Homophobie zu kritisieren, auch wenn er_sie sich dafür immer wieder, oft in absurdester Weise, den vorschnellen Rassismus-Vorwurf gefallen lassen muss (als würde so ein Mensch nicht ohnehin die ganze Zeit Sexismus und Homophobie kritisieren und bekämpfen und zwar bevorzugt innerhalb der eigenen Nation).

Erstaunlicherweise, oder vielleicht trauriger- und nicht erstaunlicherweise, steht bei dieser Gruppe die Problematisierung eben dieser zwei Kategorien Sexismus und Homophobie im Zentrum, aber so gut wie nie wäre mir untergekommen, dass von diesen Leuten auch das Problem des Antisemitismus im muslimisch-arabischen Kontext angesprochen worden wäre. Wo dies aber äußerst naheliegend wäre, denn der Hass auf Juden in der arabisch-muslimischen Welt ist wahrlich kein Geheimnis.

Selbstverständlich bewegen wir uns hier wiederum in einem fast nicht überschaubaren Spektrum und ich verweise auf ein Neues auf die Unzulässigkeit der Generalisierung. Aber wenn wir uns schon mit den diskriminierenden Potentialen mancher Menschen aus diesem Raum auseinander setzen wollen, dann würde mir da Antisemitismus sogar noch vor Sexismus und Homophobie einfallen, einfach weil es am augenscheinlichsten ist.

Aber ich denke auch hier ist der blinde Fleck kein Zufall, denn aus irgendeinem Grund, den ich beim besten Willen bis heute nicht verstehe und wahrscheinlich auch nie verstehen werde, ist Europa recht glücklich mit der Vorstellung, dass der Terror und Hass auf Juden durch arabische Muslime sich durch die Politik oder, noch schlimmer, durch die reine Existenz Israels rechtfertigt.

Die Leute, vor allem wiederum von linker Seite, lieben aus irgendeinem Grund die Vorstellung, dass Israel ein aggressiver und rassistischer „Besatzer- und Apartheitstaat“ ist, der die muslimische Bevölkerung terrorisiert und nicht etwa umgekehrt. Anmerkung: Seit Oktober 2015 sterben beinahe täglich jüdische Opfer von palästinensischen Terroristen, vor kurzem eine 23-jährige Frau, die gerade beim Einkaufen war und mit dem Tod bezahlte. Man stelle sich den Aufruhr vor, würde so etwas in Europa passieren.

Ein angeblicher jüdischer „Apartheitstaat“ (Definition Apartheit: „politisch-gesellschaftliche Doktrin der Rassentrennung“), dessen Staatsbürger_innen zu 20% aus muslimischen Arabern bestehen, die völlig normal und unterschiedslos zu den jüdischen Israelis in Israel leben, studieren und arbeiten. Wer einen Vergleich braucht: In Österreich machen Muslim_innen ungefähr 7% der Bevölkerung aus.

Ein Staat, der einen Zaun zum Gazastreifen aufgebaut hat, nachdem der Terror von dort aus auf Israel dermaßen unerträgliche Ausmaße angenommen hatte, dass Israel sich nicht mehr anders zu helfen wusste, als mit Hilfe eines Zauns und Kontrollpunkten zu überprüfen, wer sich zwischen Gaza und Israel hin und her bewegt – das nennen gewisse Leute dann die von Israel gewollte „Rassentrennung“. Aber auch das wäre einen eigenen Artikel wert.

Jedenfalls hat der Westen all diese Falschurteile, Fehlinformationen und Doppelstandards Israel gegenüber gut verinnerlicht und pflegt und umhegt sie mit ganz viel Liebe – weswegen er vermutlich um einiges gnädiger denkt und weilt, wenn es um Antisemitismus geht, denn irgendwie haben sie´s dann ja doch verdient, die Juden.

Der Terror übrigens, um wieder zum Thema zurück zu kommen, speist sich maßgeblich durch antisemitische Hetze der Hamas, also der islamistischen Terrororganisation, die seit 2006 den Gazastreifen regiert. Am Gazastreifen konzentriert sich der Antisemitismus in Form von „Hitlershops“ und Propagandavideos, wie man einem Juden am besten den Hals aufschlitzt, was übrigens auch schon Kindern beigebracht wird – Palwatch liefert hier eine ausführliche Dokumentation all der erschreckenden antisemitischen Auswüchse der palästinensischen Autonomiebehörde (PA).

Aber die PA ist ja nur die Spitze des Eisbergs, auch in der Regierung des Irans gehört der Judenhass zum guten Ton, was man am jährlichen Holocaust-Karikaturenwettbewerb ablesen kann oder an der neuerlichen öffentlichen Leugnung des Holocaust durch den iranischen Präsidenten (absichtlich am Tag der Befreiung von Ausschwitz und internationalem Holocaustgedenktag).

Und auch der Rest der arabischen Welt ist nicht gerade ein Freund der Juden, um es äußerst milde auszudrücken, auch nicht Syrien oder schon gar nicht Syrien, das sich aus den gleichen antisemitischen Gründen seit 1948 gemeinsam mit dem Iran und allen anderen arabischen Staaten im Nahen Osten im Kriegszustand mit Israel befindet. „Als Papst Johannes Paul II. im Mai 2011 Syrien besuchte, gab Assad zum Besten, Israel misshandele die Palästinenser „mit der gleichen Mentalität“, wie die Juden schon vor 2000 Jahren „Jesus von Nazareth betrogen und gefoltert“ hätten“, berichtet der Cicero.

All das zusammen genommen kann mensch also durchaus damit rechnen, dass der_die eine oder andere Syrer_in, Iraner_in oder Afghan_in schon eine ordentliche Portion dieses aggressiven Antisemitismus mitbringt. In Flüchtlingslagern wurden bereits auf Wände geschmierte Hakenkreuze dokumentiert, auch hier nachzuschauen. Sehr viele Juden in Europa wandern deswegen gerade wieder aus Europa aus, weil sie eine Zunahme des ohnehin ortsansässigen Antisemitismus, dem sie regelmäßig auf offener Straße begegnen, befürchten. Viele Juden sprechen bewusst kein Hebräisch mehr auf der Straße und zwar nicht aus Angst vor Europäer_innen, die Hebräisch im Normalfall vom Hören nicht als Hebräisch identifizieren können. „Und weil die Problematik dieses neu geformten Judenhasses fast deckungsgleich sei mit der Problematik der muslimischen Einwanderung, werde sie tabuisiert.“ Sagt der Historiker Klaus Manfrass. Nur leider interessiert all das wenig, oder wahrscheinlich darf es viel eher nicht interessant sein.

Ich hoffe, dass die Lesenden auf dem Weg von Anfang bis Ende dieses meines Beitrags im Kopf behielten, dass all die Kritik hier, sei sie nun gegenüber den europäischen Rechten oder Linken oder manchen arabischen Männern oder arabischen Antisemit_innen, vor dem Hintergrund der Distanzierung gegenüber einer Generalisierung geschrieben ist und ohne damit aussagen zu wollen, dass irgendjemand, der von Leid und Tod bedroht ist, nicht hier her kommen darf oder soll, weil mir ein paar Dinge an ihm_ihr vielleicht nicht gefallen. Wie weiter oben schon erwähnt, ist es leider eine fast unmögliche Aufgabe, die richtige Sprache zu finden, aber noch schlimmer, als manchmal in unglückliche Formulierungen zu verfallen, ist, diese dringenden Themen deswegen einfach gar nicht zu äußern. Und ich hielt es nicht mehr länger aus, es nicht zu äußern.

die göttinnenspeise

6 thoughts on “Ein kritisches Statement zum linken Flüchtlingsdiskurs

  1. danke, ich weiß noch nicht, was ich dazu sagen soll, aber du wirfst viele weitere Fragestellungen auf, die diskutiert werden müssen. Danke auch für die persönliche Sicht. Ich rechtfertige mich auch gern vor mir selbst, wenn ich mich übergriffig behandelt fühle von einem nicht-bio-deutschen Mann. Obwohl das ausnahmslos scheiße ist. Weiß ich. Aber spreche ich das in einem linken Raum an? Eher nicht. Wo sind die muslimischen Frauen* und Feministinnen? (z.B.) Kommen sie in linke Räume? Fühlen sie sich sicher und ernst genommen?
    Wie sind Übergriffe auf weiße Frauen und Frauen of Color, von weißen Männern und Männern of Color als Köperpolitiken zu verstehen?
    Wie lassen sich Raumpolitiken „safe spaces“ kommunizieren, wenn sich hier nicht mal die „einheimische“ Linke einig ist? Wer übernimmt in antirassistischen Kontexten eigentlich die Kommunikations- und Care-Arbeit? Da ist auf jeden Fall noch ganz viel offen.
    Und danke für die gute Strukturierung und Abgrenzung des Artikels. Wäre toll, wenn Debatten derzeit so geführt werden könnten.

  2. Danke für diesen sehr gut, sehr bedacht und sehr differenziert geschriebenen Artikel, der vieles ausformuliert, was ich mir zu dieser Thematik selbst schon gedacht habe. Besonders schön finde ich, was du über das Aushalten des Widerspruchs (der eigentlich keiner ist) schreibst, und die Fähigkeit anzuerkennen, dass ein und dieselbe Person gleichzeitig von Rassismus betroffen sein kann und natürlich davor zu schützen ist, aber andererseits auch Träger_in von Sexismus, Homo- oder Transphobie etc. sein kann und dies dann ebenso ausgesprochen werden muss.

    Dabei geht’s dann, wie du schreibst, nicht darum, welche Kultur jetzt die schlimmeren Sexist_innen produziert, sondern nur darum, sich tatsächliche Umstände anzuschauen und zu benennen, denn erst dann kann auch überlegt werden, was mensch gegen problematische Einstellungen und Ansichten tun kann.

    Dass Frauen auch in Österreich im Jahr 2016 immer noch Opfer von öffentlichen und privaten Übergriffen sind, ist eine Tatsache. Ebenso ist aber auch eine Tatsache, dass als Frau alleine durch Wien zu spazieren definitiv eine andere Qualität hat, als dies zB in Kairo zu tun. Deine Bezeichnung der kulturellen Codierung von Sexismus gefällt mir in diesem Zusammenhang sehr gut, denn dadurch wird möglich, einerseits anzuerkennen, dass jede Kultur ihre Sexist_innen beherbergt, und sich trotzdem dieser Sexismus je nach kulturellem Umfeld anders äußert bzw. äußern kann, und sich dies dann jeweils spezifisch anzuschauen.

    Leider habe ich eben aber auch wie du das Gefühl, dass aus der linken Ecke zu solchen Problematiken nur Grillenzirpen zu hören ist, und das Feld, wie du so schön schreibst, hier den Rechten überlassen wird.

  3. Hat dies auf susanna14 rebloggt und kommentierte:
    Nur selten finde ich intelligente Texte zu den Ereignissen in Köln (und mein Eindruck ist, dass vor allem die Berichterstattung in den Mainstream-Medien sich längst wieder neueren Ereignissen zugewendet hat), aber hier ist ein intelligenter Text:

  4. Ich finde den Artikel grundsätzlich sehr gut, weil er einige wichtige Dinge anspricht, die schon längst Thema sein müssten. Zwei Dingen kann ich allerdings nicht zustimmen. Erstens glaube ich nicht, dass die „Hinschauverbote“ (also Sexismus ernst nehmen) hauptsächlich von linken Männern ausgehen. Viele linke Frauen vertreten diese Position auch besonders lautstark.

    Und was den Falter betrifft, so glaube ich, irrst du. Erst kürzlich wurde er heftigst dafür angegriffen, weil er eben NICHT darauf verzichten wollte, Köln als gewöhnlichen Sexismus einzustufen. Hierbei wiederum von sehr vielen Frauen.

    Ansonsten bin ich deiner Meinung.

    • Danke Alex, du hast einen Punkt erwähnt, den ich in meinem Kommentar vergessen hatte: Nämlich, dass „Hinschauverbote“ nicht allein linke Männer betreffen, sondern auch vehement von vielen linken Frauen vertreten werden.

  5. Pingback: De venta en venta / Milchkannen 19 – Geschichten und Meer

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