Die Dunkle Seite der Macht oder: Wie Teile der HOSI Wien es immer wieder schaffen, gewisse Lebensrealitäten auszuschließen

Kurt Krickler, Chefredakteur der Lambda Nachrichten, Generalsekretär der HOSI Wien und Geschäftsführer des Gugg, hat es wieder einmal geschafft. Zum wiederholten Mal muss ich mir die Frage stellen, ob die HOSI Wien in ihren Strukturen nicht unglaublich veraltet und in ihrer derzeitigen Zusammensetzung vollkommen überholt ist.

In der aktuellen Ausgabe der Lambda Nachrichten (März-April, Nr. 163), der offiziellen Zeitschrift der HOSI Wien, schreibt Krickler in seiner Kolumne Que[e]rschuss „Gegen den (Unter-)Strich“. Es ist nicht das erste Mal, dass er sich an dieser Stelle gegen eine geschlechtersensiblere Schreibweise unter dem Deckmantel der Liebe zur Sprache äußert. Und somit einen etwas transphoben Beigeschmack hinterlässt.

Da ich kein HOSI Mitglied bin, bekomme ich die Lambda Nachrichten nicht oft zu Gesicht, doch just diese Woche musste ich auf marillenknödel im Gugg warten und blätterte darin herum. Da wir ja schon einmal eine Gegendarstellung zu diesem Thema mit dem Titel „Weil Queer nicht scheiße ist“ publiziert haben, welche unter Anderem ebenfalls von einer Krickler-Kolumne inspiriert war, blieb ich auch dieses Mal bei besagtem Text hängen. Der Inhalt war wenig überraschend und dadurch im Resultat wie erwartet enttäuschend.

In Kricklers Kolumne zeigt sich wieder einmal die stumpfsinnige Uneinsichtigkeit eines weißen cis-Mannes, der es vermeintlich besser weiß als alle anderen, und sich in seinen Ansichten auf fast drei Jahrzehnte alte Beschlüsse beruft.

Der Stein des Anstoßes: Die queerconnexion möchte eine Broschüre herausbringen, in der gegendert wird – und zwar mit Sternchen und Unterstrich!

Welch Frevel! Dies wird von ihm als Angriff auf den Vorstand der HOSI Wien interpretiert, verwendet die HOSI doch das Binnen-I. „Rechtlich“ beruft Krickler sich auf den Entschluss einer Generalversammlung aus dem Jahre 1989. 1989!!!!! Hallo??!! Wir schreiben das Jahr 2016. Man möchte es kaum für möglich halten, aber in den letzten 27 Jahren hat sich einiges getan. Auch in Wien und auch in puncto Sprachen-Awareness. Aber für Kurt Krickler ist der Wunsch nach entsprechender Veränderung auch in der HOSI Wien ein „Krieg der Sterne“. Warum hier das Anliegen, alle Lebensrealitäten der LGBTIQ* Community auch im Verein einzugliedern, einzig und allein als Provokation gesehen wird, ist völlig unverständlich.

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Die queerconnexion ist ein wunderbarer, vielfältiger Haufen an Menschen, der in Schulen geht und dort Aufklärungsarbeit leistet. Ehrenamtlich und in ihrer Freizeit. Die queerconnexion versteht sich als Bildungs-, Aufklärungs- und Antidiskriminierungsprojekt. Das Team thematisiert in Workshops mit Jugendlichen an Schulen und in außerschulischen Jugendeinrichtungen „queere“ sexuelle Orientierungen und Geschlechtsidentitäten. „Queer“ verwenden sie hierbei als Sammelbegriff für die verschiedenen Möglichkeiten diese zu definieren, wie z.B. Bi- und Homosexualität, Trans* sowie Intersexualität. Dabei werden Themen wie Geschlechtsidentitäten, Geschlechterrollen, Heteronormativität, vielfältige Lebensweisen und Sexualitäten bearbeitet. Ihre Workshops orientieren sich an den Interessen und Fragen der Jugendlichen. Somit sind sie wohl eins der wichtigsten und vermutlich das progressivste Projekt der HOSI Wien.

Dennoch: Krickler bleibt stur. Er bezeichnet die Formulierungen in dieser noch nicht erschienenen Broschüre als „bewusste Provokation“. Und schreibt uneinsichtig:

„Ich halte es zudem für eine völlig naive Vorstellung, dass man einer über Jahrhunderte organisch gewachsenen Sprache quasi ein neues grammatikalisches Geschlecht künstlich aufpfropfen könnte. […] Ich will jedenfalls keinem Verein angehören, der sich in ein solches sektoides Eck stellt und sich nur von Emotionen, aber nicht von rationalen Überlegungen leiten lässt. […] Die deutsche Sprache/Grammatik kennt eben nur ein weibliches, ein männliches und ein sächliches Geschlecht.“

Spannend, sehr spannend – einerseits der Vorwurf, dass der Ansatz der geschlechtersensiblen Sprache „sektoid“ ist, andererseits die Argumentationsweise „es war schon immer so und wird immer so bleiben“, was vollkommen unreflektiert erscheint, für jemanden, der sich so lange für die Rechte von Homosexuellen eingesetzt hat. Zudem meint er, „dass sich die Schreibweise mit Unterstrich und/oder Asterisk im Mainstream nie durchsetzen wird“. Bei LGBTIQ* Rechten geht es jedoch nicht um den Mainstream.

Aber ich möchte auf Herrn Kricklers Vorwurf der Irrationalität eingehen und ihm in Erinnerung rufen, was einst die wunderbare Sprachwissenschaftlerin Luise F. Pusch schrieb. Ich habe sie schon so oft in dieser leidigen Diskussion zitiert:

„Sprache erzeugt Vorstellungen, Vorstellungen beeinflussen unsere Handlungen, Handlungen beeinflussen unsere politische und wirtschaftliche Situation (die sogenannte Realität), diese wiederum beeinflusst die Sprache. Ändern wir die Sprache, so ändern wir unzweifelhaft die Vorstellungen und damit den ganzen Rest“.

Die Macht und das Wirkungspotenzial der Sprache sind unangefochten. Sprachwissenschaftler_innen, Neurowissenschaftler_innen und noch eine Menge anderer kluger Menschen weisen immer wieder darauf hin, dass Sprache einen immensen Einfluss auf die Wahrnehmung und Einstellung von Menschen hat. Also aufgepasst, Herr Krickler! Hier ein kleines Memo, was das „sektoide“ Ziel einer geschlechtersensibleren Sprache ist:

Geschlechtersensible Sprache möchte gegen Diskriminierung und Sexismus wirken. Also gegen jegliche interdependenten strukturellen Machtverhältnisse, welche Menschen unterschiedlich in der Gesellschaft positionieren und diskriminieren oder privilegieren.

Und ja, Herr Krickler, auch das ist für mich eine Aufgabe der HOSI Wien. Denn in den Statuten der „Homosexuelle Initiative (HOSI) Wien, dem 1. Lesben- und Schwulenverband Österreichs“ steht dezidiert als Ziel „die allgemeine Bewusstseinslage in der Bevölkerung und Gesellschaft positiv zu beeinflussen, damit die Ablehnung, Diskriminierung und Benachteiligung von Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung und Geschlechtsidentität überwunden werden kann“. Und wie kann dies ohne dem Instrumentarium der Sprache funktionieren oder ohne einem so wichtigen Bestandteil wie der queerconnexion?

Abseits der sprachwissenschaftlichen Argumentation ist mir einfach unverständlich, wie jemand, der als Cis-Mann weder körperlich noch politisch betroffen ist und nicht ausgegrenzt wird, sich durch diese Debatte dermaßen angegriffen fühlen kann und sich einer derartigen Rhetorik bedient: „Krieg der Sterne“, „präpotente Arroganz“, „absolute Heilslehren“, „Salamitaktik“, „Gurus“, „weichklopfen“, „aufpropfen“, „emotionaler Holzhammer“, „Mitleidstour“, „emotionale Erpressung“, „Wagenburgmentalität“, „SternenkriegerInnen“, … und die Sprache wird von der queerconnexion gar „gekidnappet“. Achja, mit religiösen Fundis wird sie im Text auch noch verglichen. Der Artikel, der vor emotionalen Befindlichkeiten nur so strotzt, wirft gleichzeitig den anderen vor, sich nur von Emotionen leiten zu lassen, aber nicht von rationalen Überlegungen.

Und nein, ich glaube nicht dass die HOSI Wien antritt, um die Geschlechter(binarität) abzuschaffen. Das wird sie (leider?) auch nicht (noch nicht?) schaffen. Aber Tatsache ist, dass die HOSI Wien nicht nur die Interessen weißer, homosexueller Cis-Männer bedienen sollte – und wenn das schon als ideologischer Unfug bezeichnet wird, bleibt nur zu hoffen, dass bei der nächsten Generalversammlung der HOSI Wien, am 09. April um 13:30 Uhr, zumindest sprachlich in die richtige Richtung gegangen wird und Kurt Krickler sein Versprechen wahr macht und zurücktritt. Es wäre ein wichtiger Schritt in die Zukunft und an der Zeit, sich von verstaubten Strukturen innerhalb der HOSI Wien zu befreien.

14 thoughts on “Die Dunkle Seite der Macht oder: Wie Teile der HOSI Wien es immer wieder schaffen, gewisse Lebensrealitäten auszuschließen

  1. Kricklers Kolumne ist einfach nur peinlich und klingt nach trotzigem Mit-dem-Fuß-aufstampfen und „Ich will aber nicht ich will aber nicht!!!“ schreien. Für Argumente nicht empfänglich, weil will eben nicht, und außerdem war’s schon immer so und wird auch immer so sein.

    Ich muss zugeben, dass ich selbst beim Gendern nicht konsequent bin. Ich merke allerdings, dass ich bewusster an andere Geschlechter denke, wenn ich es vermehrt verwende und sowieso steht für mich als Sprachwissenschaftlerin außer Frage, dass Sprache die Wahrnehmung beeinflusst.

    Für die offizielle Zeitschrift einer queeren Organisation sollte die Sichtbarmachung von vielfältigen Geschlechtsidentitäten eine Selbstverständlichkeit sein und ich stimme diesem Artikel zu, dass die HOSI Wien in vieler Hinsicht wohl tatsächlich einfach veraltet ist.

    In diesem Sinne: Herr Krickler, tun Sie uns einen Gefallen und machen Sie Ihr Versprechen wahr!

  2. Und wenn er es nicht freiwillig tut, sollten andere ihm nahelegen zurückzutreten! das geht ja gar nicht!

    danke für diesen beitrag. ging der beitrag schon über verteiler? ladyfest-liste, hosi-liste, etc?

  3. Kann mir bitte jemand erklären, warum bei:
    „In Kricklers Kolumne zeigt sich wieder einmal die stumpfsinnige Uneinsichtigkeit eines weißen* cis-Mannes, der es vermeintlich besser weiß als alle anderen, und sich in seinen Ansichten auf fast drei Jahrzehnte alte Beschlüsse beruft.“

    ein * nach „weißen“ kommt, wenn es sich um einen cis-Mann handelt?

    • Danke für diese Frage, auch mich macht das * hier nun stutzig, habe die Autorin auf den Kommentar hingewiesen! Vielleicht wurde das * nur versehentlich falsch gesetzt und sollte nach „Mann“ kommen.

      • Wird die Autorin meine Frage auch beantworten?
        Ich hab das Prinzip von Asterisk großteils verstanden, auch wenn es in der Umsetzung der deutschen Sprache in ein paar Punkten nicht möglich ist, aber das ist mir nicht klar.
        Im Englischen ist es so viel einfacher…

    • Liebe* Ingwerkatze,

      die Autorin meldet sich gerne zu Wort; ist allerdings nicht immer online ;-). Danke für die Argusaugen! Das Sternchen nach weiß sollte begleitet sein von einem Sternchen vor weiß also *weiß* ist aber anscheinend verloren gegangen. Ich wollte darauf hinzuweisen, dass *weiß* kein phänotypisches Differenzierungsmerkmal bezeichnet, sondern eine sozial-historische Position beschreibt, die Menschen innerhalb einer Gesellschaft oftmals zugeschrieben wird. Habe aber unlängst gelesen, dass sich hierfür eigentlich die kursiv-setzung des Wortes etabliert hat. Habe dies dementsprechend im Blogbeitrag geändert!

      • Danke für die Antwort, zimtschnecke, jetzt ist mir einiges klarer :)
        Ich nehme stark an, dass die „sozial-historische Position“ auf die du dich beziehst dennoch etwas mit dem Differenzierungmerkmal „Hautfarbe“ zu tun hat. Warum ist es nötig, das kursiv oder in * zu schreiben, beziehungsweise will ich fragen, ob es tatsächlich nötig ist, das zu erwähnen.
        Wenn es auf eine gewisse Form der Privelligierung hindeuten soll, ist es dann nicht erst recht kontraproduktiv *weiß* in dem Zusammenhang zu verwenden, wenn die Differenzen wett gemacht werden sollten? Quasi *weiße* Leute als privelligiert zu betonen?
        Es wurde zwar schon betont, dass es nicht so sei, aber es erweckt doch den Eindruck als sei der *weiße* cis-Mann eine Art Feindbild, ein Begriff der für eine Person steht, die unter keinen Umständen Opfer von Diskriminierung werden kann, was definitiv nicht stimmt.

  4. Pingback: Immer wieder die LAMBDA-Nachrichten! | sugarbox

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