Jenseits von „Gut“ und „Böse“ – ein Kommentar zur (fehlenden) queerfeministischen Debattenkultur

Vor einigen Tagen postete ich auf Facebook folgenden Status:

ich bin frustriert. frustriert darüber, dass sich in feministischen kreisen statt diskussionskultur eine angriffskultur breit macht, die respekt vor dem gegenüber und eine auseinandersetzung mit inhaltlichen positionen durch projektionen und reflexhafte aggression ersetzt.
ich bin frustriert und schockiert, dass eine feministin wie chimamanda ngozi adichie character assassinated wird und auf eine ebene mit personen gestellt wird, die transfeindlich sind und transfeindlich agieren, die gewalt gegen transmenschen ausüben anstatt nachzudenken, was sie wohl meint und darauf zu reagieren als auf projektionen. (unabhängig davon, welche meinung ich zu ihren aussagen habe, es geht mir hier ausschließlich darum, wie mit menschen umgegangen wird)
ich habe vor ein paar tagen einen kurzen blogeintrag verfasst, in dem es um die besteuerung von menstruationshygieneprodukten geht. ich hab dabei fehler gemacht, weil ich ein mensch bin. weil menschen fehler machen. weil das passiert, wenn man in der arena steht und dinge TUT. ein paar der fehler bezogen sich auf steuerdinge. ein paar der fehler bezogen sich auf eine zu cis-normative sprache. ich hab den blog-eintrag verändert nach bestem wissen und gewissen und möchte mich für den input und die kritik bedanken. input und kritik für die ich auch weiterhin offen bin.
ich möchte auch betonen, dass ich in dem was ich sage und tue keine terf-ideen vertrete, dass ich nicht eine ausschließende sprache reproduzieren möchte. ich erwarte das aber auch von anderen. ich bin frustriert darüber, dass in einer wiederholung patriarchaler rhetorik von mir verlangt wird „frau“ mit „uterus“ zu ersetzen (das hielte ich für unpackbar sexistisch). und darüber, dass links und rechts entfriendet wird anstatt mit menschen zu reden. ich bin frustriert darüber, dass mir gesagt wird, ich dürfe nicht mehr von eigenen diskriminierungen und unterdrückungserfahrungen als frau sprechen. das halte ich für unterträglich antifeministisch. feminismus muss einen raum darstellen, in welchem menschen ihre erfahrungen artikulieren dürfen, egal ob das die erfahrung als transperson oder die erfahrung als cis-frau ist. beides hat platz und wert und muss ernst genommen werden.
als frau, die im internet als feministin unterwegs ist bin ich ständig angriffen und hass ausgesetzt – von rechten antifeministen. das irritiert zwar und kann manchmal bedrohlich sein aber trifft mich nicht in dem ausmaß wie das, was in den „eigenen reihen“ passiert. das führt in letzter zeit oft dazu, dass ich mich aus feministischen diskussionen zurückziehen möchte, bzw. gar nicht mehr öffentlich als feministin agieren möchte. und dann merk ich, dass feministische zirkel das mit mir tut, was ein breiterer patriarchaler kontext versucht: mich zum verstummen zu bringen. da läuft doch was falsch.
ich mache fehler, ich reagiere manchmal defensiv wo ich nicht sollte (weil ich mich eh schon den ganzen tag mit antifeministischen trollen rumgeschlagen hab). und manchmal habe ich guten grund, bestimmte ideen nicht zu teilen, weil sie meines erachtens sexismen reproduzieren z.b. ich bin dann aber auch offen für respektvolle diskussionen (nicht für persönliche angriffe), die auch immer beinhalten, dass menschen anderer meinung sein dürfen.
ich wünsche mir einen achtsameren umgang miteinander und mehr benefit of doubt, mehr raum, fehler zu machen, weniger aggression in der auseinandersetzung.

Ich rechnete damit, dafür angegriffen und entfriendet zu werden, damit zur Zielscheibe ebenjener „reflexhaften Aggression“ zu werden, welche ich in ihm kritisiere. Womit ich nicht rechnete ist, noch Tage danach Privatnachrichten von Menschen zu bekommen, die sich für meinen Post bedanken. Was kriege ich in diesen Nachrichten zu hören? Nun, Menschen sagen mir – oft in identem Wortlaut –  dass sie sich aus feministischen Kreisen zurückziehen, da sie nicht das Gefühl haben, es sei dort möglich, über ihre eigenen Erfahrungen solidarisch zu sprechen. Sie sagen mir, dass sie aus Angst, etwas Falsches zu sagen, lieber gar nichts mehr sagen. Dass sie das Gefühl haben, feministische Räume seien “ideologische Minenfelder”, ideologische Minenfelder, in welchen alle im Grunde dasselbe wollen, sich aber auf Basis von Denk- und Redeverboten gegenseitig zerfleischen. Was mich allerdings an den Nachrichten vorrangig irritiert, ist die Häufigkeit in der die Worte “mutig” oder „Mut“ fallen. Wie kann es sein, dass Feminismus, der ja (unter anderem) die Aufgabe hat, Menschen Mut zu machen die negativ von patriarchalen Hierarchien und Machtverhältnissen betroffen sind, die exakt gegenteilige Wirkung hat, ihnen also den Mut nimmt, sich zu artikulieren? Offenbar habe ich also mit meinem FB-Post einen Nerv getroffen. Offenbar besteht hier großer Redebedarf. Deswegen wurde der Post jetzt zu einem Blogeintrag. Und: Ich hoffe, dass der Blogeintrag zu einer breiteren und umfassenderen – respektvollen – Auseinandersetzung mit der Diskussionskultur in feministischen Kreisen führt.

Für mein Post gab es mehrere Anlässe. Anhand der chronologischen Abfolge dieser Anlässe möchte ich mich detaillierter zu meiner Kritik an der Diskussionskultur in feministischen Räumen äußern. Die Räume, die ich hier anspreche, sind vorwiegend Onlineräume, was möglicherweise auch zu der von mir diskutierten problembehafteten Debattenkultur beiträgt, da Onlinedebatten immer ein etwas solipsistisches Element haben und keine empathische Konfrontation mit dem Gegenüber verlangen. Jeder dieser Anlässe steht gewissermaßen beispielhaft für Aspekte repressiven Umganges mit Widerspruch und Diversität, kurz gesagt: Für mangelnde Diskussionskultur und Kritikfähigkeit.

1. „Tone Policing“

Der erste Anlass war eine persönliche Diskussion, die auf der Facebook-Wall einer Bekannten stattfand. In dieser Diskussion kritisierte ich eine politische Aktion der Antifa, eine Aktion, die darin bestand, am Tag nach der Wahl Alexander van der Bellens zum österreichischen Bundespräsidenten ein Transparent hochzuhalten, in welchem Österreich als “Naziland” bezeichnet und der als zu hoch kritisierte Prozentsatz der Hofer-Wähler betont wurde. Mich ärgerte die Aktion aus mehreren Gründen (unter anderem da ich “Naziland” für unzulässig und eine Verharmlosung von Nationalsozialismus halte, da ich es für kontraproduktiv halte, die Erfolgserzählung rechtspopulistischer Parteien fortzuschreiben, etc.). Als Reaktion auf meine Kritik wurde mir vorgeworfen, ich würde jene Diskriminierungen von Minderheiten (wie, darauf schoss sich die Debatte dann ein, Trans-Personen) gutheißen, ich wurde auf eine Stufe mit Nazis gestellt, mir wurde – in sehr aggressiver und übergriffiger Sprache – Faschismus-Apologetik vorgeworfen, sowie dass ich Transmenschen den Tod wünschen oder zynisch über ihr Leid und die Prekarität ihrer Situation hinwegsehen würde. Kurz gesagt: Es wurde in einer Heftigkeit auf eine Kritik an einer politischen Aktion reagiert, die mir den Atem verschlug. Nachdem ich von der Reaktion sehr getroffen und verletzt war, wurde mir gesagt, ich betreibe “Tone Policing”.

Das Konzept “Tone Policing” bezeichnet die Praxis, statt inhaltlich auf ein Argument einzugehen die Form in welcher das Argument vorgebracht wird zu kritisieren. Ein Beispiel ist der häufige Vorwurf an Feministinnen, sie würden zu „aggressiv“ auftreten. Dies mag bis zu einem gewissen Grad ein hilfreiches Konzept im Verstehen defensiver Reaktionen auf emanzipatorische Politiken aus strukturell privilegierten Positionen sein. „Tone Policing“ ist aber als argumentatorisches Instrument vor allem innerhalb emanzipatorischer Bewegungen aus folgenden Gründen problematisch:

(1) Es wird systematisch als Totschlagargument verwendet um Kritik abzudrehen.

(2) Der auch noch so feste Glaube daran, moralisch überlegen zu sein und die richtigen Antworten zu haben, kurz, zu “den Guten” zu gehören, rechtfertigt sprachliche Gewalt nicht.

(3) Und: Die Zugehörigkeit zu einer unterdrückten Gruppe rechtfertigt keine “ich darf alles und du darfst mich dabei nicht kritisieren” – Attitüde.

(4) Angewendet innerhalb (queer)feministischer Kreise  missversteht das Konzept, dass alle Menschen, die sich in ihnen bewegen zu diskriminierten Gruppen gehören, welche sich außerhalb ihrer Communities ständig mit (sprachlicher) Gewalt, Diskriminierung, Unterdrückung und Aggression herumschlagen müssen und deshalb verständlicherweise innerhalb dieser Communities einen aggressionsfreien Raum erwarten. Es wertet die Erfahrung der eigenen Gruppe höher als die anderer bzw. misst ihr höhere Legitimiät bei.

(5) Das Konzept beinhaltet einen logischen Zirkelschluss, da der Vorwurf des Tone Policings selbst Tone Policing ist.

Rebecca Vipond Brink bringt es sehr treffend auf den Punkt: 

I will take what I consider a bad argument, tear it into its separate parts, examine each one in depth, and then link all of the logic back together to form a conclusion about why the person chose to write the particular sentence they did. That could well be considered tone-policing at its nit-pickiest and most aggravating. Or it could be considered an in-depth look at rhetoric and semantics. If people call me a cunt out of anger and tell me to get off the internet, and my response is that their argument lacks any kind of logic, reasoning, or forethought, is clearly borne out of unexamined anger, and is furthermore disrespectful, and so I really don’t care what they have to say, am I tone-policing them, or am I holding them to a higher standard of mutual respect?

[…]

I think the term “tone-policing” is dead. In fact, I’m not completely sure that it was ever “alive” to begin with. The problem with telling someone that you have a right to express yourself as angrily as you want to without them raising an objection is that you’re also inherently telling them that they don’t have a right to be angry about the way you’re addressing them. That gets particularly hairy when the term starts being thrown around between groups of people like women, GLBTs, and people of color, who have all had to deal with people addressing them disrespectfully their entire lives, and so who rightfully take issue with it when it happens, either to themselves or to other people. Some of our tools for navigating difficult discussions with respect for each other just aren’t that useful.

2. Projektionen und Verzerrungen – „Du bist entweder meiner Meinung oder gegen mich.“

Der zweite Auslöser war die öffentliche mediale Debatte rund um Chimamanda Ngozi Adichie. Dies erinnerte mich sehr an oben genanntes Erlebnis. Diesmal allerdings auf öffentlicher Bühne. Chimamanda Ngozi Adichie, welche sich seit Jahren lautstark für Frauenrechte und LGBTIQA*-Rechte einsetzt und wohl im Moment weltweit eine der bekanntesten feministischen Stimmen ist, traf in einem Interview die Aussage, Trans-Frauen und Cis-Frauen würden unterschiedliche Erfahrungen machen.

Und zwar hier:

Ihre Statements wurden völlig verzerrt wiedergegeben und auf Basis dieser Verzerrungen dann als transfeindlich kritisiert. (Zum Nachlesen: Chimamanda Ngozi Adichie clarifies transgender comments as backlash growsHier zum Beispiel:  Trans Women Are Women. This Isn’t a Debate

Es geht mir hier gar nicht darum, ob und wie ihre Aussagen problematisch sind, sondern darum, dass eben nicht auf ihre Aussagen reagiert wurde sondern auf eine sehr verzerrte Version dieser. Die Autorin Raquel Willis schreibt beispielsweise:

I should have known that her analysis on womanhood would exclude transgender women.”

Was sagt Chimamanda Ngozi Adichie ?

„Trans women are trans women.“

Und dann später in der Erklärung zum Interview:

“[…] trans women are trans women and cis women are cis women and all are women.” 

Richtig, das genaue Gegenteil also. Willis schreibt außerdem:

Trans women are a type of woman, just as women of color, disabled women and Christian women are types of women. Just as you would be bigoted to deny these women their womanhood, so would you be to deny trans women of theirs.”

Dies ist eine sehr wichtige Beobachtung. Nur widerspricht sie in keinem Punkt den Aussagen Chimamandas, die im Grunde dasselbe sagt. Nämlich:

I think of feminism as Feminisms. Race and class shape our experience of gender. Sexuality shapes our experience of gender. And so when I say that I think trans women are trans women, it is not to diminish or exclude trans women but to say that we cannot insist – no matter how good our intentions – that they are the same as women born female. Nor do I think that we need to insist that both are the same. To acknowledge different experiences is to start to move towards more fluid – and therefore more honest and true to the real world – conceptions of gender.”

Oder, once again:

“[…] trans women are trans women and cis women are cis women and all are women.”

Das ist nur eines von vielen Beispielen, die sehr gut aufzeigen, wie verzerrt ihre Aussagen dargestellt wurden. Siehe auch: Chimamanda is Transphobic PERIOD Oder: 4 REASONS WE’RE NOT HAVING CHIMAMANDA NGOZI ADICHIE’S TRANSMISOGYNY  Oder: Chimamanda Adichie said trans-women are not real women and people are calling for her head

For the record, Chimamanda hat sowohl in diesem Interview als auch anderswo viele Dinge gesagt, die ich anders sehe oder die zumindest diskutiert werden müssen- sie spricht von männlichen Privilegien, die Transgender-Frauen hätten oder, dass sie ihr Geschlecht „switchen“ würden – ich verstehe durchaus Kritik an diesen Ideen. Es geht mir also nicht darum, Dissens zu kritisieren. Ganz im Gegenteil, ich bin ein großer Fan respektvoller Meinungsverschiedenheiten. Mein Punkt ist genau jener: Nämlich, dass Meinungsverschiedenheiten möglich sein dürfen. Und dass mein Gegenüber das Recht hat gehört zu werden ohne von diabolischen Projektionen überlagert zu werden, um dann für diese Projektionen massiv angegriffen zu werden.

So wie ich einige Aussagen in Chimamanda Ngozi Adichie’s Interview kritikwürdig finde, gibt es auch einige Kritiken, die nicht in der Form persönlicher Angriffe daherkommen sondern sehr lesenswerte inhaltliche Gegenpositionen bieten. Sehr empfehlen kann ich übrigens die Twitter-Antwort von Laverne Cox in Bezug auf die Idee der „männlichen Sozialisierung“ bzw. das „male priviledge“ von Trans Frauen: 

Chimamanda reagierte in weiterer Folge auf die Kritik mit folgender Erklärung auf Facebook:

Ich werde hier nicht detaillierter analytisch darauf eingehen, da es hier um mehr gehen soll als nur diesen Vorfall. Aber meines Erachtens steht diese Debatte symptomatisch für den Umstand, dass in queerfeministischen Kreisen die Praxis des Zuhörens durch die Praxis des Gegenseitig-Anschreiens ersetzt wurde. Durch reflexhafte, hochemotionale Reaktion auf Stichworte anstatt auf eine Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Ideen und ein gemeinsames und solidarisches Kämpfen für die (ohnehin meist identen) Ziele. Und: Eine von Projektionen geprägte Reaktion, die die Auseinandersetzung mit tatsächlich Gesagtem unmöglich macht und strikt zwischen “uns” und “den anderen” dichotomisiert. Ich beobachte hier folgendes: Man ist sich selbst sehr gewiss, zu den “Guten” zu gehören und sobald jemand – wenn auch nur in einem winzigen Teilaspekt – widerspricht, muss dieser Mensch zu “den Bösen” gehören und ist somit auf eine Stufe zu stellen mit jenen, die tatsächlich und tatsächlich beabsichtigt sexistisch, LGBTIQA*-feindlich oder rassistisch agieren.

3. Verkürzungen, oder: „Gut“ gegen „Böse“

Abgesehen davon, dass ich solche Verkürzungen und Dichotomisierungen für intellektuell faul und unehrlich halte, bin ich auch, und diese Worte sind bewusst so deutlich gewählt, menschlich davon angewidert. Ich orte Mob-Mentalität und sadistische Freude daran, Einzelpersonen öffentlich “fertigzumachen”, weil sie gegen irgendwelche Redeverbote oder -gebote verstoßen. Und: Das steht diametral dem entgegen, was ich unter “Feminismus” verstehe. Feminismus darf und soll unterschiedlichen Menschen Raum bieten. Er darf unterschiedlichen Meinungen darüber, was Geschlecht ist (sowohl sex und gender), Raum bieten, solange das auf der Basis von Respekt und Solidarität miteinander passiert und auf der Basis der Übereinkunft, dass gemeinsam an Gleichberechtigung gearbeitet wird.

Übrigens: Während Chimamanda Ngozi Adichie zur Ausgeburt des Bösen erkoren wurde, weil sie „Transfrauen“ als „Transfrauen“  und „Cisfrauen“ als „Cisfrauen“ und beide als „Frauen“ bezeichnet, sind hate crimes gegen Transpersonen übrigens am Steigen in allen Ländern, aus welchen diesbezüglich Statistiken vorliegen – hier GB: Transphobic hate crimes in ’sickening‘ 170% rise as low prosecution rates create ‚lack of trust‘ in police  und USA:  2016 was the deadliest year on record for transgender people und dreht das Trump-Kabinett die Uhr in Sachen LGBT-Rechte in den USA in Richtung 1950er zurück.

Um Chimamanda zu zitieren:

„Is it about being part of this special party that’s exclusive and we can all be a little self-righteous about being better than other people or is it about changing the world?“

Ich selbst war bislang eine große Verfechterin von Symbolik, achtsamer Sprache und dem, was oft von rechts als „Political Correctness“ verunglimpft wird. Bis heute führe ich Debatten, in welchen ich versuche, die Wichtigkeit geschlechtergerechter(er) Sprache zu erklären (oder zumindest einer Sprache, die ihren eigenen Androzentrismus ansatzweise reflektiert, Geschlechtergerechtigkeit ist innerhalb dieser ohnehin nicht möglich). Ich argumentiere mich um Kopf und Kragen pro genderneutraler Toiletten. Ich habe allerdings den Eindruck, dass wir uns zunehmend in Stellvertreterdebatten verlieren, die zum Teil unter „Menschen mit identen politischen Zielen zerfleischen einander wegen Semantik“ zusammengefasst werden können.

4. Tabuisierung der Kategorie „Frau“, oder: „Du darfst nicht über deine Erfahrung sprechen ohne auch gleichzeitig über meine zu sprechen.“

Der dritte Auslöser war die Debatte rund um den “Women’s March” bzw. die Kritik an den “Pussyhats”, die zum Symbol des feministischen Widerstandes gegen Trump und Trumpismus wurden. Diese wurden vor allem entlang von zwei Argumentationssträngen kritisiert. Kritik eins: Das Rosa der Pussyhats hätte rassistische Implikationen. Kritik zwei: Der Pussyhat impliziere eine Festlegung von “Frau” auf “Mensch mit Vulva”. Ich möchte hier vor allem auf Punkt zwei eingehen (da ich Punkt eins sehr nachvollziehbar finde, weswegen ich mich auch sehr freute, bei den Protesten Pussyhats in mehreren Farben zu sehen). Erstens: Der Pussyhat ist eine satirische Reaktion auf Tump’s “Grab them by the pussy”. Trump sagte nicht: “Grab them by their genitalia, whatever genitalia they might have”, sondern “Grab them by the pussy.” Auch nicht: “Such a nasty person with a uterus.” Sondern: “Such a nasty woman.” Und: Trump’s Politik (oder die seines Kabinetts, allzuviel an politischer Position möchte ich ihm nicht unterstellen)  richtet sich ganz konkret gegen die reproduktiven Rechte (reproductive rights) von (Cis-)Frauen, gegen die Selbstbestimmung über ihren Körper. Darauf muss reagiert werden. Dass Trump’s Politik neben Cis-Frauen und Frauen* auch LGBTQIA* Personen im Allgemeinen und Trans Personen im Besonderen massiv in ihren Rechten angreift (siehe bathroom order) steht außer Frage. In Bezug auf die Pussyhats ging es aber um reproduktive Rechte. „Pussy“ hier entgegen aller Versuche, Menschen mit Pussy zu beschämen, stolz und als „battle cry“ politisch zu nutzen, halte ich hier für genau die richtige Symbolik im Kampf gegen die Beschneidung dieser Rechte. 

Das Ziel von Trump’s Misogynie sind Frauen und als Frauen denkt er “Mensch mit Pussy”. Ich ärgere mich als Frau, als Frau mit Vulva, als Frau, die weiblich sozialisiert wurde, als Frau, die sexualisierte Gewalt erlebt hat, dass ein Diskurs über solche Übergriffs- und Diskriminierungserfahrungen verlangt wird, der meine eigene Betroffenheit unsichtbar machen würde. Der die spezifischen Diskriminierungserfahrungen, die Frauen auf Basis ihres Körpers und ALS FRAUEN machen, unsichtbar machen würde. Das hielte ich für hochgradig antifeministisch. Über diese Erfahrungen muss auch weiterhin solidarisch gesprochen werden dürfen, auch und vor allem in feministischen Kreisen. Und: Ein solches Sprechen über diese Erfahrungen trivialisiert oder verneint weder die Diskriminierungserfahrungen, die Trans-Menschen machen, noch jene, die Intersex-Personen machen. Auch nicht jene, die Trans-Frauen im Besonderen machen, und schon gar nicht, dass diese Erfahrungen sich an vielen Achsen überschneiden. Dies sind Perspektiven, die ich als integralen Bestandteil dessen sehe, was ich unter „Feminismus“ verstehe.  Ich plädiere hier keineswegs für einen „trans exclusionary feminism“ sondern gegen … nun… woman exclusionary feminism.

(Abgesehen davon spielt der Pussyhat mit seinen Pussyohren ironisch mit der Idee “Katze” über das Zusammenfallen mit dem Konzept “Vulva” im Englischen “pussy” und referiert damit zwar auf weibliche* Genitalien tut dies jedoch lediglich auf einer sehr abstrakten und satirischen Ebene .)

Der vierte Auslöser war Kritik, die ich in Bezug auf folgenden von mir geschriebenen Blog-Eintrag erhalten habe: Runter mit der Tamponsteuer. Hier wurde, erneut, allerdings diesmal sehr respektvoll (was mich mittlerweile in feministischen Debatten leider überrascht) die Forderung an mich herangetragen, nicht von “Frauen” zu sprechen, sondern von “Uterus”. Dies widerrum hat mich an die Pussyhat-Debatte erinnert. Hier allerdings in die entgegengesetzte Richtung – während bei den Pussyhats der Fokus auf „Pussy“ kritisiert wurde, wurde in Bezug auf den Artikel genau das Gegenteil gefordert. Nämlich anstatt „Frau“ zu sagen, auf ein Reproduktionsorgan zu fokussieren. Falls die_der werte Leser_in dies widersprüchlich findet, liegt das daran…nun…dass es widersprüchlich ist.

Ich halte das Ersetzen von „Frau“ auf „Mensch mit Uterus“ für unerträglich sexistisch, da es die alte patriarchale Erzählung der Reduktion von Cis-Frauen auf ihre Gebärfähigkeit (oder auf ein Organ das diese Gebärfähigkeit symbolisiert) fortschreibt. Ich werde nicht aufhören, im Rahmen meines Feminismus über meine Erfahrung als „Frau“ zu sprechen – in einer Sprache, die diese Erfahrungen meinem Empfinden nach am passendsten wiedergibt. Ich werde und will mir diese Sprache nicht wegnehmen lassen. Wenn die Kategorie „Frau“ für mich im Beschreiben meiner Situation im Allgemeinen oder einer spezifischen Situation im Besonderen eine wichtige ist, dann werde ich sie verwenden. Es ist ein berechtigter Einwand anzumerken, dass von einer beschriebenen Situation auch andere Menschen betroffen sein können, die es ebenso verdient haben, durch meine Sprache nicht unsichtbar gemacht zu werden. Jedoch gilt es dann gemeinsam eine Sprache zu finden, mit der sich alle Beteiligten wohl fühlen. Von anderen schlicht den Verzicht auf die Artikulation der eigenen geschlechtsspezifischen Unterdrückungs-, Diskriminierungs- und Gewalterfahrungen zu fordern, ist dabei keine akzeptable Option. Es ist auch durchaus möglich, die Kategorie „Frau“ neben anderen Kategorien stehen zu lassen. Die Selbstbeschreibung meiner physischen, politischen und psychischen Situation als „Frau“ und ein auf dieser Basis gemeinsames solidarisches Handeln gegen geschlechtsspezifische Diskriminierung nimmt niemandem die Möglichkeit zu anderen Selbstbeschreibungen. In anderen Worten: Ich darf meinen Pussyhat tragen, wenn ich das für notwendig halte. Andere sind herzlich eingeladen andere Hats zu tragen.

Noch ein kurzer Einschub an dieser Stelle: Mich erinnert die aktuelle Debatte um die Kategorie „Frau“ an die Debatte um die Kategorie „bisexuell“, welche als transfeindlich angegriffen wurde, da sie eine binäre Logik von Geschlecht reproduzieren würde (siehe: Bisexual communities and binarism). Interessanterweise wird diese Kritik gegenüber der Kategorie „homosexuell“ oder „heterosexuell“ nicht geäußert, obwohl diese ebenjene Binarität potentiell ebenso reproduzieren. Wem diverse Statistiken in Bezug auf die Auswirkungen von Biphobie/Bifeindlichkeit/Bi-Unsichtbarkeit bekannt sind (ich empfehle: Bisexual Invisibility: Impacts and Recommendations), weiß: Hier wurde die vulnerabelste von „drei“ Gruppen angegriffen – in ihrer Selbstdefinition und das Verwenden einer Identitätskategorie, welche als politischer Bezugspunkt und als Artikulation der eigenen Situation (überlebens)wichtig ist. Auch wenn es um das Thema Geschlecht geht, scheint sich die Kritik vor allem – entlang einer hegemonial patriarchalen Logik – gegen die schwächere von „zwei“ Gruppen zu richten, nämlich gegen die Kategorie „Frau“, welche ohnehin schon eine höchst vulnerable Position darstellt. Angegriffen wird hier vor allem die Selbstdefinition von Frauen* bzw. die Artikulation ihrer spezifischen Betroffenheiten von Sexismus und Misogynie. Ich habe noch nie einen derartigen Aufschrei (und derartige Angriffe) erlebt, wenn ein Mann* das Wort „Mann“ in seiner Selbstbeschreibung verwendet. Bevor Frauen* angegriffen werden für die angebliche Reproduktion einer Geschlechterbinarität, welche jene Menschen exkludiert, welche dieser Binarität nicht entsprechen, schlage ich vor, den eigenen sexistischen Bias zu überdenken und sich die Frage zu stellen, warum es genau diese Kategorie ist, die aufregt. Und warum andere außen vor gelassen werden. Und inwiefern die eigene Kritik hier – wenn auch unbewusst – aktuelle patriachale Machtstrukturen, Hierarchien und Gewaltverhältnisse bestärkt.

5. „Du darfst dich nicht gegen meine Aggressionen wehren, wenn du in irgendeinem Aspekt mir gegenüber privilegiert bist.“

Der fünfte Auslöser war die Diskussion unter folgendem Sugarbox-Artikel:  Frau ohne Gender – bin ich wirklich “cis”? Die Aggressivität mit der versucht wird, hier Menschen zu verbieten, sich zu artikulieren, finde ich erschreckend. Ich musste beim Durchlesen der Kommentare öfter pausieren, da mir, im wörtlichen Sinne, schlecht wurde. Ebenso erschreckend finde ich die  völlig verkürzte „Entweder bist du in allem meiner Meinung oder du bist gegen mich“ – Mentalität. In der genannten comment-section stieß ich außerdem erneut auf den Einwurf des „tone policing“ verbunden mit der Idee, Kritik an aggressivem Umgangston sei „playing the victim“. Here’s the thing: Alle Menschen, die sich innerhalb feministischer Bewegungen befinden, sind in irgendeiner Weise „victim“. Ja, auch Cis-Menschen. Viele davon sind als Frauen* Opfer systematischer Diskriminierung und Gewalt. Und wenn Cis-Frauen Aggressionen ausgesetzt sind (ja, auch von Transmenschen ausgehend) haben sie ein Recht, sich dagegen zu wehren. Denn: Auch wenn eine Cis-Frau nicht Opfer von Transfeindlichkeit ist, ist sie 1. Opfer von Misogynie, Sexismus und allem was damit einhergeht und 2. in einer Situation, in der eine Transperson (oder wer auch immer) verletzend gegen sie agiert, Opfer sprachlicher Gewalt. Kritik daran ist nicht tone policing, sondern die berechtigte Forderung, dass Meinungsverschiedenheiten gewaltfrei und respektvoll diskutiert werden sollten. Das ist kein „playing the victim“, das ist „being the victim“ in dieser spezifischen Situation. Wie bereits weiter oben geschrieben: Die Zugehörigkeit zu einer unterdrückten Gruppe rechtfertigt keine “ich darf alles und du darfst mich dabei nicht kritisieren” – Attitüde.

Zudem ist die Debatte auch in dem Fall von projektiven Überlagerungen und Verzerrungen der tatsächlichen Aussagen der Autorin geprägt. Zum einen gilt es zu betonen, dass sie hier ihre eigene Geschlechtsidentität bespricht, was Frau-Sein für sie bedeutet, welche Begrifflichkeiten ihr eigenes In-Der-Welt-Sein am adäquatesten beschreiben. Sie hat für sich die Begriffe „cissexuell“ statt „cisgender“ gewählt. Warum eine Community, welche sich Selbstbestimmung über das eigene Narrativ in Sachen Geschlecht und Identität an die Fahnen heftet, darauf derart ablehnend und maßregelnd reagiert, entbehrt jeder Logik. Und: Es entbehrt jeder Fairness im Umgang miteinander. Zum anderen wird sie für eine Ablehnung des Begriffes „cis“ kritisiert, welche sie im Artikel de facto gar nicht vornimmt. Habe ich die Worte „Projektion“ und „Verzerrung“ schon gesagt?

6. Perfektionsanspruch

Ich habe als Reaktion auf die Kritik an meinem obengenannten Artikel zur „Tamponsteuer“ versucht, den Text inklusiver zu gestalten. Ich bin mir nicht sicher, in welchem Ausmaß mir das gelungen ist, aber ich hoffe und arbeite daran, in der Artikulation meines Feminismus Worte zu finden, die andere, die von patriarchalen Machtverhältnissen auch viktimisiert werden, wenn auch vielleicht anders als ich, nicht verletzen, ganz egal, um welche Gruppe es dabei geht. Menschen machen Fehler. Es ist einfach, dies aus einer Abseitsposition zu beobachten und die Menschen, die diese Fehler machen, zu verurteilen. Manchmal ist das, was man selbst als “Fehler” verurteilt, aber auch einfach nur der Versuch einer anderen Person, in einer komplexen Welt mit widersprüchlichen Feminismen und Ansprüchen an die eigene Person eine Position zu finden. Und diese Position darf auch von der eigenen abweichen, ohne dass die Person damit auf eine Stufe zu stellen ist mit jenen, die feministischen oder antirassistischen oder LGBTIQA*-politischen Anliegen tatsächlich feindlich begegnen.

Ich werde nie eine perfekte Feministin sein, die keine Fehler macht, an alles gleichzeitig denkt und in ihren Artikulationen nie auf irgendjemanden vergisst. Das ist unmöglich. Und ich nehme mir auch den Raum und das Recht, Fehler zu machen. Perfektionsanforderungen sind Ansprüche, die mir als Frau sowieso ständig überall begegnen, von Work-Life-Balance, über Mutterschaft und wie diese gelebt wird, über mein Beziehungsleben und meine Sexualität, bis hin zum Fett-Muskel-Verhältnis meiner Oberschenkel, zu der Reinheit meiner Haut, der Haarlosigkeit meiner Achselhöhlen und der Splissfreiheit meiner Kopfhaare. Ich weigere mich, auch noch eine perfekte Feministin sein zu müssen. Stattdessen: Lasst uns feministische Räume zu Räumen machen, in denen Menschen laut nachdenken dürfen, in denen es erlaubt ist, keine absolute Meinung zu etwas zu haben oder überhaupt noch keine, in denen Menschen Fehler machen dürfen. Und in denen Vielfalt an Lebensentwürfen und Meinungen tatsächlich möglich ist ohne Denk- und Redeverbote. Und vor allem: In denen Empathie mit der Situation des Gegenübers den Ton angibt.

Um Roxanne Gay zu zitieren:

„I embrace the label of bad feminist because I am human. I am messy. I’m not trying to be an example. I am not trying to be perfect. I am not trying to say I have all the answers. I am not trying to say I’m right. I am just trying—trying to support what I believe in, trying to do some good in this world, trying to make some noise with my writing while also being myself.”

Feminismus sind wir alle

Diese feministischen Räume, die, von denen wir meinen, wir könnten uns in ihnen nicht artikulieren, oder von denen wir glauben, wir dürfen uns erst dann artikulieren, wenn das, was wir zu sagen haben, Perfektionsansprüchen anderer genügt, sind unsere. Alle, die sich in ihnen bewegen, haben das Recht, sie mitzugestalten. Alle haben das Recht, über ihre Erfahrungen zu sprechen. Wenn wir nicht einverstanden sind damit, wie darin mit Menschen umgegangen wird, können wir das ändern.  Wenn wir nicht damit einverstanden sind, wie darin mit uns selbst umgegangen wird, haben wir das Recht, uns dagegen zu wehren und von anderen Solidarität zu erwarten. Deshalb will ich diesen Text, den ich mit dem Verweis auf Menschen, die sich aus feministischen Räumen verdrängt fühlen bzw. sich in ihnen nicht wohl fühlen, begonnen habe, mit einer Botschaft an ebendiese Menschen enden: Eure Erfahrungen sind wertvoll und wichtig und haben es verdient mit anderen gemeinsam solidarisch besprochen zu werden. Feminismus ist auch dazu da, solidarisch für euch zu kämpfen. Hier ist eine Stimme innerhalb dieser feministischen Bewegung, die sich bemüht, respektvollen Diskurs möglich zu machen.

Ich lebe meinen Feminismus enlang zwei Mottos. Nummer eins ist von Audre Lorde: „Your silence will not protect you.“ Nummer zwei ist von Maggie Kuhn: „Speak your mind, even if your voice shakes.“ Bitte, sagt eure Meinung nicht nur in privaten Facebooknachrichten sondern laut und deutlich überall, wo es möglich ist. Feminismus ist nicht etwas, das einfach besteht und zu dem wir dazustoßen ohne ihn gestalten zu können. Feminismus ist etwas, das getan werden muss. Es liegt an uns, die aktuellen Machtkämpfe darüber, wer worüber Definitionsmacht hat und wer wem den Mund verbieten darf, durch Empathie füreinander und solidarisches Handeln miteinander zu ersetzen. Bleibt hier und bleibt laut. Bleibt mutig.

23 thoughts on “Jenseits von „Gut“ und „Böse“ – ein Kommentar zur (fehlenden) queerfeministischen Debattenkultur

  1. Bravo! Danke für diesen Artikel. Ich teile deine Kritik an allen Verhaltensweisen im Mainstream-Feminismus, die du in deinen Kapitelüberschriften zusammenfasst.
    Auch bin ich froh, dass du den Ausschluss der Kategorie „Frau“ (ohne Stern) hinterfragst!
    „Ich ärgere mich als Frau, als Frau mit Vulva, als Frau, die weiblich sozialisiert wurde, als Frau, die sexualisierte Gewalt erlebt hat, dass ein Diskurs über solche Übergriffs- und Diskriminierungserfahrungen verlangt wird, der meine eigene Betroffenheit unsichtbar machen würde.“ – dem stimme ich vollinhaltlich zu.
    Meine Abkehr vom Mainstream-Feminismus zu einem neuen Konzept formuliere ich auf meinem Blog: http://www.sacribas-blog.at
    Deine Meinung dazu würde mich interessieren!

    • vielen lieben dank! :-)
      ich werd mir morgen deinen blog mal zu gemüte führen.
      ich bin selbst auch grad dabei, eine feministische position zu formulieren, die weder auf die teilweise misogynie des queerfeminismus noch auf die teilweise transfeindlichkeit des radikalen feminismus hereinfällt….

  2. toll! unglaublich, dass du noch nicht aufgegeben hast und das was dich stört MUTIG (ja wieder mal das wort) ansprichst!

    ich bin auch eine die sich aus queerfeministischen diskursen zurückgezogen hat, weil ich da so manche ansätze – als ich noch aktiver im queerfreminismus war – für doktrinär/dogmatisch hielt, was mir absolut nicht gefiel! War es doch das wogegen ich auf eigentlich kämpfen wollte. Als doktrinär/dogmatisch erlebte ich zb
    -) konzept safer spaces (fördert Angst vor Versagen, die Angst angegriffen zu werden, macht die Gruppe starr und un-innovativ, denn Innovationen kommen aus der Lockerheit, kommen „herausgeschossen“, zumeist als Blödsinn; eins denke nur an Brainstorming. Humor wird auch gekillt, den damit verhält es sich genauso wie mit Innovationen. Das hasse ich am meisten. Unvorstellbar für mich, innovativ, humorvoll oder locker zu sein in einer Gruppe, wo Menschen wie Habichte auf jeden Fehler hinfahren und einen ausweiden.)

    -) konzept awareness teams (nimmt die verantwortung vom individuum weg, mit konflikten selbst (in sich) umzugehen. Fördert die Projektion ins Außen: „die anderen sind böse“. Verhindert eine Konfliktlösung in der sich zwei menschen zusammensetzen und ihre Emotionen zeigen können. Aus psychologischer Sicht machen Awareness Teams für mich, dass sich Individuen weniger mit sich selbst auseinandersetzen, sich selbst reflektieren und die wichtige Fähigkeit des Aushaltens von negativen Gefühlen „Containing“ gefördert wird. Eigentlich fast das gegenteil, was da konzept bewirken will…)

    -) zurechtweisung von einzelpersonen aufgrund von nicht politisch korrekter sprache. wobei die einzelpersonen, die falsch gesprochen hatten meist aus weniger akademischen kreisen stammten. (mein vorwurf: klassizismus) wobei die einzelpersonen, das was sie sagten nicht absichtlich sagten um zu verletzen. das fällt auch in deinem bericht und ich denke, das ist ein wichtiger punkt, den eins, das noch Kraft hat wieder in die Szene einführen könnte: Absichtlichkeit vs. unabsichtliches Fehlermachen und Wiedererlernen des Differenzierens. Die Menschen die die Fehler gemacht hatten und dafür kritisiert wurden, haben sich dann übrigens selbst aus der queerfeministischen Gruppe zurückgezogen.

    … mittlerweile bin ich weiter entfernt von queerfeministischen gruppen und meine sicht auf manche queerfeministische gruppierungen hat sich von doktrinär/dogmatisch auf psychopathologisch/sektenähnliche-psychdoreligiöse struktur geändert. Ich persönlich halte es für ziemlich unmöglich, mit den Leuten die derzeit den queerfeministischen Diskurs ANführen befruchtende dialoge zu führen, die Verschiedenes nebeneinander stehenlassen können. Das erlaubt auch die Struktur nicht. (vgl. zb white tears, white guilt) Wenn es einmal so weit gekommen ist, dass ich nicht mal mehr starke emotionen zeigen darf, wenn ich einen fehler gemacht habe, und sogar das dann noch als Fehler gewertet wird, dann läuft einfach etwas schief.

    Ich denke mir mittlerweile, dass es mir besser tut, mich von manchem queerfem gemetzel fernzuhalten, als mich fertigmachen zu lassen. Für sinnvoll find ichs auch nicht, mich in meiner „white guilt“ zu suhlen (wem bringt das was? es erinnert mich nur unfassbar an das grundprinzip des katholizismus, so no way!) Auch tut es niemandem gut, wenn ich weiterhin bei diesen P.C.speech Fertigmachen-Theater von anderen zusehe.

    Eine kritikfähige Form des Queerfeminismus, die Isreal, Humor, Innovation und Weiterentwicklung zulässt muss ja nicht zwangsläufig tot für mich sein. Jene Queerfeminist*innen, die derzeit in Sekten abgleiten und ihre Altäre pflegen (vor kurzen ging ein Mail über die Ladyfestverteiler*in in der aufgefordert wurde, dass eins etwas für den Altar mitbringt für ein Event) sollen ruhig ihr ding tun. Solangs gut tut und niemand anderem weh tut ist ja alles erlaubt. Ich glaube aber es ist geschickter, nicht die Trolle zu füttern, die aufgrund ihrer Persönlichkeitsstruktur pathologisch auf Streit und Zwist aus sind, sondern sie einfach zu ignorieren.

  3. Einerseits freu ich mich über diesen Post, da mir die Kritik an der verkorksten Diskussionskultur einiger Menschen aus der Seele spricht. :-) Dass manche Menschen scheints überhaupt nur noch auf die verwendete Sprache schauen und Inhalte ignorieren, irritiert mich schon schwer.

    Andererseits hab ich bei manchen Punkten doch ein ungutes Gefühl. Den Begriff „Frau“ zu verwenden, wenn es um eine Anatomie geht, die halt u.a. Uterus meint, führt halt im Gegenwärtigen Sprachgebrauch zur Exklusion von Transmännern, die halt auch von Tampons profitieren würden. Kritik an der Sprache ist immer schwierig – zumal sich die Mehrheitsbevölkerung um all diese Feinheiten eh nicht schert.

    Ich seh das im Moment so: Irgendwann in grauer Vorzeit hat sich das Wort „Frau“ herausgebildet, um Menschen mit einem bestimmten Körperbau zu beschreiben. Im Laufe der Zeit hat sich darum eine Geschlechterrolle entwickelt. Bis schließlich das Wort sich nur noch auf das soziale Geschlecht bezog. (Ich meine damit jetzt auch keine neuzeitliche Entwicklung, sondern das müsste auch schon in prähistorischer Zeit passiert sein, unter der Voraussetzung, dass es damals eben auch schon beispielsweise Transfrauen gab)

    Jetzt sind wir also in der blöden Situation, dass das Wort „Frau“ zwei Bedeutungen hat, die sich gegenseitig ideologisch ausschließen. Wenn ich „Frau“ sage, und „Mensch mit Uterus“ meine, dann ist das leider trans-exkludierend. Wenn ich „Frau“ sage und damit das soziale Geschlecht meine, dann fehlt mir aber wieder ein Wort, um mich explizit (und vllt politisch) auch auf den Körperbau zu beziehen.

    Lösung hab ich dafür keine anzubieten… „Menschen mit Uterus“ klingt sperrig und danach, als ob Menschen auf bestimmte Organe reduziert werden – daher würde ich es auch nur wirklich dort verwenden, wo es um besagte Organe geht, und sonst brauchen wir den Begriff ja eigentlich auch nicht?

    Naja. Ich kommentiere hier, und wünsche mir eigentlich doch insgeheim mehr Orte, indem sich alle diese Fragen sachlich diskutieren ließen, ohne sich gegenseitig an die Gurgel zu gehen. Insofern ein guter Blogpost… aber halt in der Tat nicht perfekt. ;-)

    • Hallo Knopfspiel,

      Ich arbeite gerade an einer Lösung für das von dir geschilderte Problem. Ein Geschlecht besteht immer aus mehreren Ebenen: das genitale Geschlecht innerhalb des biologischen Geschlechts, die soziale Rolle, das Identitätsgeschlecht.

      Das Problem ist, dass wir keine klar definierten Begriffe für alle Geschlechter haben. So bin ich z. B. dafür, Trans-Frau und Trans-Mann als temporäre (solange die Geschlechtsanpassung dauert) Geschlechter zu definieren. Nach der Geschlechtsanpassung (z. B. nur Hormonbehandlung oder Operation des genitalen Geschlechts) ist dieser Mensch dann Frau, Mann oder ein bestimmtes nicht-binäres Geschlecht, das früher trans war. Ein Trans-Mann mit Uterus wäre dann ein neues Geschlecht, und Frau und Mann könnten wieder ohne Verwirrung verwendet werden, um den Körperbau zu beschreiben.
      Die Artikelreihe dazu stelle ich demnächst online.

      • Nicht alle Transmenschen sind mit ihrem Körper unzufrieden oder streben operative Änderungen an. Ein drittes Geschlecht für Transmenschen einzuführen, ist genau der falsche Ansatz, imho. Denn damit wird der Satz „Transfrauen sind Frauen“ eben *nicht* verstanden, bzw. halt eben wieder falsch gemacht.

        Das beste was ich an neuen (?) guten Ansätzen in letzter Zeit gelesen habe, ist das hier:

        Insbesondere den Begriff „physicality“ finde ich enorm wichtig – denn damit wird eben wirklich einmal klar getrennt. Neue Begriffe braucht man nur dort, wo es tatsächlich um eine bestimmte Physikalität geht, also eben ein Wort für Menschen, die – sagenwirmal – Tampons benötigen, oder Menschen, die an Prostatakrebs erkranken können… aber gleichzeitig muss eins sich schon fragen, *wann* eins diese Wörter eigentlich verwenden will. Braucht eins sie nur im medizinischen Kontext? Oder welche anderen Kontexte sind wichtig? Wo liegt das Problem darin, sperrige Begriffe wie „Menschen mit Uterus“ zu verwenden, wenn sie nunmal einfach korrekt sind – nicht politisch korrekt, (was ja eher ein Kampfbegriff ist), sondern faktisch korrekt, also so wie die Wörter im Moment mehrheitlich verstanden werden.

        „Frau“ beschreibt aber eben das Geschlecht – das soziale Geschlecht, und diesen Begriff Transfrauen wieder wegzunehmen, indem eins eine biologische Definition, die sich auf bestimmte Körperbauweisen bezieht, durchsetzt, fände ich nicht gut.

        (keine Ahnung, ob ich das mitkriege, wenn du dazu Artikel postest, ich lese erstmal grade nur hier mit, mal sehen.^^)

      • Oh Hilfe, wenn ich einen Link von Tumblr reinstelle, wird er vollumfänglich reinkopiert? Ich finde grad keine Möglichkeit, Kommentare zu editieren, falls es nervt, entschuldigt bitte! :-)

    • ganz viel danke für deinen kommentar, in dem du einen teil der problematik sehr schön beschreibst :-)

      es geht übrigens nicht nur darum, dass dabei dann transmänner exkludiert würden, sondern auch manche intersex personen und manche gender non binary personen…. also es geht eigentlich noch ein stück weiter

      ich wollte in meinem blogpost keine großen antworten auf große fragen geben, ich wollte einen diskurs beginnen.
      ich hab auch keine lösung parat, wahrscheinlich gibt es eh keine. wahrscheinlich müssen wir einfach in imperfekten annäherungen an das, was wir meinen, kommunizieren und davon ausgehen, dass das gegenüber nicht pösepöse ist sondern halt probiert mit einer gender-binären und androzentrischen sprache irgendwie akzeptabel umzugehen und daran scheitert wie wir eh alle.

      und wie heißt es so schön: es gibt zwei arten von artikel – perfekte und publizierte ;-)

      • Ja klar, ich hab Transmänner als Beispiel genannt, nicht als vollumfängliche Gesamtaufzählung.^^

        Und an der Sprache kämpfe ich auch… es ist besonders vertrackt, weil ein Großteil des Diskurses sich im Moment auf englisch abspielt, einer Sprache, die viele Probleme gar nicht hat, mit denen wir uns im Deutschen so herumschlagen. ;-)
        Eigentlich würde ich gerne hergehen, und einen komplett neuen Dialekt basteln, für die deutsche Sprache, denn die meisten bisherigen „Lösungen“ scheinen mir dann eher wie Flicken zu sein, die man über ein Loch drüberklebt, nur um beim nächsten Problem wieder neue Flicken drüberzukleben und so weiter… anstatt mal ein vernünftiges neues Kleid zu nähen, sozusagen.^^

        Es gibt nur ganz wenige Lösungen, die mir einleuchten – was ich im Moment versuche, ist, „man“ durch „eins“ zu ersetzen. Das entspricht ja direkt dem Englischen, ist also zumindest schon mal in einer Weltsprache erprobt.^^

        Ansonsten ist alles noch ziemlich dürftig, und umso wichtiger ist es, dass Menschen sich nicht ständig wegen ihrer Sprache gegenseitig in die Haare kriegen. :-)

      • word zu allem @knopfspiel. nur *klugscheißon* das wort „man“ hat etymologisch mit „mann“ gar nix zu tun …. werf das nur kurz ein als ehemalige sprachenstudentin :-D hab letztes jahr ziemlich viel zeit mit etymologischen wörterbüchern verwendet und seitdem verwend ich auch das „man“ wieder (abwechselnd mit „mensch“) *klugscheißoff

      • „mensch“ als Ersatz für „man“ finde ich genau aus dem Grund sinnlos.^^ Hat ja denselben Ursprung. Siehe englisch „mankind“… Ob jetzt die Wurzel aber zuerst für Menschen als Sepzies oder zuerst für Männer gestanden hat… kann ich aus wiktionary grad nicht schließen. Würde ja vermuten, dass es eher woanders herkommt, in anderen indoeuropäischen Sprachen ist es ja eher „vir“ (latein) oder „virietis“/“vīrs“ (lettisch) oder der gute alte Werwolf…

        *verliert sich auf wiktionary*
        Okay, „Mann“ oder die Wurzel hieß wohl quasi immer schon sowohl Mensch als auch Mann.. https://en.wiktionary.org/wiki/Reconstruction:Proto-Indo-European/mon-

        [/nerd]

        Anyway. Hab leider kein Sprachstudium vorzuweisen, und sollte jetzt dringend zu Bett. :-D

    • Wenn ein Wort mehrere Bedeutungen hat, die unter gewissen Umstaenden bzw. in gewissen Situationen miteinander kollidieren, gibt es meines Erachtens zwei Möglichkeiten, damit umzugehen:
      1) Es als sprachliche Unschärfe zu betrachten, und je nach Kontext entsprechend zu interpretieren, worauf sich das Wort gerade bezieht
      2) Neue Wörter einzuführen, um die Kollisionsproblematik zu lösen

      Generell muss ich aber sagen, dass ich als Grundproblem vielmehr sehe, dass es überhaupt nach Geschlechtern aufgetrennte soziale Zuschreibungen gibt und daher an dieser Stelle auch den eigentlichen Lösungsansatz sehe.

      Geschlecht sollte sozial, abgesehen von der Sexualität logischerweise, eigentlich irrelevant sein. Dann wäre es auch für das alltägliche Leben egal, ob ein Mensch Cis-Mann, Trans-Mann, Cis-Frau, Trans-Frau, Intersexuell, Non-binary, etc. wäre, abgesehen davon, dass wir eine ganze Menge komplizierte Begriffe verlieren würden, die ohnehin auch widersprüchlich sind (z.B. geht „non-binary“ ja von einer Binärität aus, um gleichzeitig zu erklären, nicht in dessen Konzept zu passen).
      Allerdings glaube ich nicht, dass es in absehbarer Zeit überhaupt zu einer sachlichen Diskussion dieser Problematik, und damit zu rational nachvollziehbaren und gleichzeitig pragmatischen und damit umsetzbaren Lösungsvorschlägen kommen wird, weil über das Thema abseits rationaler Argumentation momentan hauptsächlich emotional-egozentrisch von diversen Gruppen diskutiert wird, von denen jede von allen anderen Gruppen verlangt, bedingungslos ihre jeweilige willkürliche, für sie bequemste Sicht zu übernehmen. Jede konstruktive Diskussion der ganzen Thematik wurde dadurch schon längst an die Wand gefahren.

  4. liebe beayonce, danke für diesen notwendigen und sehr schlüssig argumentierten text. er motiviert mich und inspiriert mich. ich habe soviele gedanken und erlebnisse und gefühle dazu, dass ich hoffe, dass das hier irgendwer zu ende liest, denn es wird wahrscheinlich ein bisschen länger und es ist mir wichtig:

    auch ich habe mich auf grund der besprochenen punkte fast gänzlich aus der queerfeministischen szene zurück gezogen. ich glaube zwar nicht, aber hoffe, dass verschiedene akteur*innen irgendwann beginnen nachzudenken über den umstand, dass ihre praktiken, die offiziell darauf abzielen alle zu inkludieren, unterschiedliche feminist*innen auf der basis von einschüchterung vertreiben. denn das ist ein punkt, den ich hier gerne noch in diesem zusammenhang in den raum stellen würde: am meisten stört und ja, ärgert mich, die unterstellung, dass feminist*innen sich deshalb angeblich kritisch zeigen oder sich angeblich nicht solidarisieren wollen, weil sie sich quasi in ihrem ego als frauen* angegriffen fühlen oder in ihrer position als frauen*, die ihnen wiederum angeblich streitig gemacht wird.

    ich kann jetzt natürlich nur für mich selbst sprechen und darüber was ich von meinem feministischen umfeld weiß. dass es auch solche feminist*innen gibt, die eindeutig transphobe oder rassistische denkmuster verbreiten ist unbestritten. zumindest von mir. bei eben solchen stimmen aber sowieso die voraussetzungen nicht und würden sich die angriffe auf diese beschränken, hätte ich auch überhaupt kein problem und ich kritisiere solche feminist*innen selbst auch in aller deutlichkeit.

    es richtet sich ja aber auch gegen jene, die sich wiederum in aller deutlichkeit immer und auch weiterhin mit dem kampf für intersektionalität solidarisieren und das aber vielleicht unter anderen gesichtspunkten tun als der geforderten ansicht einer rein diskursiv konstruierten welt, die keine zusammenhänge und keine physis kennt, sondern nur individuelle identitäten. wir reden hier also über theorien und ansätze, über schablonen, durch die hindurch eins die welt betrachtet, die zwar divergieren, aber auf deren grundlage alle das gleiche ziel verfolgen und den willen haben dieses ziel solidarisch zu erkämpfen.

    nun kristallisiert sich heraus, dass die „falschen“ ansätze, die „falschen“ denkgrundlagen, wohlgemerkt mit dem gleichen praktischen ziel, als gegnerisch diesem ziel gegenüber gewertet werden. und es im grunde nur noch die alternative gibt eine einheitliche schablone auf die welt anzusetzen oder der feindseligkeit bezichtigt zu werden. wo divergierende positionen den solidarischen kampf, wie du eh so schön ausgeführt hast, ja garnicht stören oder verhindern. ganz abgesehen davon, dass es paradox ist diversität mit dem mittel der gleichschaltung durchsetzen zu wollen.

    mein punkt ist: ich glaube nicht daran, dass feminist*innen sich deswegen aus queerfem-räumen zurück ziehen, weil sie irgendwie nicht bereit sind oder wären sich selbst in frage zu stellen und anderen raum zu geben, das tun sie m.e. die ganze zeit, sondern weil sie sich in einem raum wiederfinden, der ihnen das genaue gegenteil ihrer motive unterstellt: nämlich diskriminieren zu wollen und andere beschneiden zu wollen/zu beschneiden. ich glaube, dass menschen, denen das höchste anliegen antidiskriminierung in jeder dimension ist, schwer getroffen sind, wenn sie unterstellt bekommen, dass sie (gewollt) diskriminieren. und deswegen ziehen sie sich zurück. schon allein dieser absatz ist vermutlich unter diesen aspekten problematisch, weil er als selbstmitleid einer cisfrau gelesen werden könnte. vgl. punkt tone policing.

    gleich hierzu: wäre das so – wäre es so, dass diese feminist*innen einfach nur ihr ego behalten wollen und andere diskriminieren wollen, hätte ich null mitleid. ich bestreite aber, als so eine, die sich zurück gezogen hat, dass dieses unterstellte motiv zutrifft.

    das ist dann so eine sache. denn niemand kann dem anderen die eigenen motive beweisen oder widerlegen. am schwierigsten ist es, wenn mit begriffen wie „unbewusst“ operiert wird, was ich auch schon erlebt habe. so auf die art: wenn ich nicht („rational“) verstehe was am ansatz sex/gender transphob ist, bin ich „unbewusst“ transphob. oder habe einen blinden fleck. es ist mir und dem*der anderen unmöglich das zu beweisen oder zu widerlegen.

    ich kann nur sagen, dass mir auf theoretischer ebene der sex/gender ansatz am schlüssigsten erscheint, wenn man eine physische welt voraussetzt, die der menschlichen interpretation voraus geht. ich persönlich setze so eine physische welt voraus. ich weiß es nicht, aber ich halte es für sehr plausibel von allem was ich von wissenschaft etc. bisher weiß. ich weiß es aber natürlich schluss endlich nicht. und das macht ja aber auch nichts, denn diese annahme veranlasst mich nicht andere zu unterdrücken/zu diskriminieren/zu beleidigen. sie schließt auch in keinster weise aus, dass ich bedingungslos für alle rechte einstehe und kämpfe, die personen betrifft, die sich jenseits einer binärität empfinden, verstehen, fühlen oder sich auch faktisch körperlich zwischen dieser binarität bewegen. das andere ist ja auch nur eine annahme und ein glaube. zu sagen, dass es verletzend ist diese annahme nicht zu teilen, ist wie „religiöse gefühle verletzen“, wenn man kritik an der vorstellung eines fiktiven gottes übt.

    wenn das argument kommt „das verletzt mich“, dann hüte ich mich davor wie der teufel das weihwasser das nicht ernst zu nehmen. ich muss es dem anderen aber am ende des tages auch nachvollziehbar machen, der solche erfahrungen und verletzungen nicht kennt. ich will garnicht davon anfangen wie oft ich schwer getroffen bin von antisemitischen haltungen gerade in der linken und queerfeministischen szene. wenn sie das existenzrecht israels in frage stellen, greifen sie damit die fundamentalen rechte meiner großeltern und urgroßeltern auf leben an, deren einziger zufluchtsort israel gewesen wäre, wäre es realistisch geworden, dass sie den holocaust nicht überleben – was sie zum glück, mitten in wien, taten. sie greifen damit auch meine unmittelbare existenz an, ich habe deswegen teilweise buchstäblich schlaflose nächte. manchmal ist es gut und auch ok und hilfreich das dazu zu sagen, am ende aber muss ich es nachvollziehbar machen für andere durch argumente. zu sagen „es verletzt mich“ und niemand weiß warum, bringt nichts, sondern erpresst den anderen höchstens emotional. wenn auch nicht gewollt unbedingt, aber das ist das resultat. und wenn der andere auch meine argumente nicht versteht oder verstehen will, dann ist er vielleicht, ich zitiere, weil es mir sehr gut gefällt, „intellektuell faul und unehrlich“, aber noch nicht sofort ein antisemit. die meisten, die zum thema israel, entschuldige, aber die klappe aufreißen, verfügen noch nicht einmal über basiswissen zur realität im nahen osten. sie wollen halt gscheit daher reden und stellung beziehen und reden dabei oft nur mist, das macht sie aber noch nicht zu antisemiten, auch wenn wiederum viele andere alle sofort dazu machen wollen, die eben intellektuell faul und unehrlich sind. so weh mir diese haltungen auch tun (und ich unterscheide hier streng zwischen antisemitische haltungen einnehmen – manchmal auch unbewusst aka ungewollt – und antisemitisch SEIN), ich lehne trotzdem alle mechanismen ab, die künstlich einen todesfeind erzeugen wollen, den es vermutlich garnicht gibt. abgesehen davon, dass es menschlich einfach widerwertig ist (auch so ein punkt von dir, den ich nur doppelt und dreifach unterschreiben kann) ist es auch destruktiv meinen eigenen interessen gegenüber.

    es bringt einfach nichts zu sagen: du bist ein täter und ich bin verletzt. ich muss argumentieren. ich frage mich auch manchmal ob es an den viel zitierten privilegien liegt, dass wir uns hier in wien/mitteleuropa/dem westen bewegen, dass wir nicht mehr die notwendigkeit sehen uns hier zu solidarisieren, sondern scheinbar den konflikt suchen, sollte meine wahrnehmung stimmen, dass wir dinge be-streiten, die mensch auch mit haarspalterei übersetzen könnte. in einem kontext zb wo frauen zwangsverschleiert werden oder menschen, die von normen abweichen prinzipiell und via gesetz getötet werden oder dem hass ausgesetzt sind, gestaltet sich die diskussionskultur und der zusammenhalt wahrscheinlich nochmal anders.

    ich habe (auch) philosophie studiert, ich habe eine zu-neigung alles in frage zu stellen, die manchmal auch wirklich quälend ist. auf philosophischer ebene ist der gedanke an eine rein konstruierte welt bestechend, interessant und außerdem naheliegend. politisch ist der gedanke aber im besten fall nutzlos und im schlimmsten fall hinderlich. auf der uni noch fand ich judith butler recht spannend, mittlerweile finde ich, dass sie einen großen fehler damit gemacht hat ihre philosophie zu einer politischen agenda zu machen. alles aufs individuum herunter zu dekonstruieren macht es unmöglich über zusammenhänge zu sprechen, die nötig sind aufgeschlüsselt zu werden um unterdrückende verhältnisse zu ändern. von ihren ansichten als jüdin auf israel will ich garnicht erst beginnen. ich glaube judith butler verkörpert fast alles was ich politisch für katastrophal halte, aber ich möchte hier nicht zu sehr ausschweifen, was ich ohnehin schon tue.

    ich setze dem hier jetzt künstlich ein ende, denn ich schwöre, ich könnte noch eine romanlänge lang weiter machen. was vor allem daran liegt, und damit schließe ich, dass dein text großartig und, ich sagte es ja schon eingangs, motivierend und inspirierend ist. ich danke dir dafür!

    mit den besten grüßen, paula spock

  5. Vielen Dank auch von mir für diesen Artikel. Das Problem, das mich am meisten beschäftigt, ist, dass derzeit punktuelle Kritik an Weltanschauungen, Theorien und Positionen mit Feindlichkeit gegen Vertretern dieser Weltanschauungen, Theorien und Positionen gleichgesetzt wird. Hinsichtlich zB der Thematik Geschlecht bedeutet das also, dass ich, wenn ich die derzeit im Queerfeminismus als „richtig“ geltende Position zu Geschlecht und seiner Beschaffenheit nicht vollinhaltlich teile, ich automatisch als zB transphob gelte und mir tatsächliche Feindseeligkeit gegen Trans-Personen unterstellt wird. Von diesbezüglicher Feindseeligkeit bin ich weit entfernt. Jeder Mensch soll das eigene Leben so gestalten, wie er_sie will (natürlich ohne die Grenzen anderer Personen zu übertreten) und ohne dadurch irgendwie diskriminiert zu werden. Ich muss und kann aber nicht alle Beschreibungen der Welt, wie paulaspock es so schön genannt hat, teilen, wenn diese für mich einfach logisch und analytisch betrachtet so keinen Sinn machen.

    Den von knopfspiel geposteten Twitter-Thread finde ich interessant, muss nur bei einem Punkt wieder ein bisschen widersprechen. Vieles von dem, was diese Person schreibt, finde ich sehr treffend. Allerdings: Sie schreibt „I don’t function in the cultural boundaries of „woman“ und solche Gedanken gehen mir persönlich sehr gegen den Strich, da ich es persönlich sinnvoller finde, Frau als primär biologische und nicht gesellschaftliche Kategorie zu sehen. Es ist zwar zweifelsohne derzeit eine sehr relevante gesellschaftliche Kategorie, aber für mich persönlich bedeutet jede Vorstellung von „cultural boundaries“ diesbezüglich eine Beschneidung der Möglichkeiten, was Frauen alles sein können. Ich persönlich fände die völlige Auflösung aller Vorstellungen von gesellschaftlichen Geschlechterkategorien ein erstrebenswertes Ziel, da ich derzeit das Gefühl habe, dass „Gender“ manchmal mit „Persönlichkeit“ verwechselt wird, weswegen ich mich als „gender critical“ sehe und in meinem Artikel damals als „agender cissexual“ bezeichnet habe (und nicht, wie es viele irrtümlicherweise gelesen haben, das Präfix „cis“ pauschal abgelehnt habe).

    Es würde mich sehr freuen, wenn sich in der queerfeministischen Szene die Erkenntnis durchsetzen würde, dass eine unterschiedliche Ansicht in manchen Punkten einem gemeinsamen Kampf gegen Diskriminierung nicht zwangsweise im Weg steht, sowie ein größere Wille, sich die Positionen anderer Personen (und die Gedankengänge, die dorthin geführt haben) genauer anzuhören, anstatt sofort wegen einzelner Reizwörter auf Angriff zu gehen.

    • „Frau“ und „Mann“ als primär biologische Kategorie aufzufassen exkludiert aber halt automatisch Transmenschen, die sich ja eben nicht mit dieser biologischen Kategorie identizieren. Das ist ein wunder Punkt für viele.

      (Ich glaube dir, dass du es nicht so *meinst* dass du Transmenschen exkludieren möchtest, aber ich kann mir auch mit viel Kopfzerbrechen keinen Weg vorstellen, bei dem dieser Ansatz nicht zwangsläufig dazu führt.)

      Ich kann nachvollziehen, woher der Frust kommt, ich hab ähnlich gedacht (und tu’s streckenweise immer noch) – eine Beschneidung der Möglichkeiten, was Frauen alles sein können, ist ja sowieso auch ein Problem (das auch Transfrauen trifft, die nicht den gesellschaftlichen Erwartungen von Femininität entsprechen wollen), das auch angegangen werden muss.

      Ich bin auch gender-critical in Bezug auf mein eigenes Geschlecht – aber kann ich daraus jetzt schließen, dass andere Menschen ihr Geschlecht nicht selbst definieren dürfen, auch in einer Weise, die ich nicht verstehe? Es scheint mir der respektvollere Weg zu sein, nicht von mir auf andere zu schließen, und eine große Pluralität an Geschlechtsidentitäten zuzulassen – tut für meine eigene Identität ja nichts zur Sache, es sei denn, ich fange an, mir einzubilden, ich hätte die Menschheit an sich verstanden. ;-)

      • Wenn du sagst:
        ‚“Frau“ und „Mann“ als primaer biologische Komponente aufzufassen exkludiert aber halt automatisch Transmenschen‘ –
        Was konkret meinst du damit?
        Wovon exkludiert es sie? Meinem Verstaendnis nach sollte es das Ziel sein, dass Menschen nicht diskriminiert werden, weder aufgrund ihrer Gender-Identitaet noch aufgrund ihrer Physiologie. Das impliziert, dass eine Zuordnung in eine dieser Kategorien keinen Effekt haette, und daher auch nicht exkludierend wirken kann.

        Ich glaube, das waere letztendlich auch ein sinnvoller Zugang zu der ganzen Thematik: Dass Geschlecht gesellschaftlich schliesslich vollkommen irrelevant wird. Sexualitaet und Fortpflanzung sind wieder ein eigenes Thema, die sind ohnehin schwerst von unserer jeweiligen Physiologie beeinflusst, die wir uns eh nicht aussuchen koennen. Da stellt uns die Natur sowieso vor vollendete Tatsachen, egal, welches Label wir da dann draufkleben.

        Wenn es das ist, worin sich Transmenschen diskriminiert sehen, also in der Sexualitaet, in persoenlichen Beziehungen, darin, als wie attraktiv sie von potentiellen Partner_innen gesehen werden, dann glaube ich nicht, dass sich das ueberhaupt aendern laesst. Sexualitaet und Anziehung sind halt extrem Koerper-bezogen, und die Problematik das betrifft keineswegs nur Transmenschen. Bei heterosexuellen Cis-Menschen ist es z.B. ein Nachteil, als Frau besonders gross oder als Mann besonders klein zu sein. Praktisch bei allen Menschen ist es ein Nachteil, alt zu sein, oder koerperliche Einschraenkungen zu haben. Es gibt da sehr viele koerperliche Faktoren, warum Menschen mehr oder weniger Chancen auf Akzeptanz bzw. Inklusion im sexuellen Konext haben. Ich glaube nicht, dass das jemals irgendwie so ablaufen wird, dass man es unserem Gerechtigkeitsverstaendnis nach als „fair“ bezeichnen koennte.
        Falls also das der Grund ist, warum Transmenschen sich exkludiert fuehlen – weil z.B. viele Heteros/Lesben/Schwule jeweils bestimmte Geschlechtsorgane bzw. eine bestimmte Physiologie erwarten – dann glaube ich nicht, dass die Zuordnung in die eine oder andere Kategorie daran irgendetwas aendern wuerde.

      • Wenn du sagst:
        “Frau“ und „Mann“ als primaer biologische Komponente aufzufassen exkludiert aber halt automatisch Transmenschen‘ –
        Was konkret meinst du damit?

        Danke punschkrapfen, eine sehr gute Frage! Das Problem ist, dass die Begriffe Frau und Mann seit Jahrtausenden Mensch mit Vulva respektive Mensch mit Penis bedeuten. Menschen, die „sich als Frau identifizieren“ und einen Penis haben respektive „sich als Mann identifizieren“ und eine Vulva haben (ohne Wunsch, dieses Geschlechtsorgan anzugleichen) gibt es erst (sichtbar) seit dem 20. Jahrhundert. Das schafft natürlich eine Dissonanz. Wenn Frau und Mann keine biologische Zuordnung mehr haben (dürfen), was bedeuten sie dann?
        Die Antwort ist unbequem: Nichts. Sie sind vollkommen unbrauchbar.
        Das soziale Geschlecht hat damit nämlich ebenfalls nichts zu tun: Menschen mit Vulva bekommen ein bestimmtes Verhaltensmuster anerzogen und Menschen mit Penis ein anderes. Menschen mit Intersex-Genitalien das was für ihre Umgebung am praktischsten ist (*schauder*). Jugendliche und Erwachsene können ihr Verhaltensmuster allerdings unabhängig von Biologie oder Identität teilweise oder ganz wechseln. Insofern macht es keinen Sinn, diese Verhaltensmuster mit Frau oder Mann zu bezeichnen. Daher vertrete ich, dass Frau und Mann immer Mensch mit Vulva respektive Mensch mit Penis bedeuten muss, da eine Abweichung einfach nicht funktioniert. Menschen, die „sich als Frau identifizieren“, eine Hormontherapie machen, aber ihren Penis behalten möchten bzw. „sich als Mann identifizieren“, eine Hormontherapie machen, aber eine Vulva haben möchten, brauchen eigene, neue Begriffe und wären dann zwei eigene Geschlechter. Das würde auch die gefühlte Diskriminierung von Trans-Menschen aufheben: Denn wenn aus einem Geschlechternamen eindeutig das primäre Geschlechtsorgan ablesbar ist, steht einer konsensuellen und respektvollen Verhandlung über sexuelle oder romantische Interessen keine Verwirrung mehr im Weg.

      • —Wenn du sagst:
        ‚“Frau“ und „Mann“ als primaer biologische Komponente aufzufassen exkludiert aber halt automatisch Transmenschen‘ –
        Was konkret meinst du damit?
        Wovon exkludiert es sie? Meinem Verstaendnis nach sollte es das Ziel sein, dass Menschen nicht diskriminiert werden, weder aufgrund ihrer Gender-Identitaet noch aufgrund ihrer Physiologie. Das impliziert, dass eine Zuordnung in eine dieser Kategorien keinen Effekt haette, und daher auch nicht exkludierend wirken kann.—

        Hm, ich dachte eigentlich das wäre klar. Wenn ich nicht in eine Kategorie zugeordnet werden möchte, mit der ich mich nicht identifiziere (und das auf der Ebene des sozialen Geschlechts) dann ist es egal, ob nach diesen Kategorien diskriminiert wird.

        Wenn ich beschließe, dass es fortan nur noch 4 Vornamen geben soll, nämlich Hans, Fritz, Franz und Frunz, und ich ein System überlege, anhand äußerlicher Merkmale eindeutig zu bestimmen, welchen Vornamen jemand hat… dann ist das trotzdem scheiße für jemanden, der dann sagt „aber ich *heiße* doch nicht so! nennt mich bitte bei meinem richtigen Namen!“

        Transfrauen z.B. sind grade erst dabei, sich zu erkämpfen, dass man sie überhaupt als Frauen sieht – „Transfrauen ist Frauen“ ist traurigerweise ein umstrittenes Statement – die Forderung, „Frau“ als biologische Kategorie zu verstehen, steht dem diametral entgegen. Es ist einfach nicht möglich, diese Definition durchzuziehen, ohne auf Transmenschen herumzutrampeln, und von daher verstehe ich auch, dass die Diskussion i.d.R. sehr emotional und aggressiv geführt wird. Das bedaure ich, aber wie gesagt, was ist anderes zu erwarten?

        —Ich glaube, das waere letztendlich auch ein sinnvoller Zugang zu der ganzen Thematik: Dass Geschlecht gesellschaftlich schliesslich vollkommen irrelevant wird.—

        Das streben afaik auch viele Transmenschen an. Aber das ist ferne Zukunftsspekulation, und hat nix damit zu tun, was wir *jetzt* an Begriffen brauchen.

        —Wenn es das ist, worin sich Transmenschen diskriminiert sehen, also in der Sexualitaet, in persoenlichen Beziehungen, darin, als wie attraktiv sie von potentiellen Partner_innen gesehen werden, dann glaube ich nicht, dass sich das ueberhaupt aendern laesst. —

        Das meinte ich nicht; aber: Ich glaube schon, dass sich das ändern lässt. Die Abneigung, die viele Menschen gegenüber sichtbaren Transmenschen haben, ist meiner Meinung nach hauptsächlich kulturell und anerzogen. (Schließe ich auch aus meiner eigenen Erfahrung, ich bin sehr cisnormativ aufgewachsen und hab diese Einstellung weitgehend verloren)

        Wir nehmen Menschen anders wahr, wenn wir andere Kategorien benutzen.

        —Menschen, die „sich als Frau identifizieren“ und einen Penis haben respektive „sich als Mann identifizieren“ und eine Vulva haben (ohne Wunsch, dieses Geschlechtsorgan anzugleichen) gibt es erst (sichtbar) seit dem 20. Jahrhundert.—

        „sichtbar“ ist hier ein nicht zu vernachlässigendes Schlüsselwort.

        —Das soziale Geschlecht hat damit nämlich ebenfalls nichts zu tun: Menschen mit Vulva bekommen ein bestimmtes Verhaltensmuster anerzogen und Menschen mit Penis ein anderes.—

        Das stimmt so nicht. Transmänner, die sich bereits im Kleinkindalter als Buben sehen, lernen von sich aus männliche Verhaltensmuster, sie werden *nicht* „weiblich sozialisiert“, aufgrund ihrer Genitalien, auch wenn die Umgebung sie als Mädchen wahrnimmt.
        Das soziale Geschlecht hat also offenbar weniger mit primären Geschlechtsorganen zu tun, als Menschen oft bewusst ist.

        Es ist imho ein Irrtum anzunehmen, dass etwas nicht existiert, nur weil es sich primär auf der kulturellen Ebene abspielt – ja, es ist ein Konstrukt, aber solange wir es konstruieren, ist es real.

        —Daher vertrete ich, dass Frau und Mann immer Mensch mit Vulva respektive Mensch mit Penis bedeuten muss, da eine Abweichung einfach nicht funktioniert.—
        Wieso funktioniert das nicht?
        Im heutigen Sprachgebrauch *sind* Mann und Frau bereits primär soziale Geschlechter. Nicht erst seit der Neuzeit. Solange Menschen nicht nackt herumlaufen und ihre Genitalien öffentlich zur Schau stellen, sind diese für den Umgang miteinander einfach nicht relevant.

        Dazu kommt, dass auch die Einteilung nach äußeren Merkmalen nicht ganz so eindeutig verläuft. Unsere Ideen, welche Kriterien das Geschlecht ausmachen, sind selbst wieder hinterfragbar. Eine biologische Einteilung ist immer anfechtbar – eine Einteilung nach Selbstidentifikation hingegen hat dieses Problem nicht; eins braucht nur zu fragen, fertig. :-)

        (sorry, dass ich im Moment so selten hier reinschau, um zu antworten, war die ganze Woche krank und nur hin und wieder munter genug für sowas^^)

  6. „sowie ein größere Wille, sich die Positionen anderer Personen (und die Gedankengänge, die dorthin geführt haben) genauer anzuhören, anstatt sofort wegen einzelner Reizwörter auf Angriff zu gehen.“

    oder auch das hier: „Unvorstellbar für mich, innovativ, humorvoll oder locker zu sein in einer Gruppe, wo Menschen wie Habichte auf jeden Fehler hinfahren und einen ausweiden.)“ von krawutzi.

    das ist es worum es geht denke ich. und ich glaube ehrlich gesagt auch, dass hier die theorien, begriffe, wörter und konzepte, die jeweils wie der inbegriff des bösen bekämpft werden, auf irgendeine art nur vorgeschoben sind. ich glaube ja, dass es schon lange eher eine verfahrene psychodynamik ist, die wir betrachten, als ein ernstzunehmendes konkurrieren von theorien, die unpersönlich(er) auf argumentative stärken und schwächen untersucht werden in form von debatten zb.

    alles wird distanzlos zum eigenen ich, als entweder unmittelbar freundlich oder feindlich einem selbst gegenüber eingestuft. hierbei spielen der gesamtkontext einer zb getätigten aussage oft keine rolle. das augenmerk wird darauf gerichtet, was eine person falsch ( = formal-sprachlich nicht queerkorrekt ausgedrückt) gesagt hat oder schlechtes gemeint haben KÖNNTE (die meisten konflikte basieren auf reinen unterstellungen..). und nicht darauf, was die person wirklich gesagt hat oder in einem gesamtzusammenhang eingebettet meint. das ist für mich keine zielgerichtete, konstruktive auseinandersetzung, sondern eine, wie ich es an anderen stellen schon mal formuliert habe, destruktiv-narzisstische dynamik. man wirkt moralisch erhaben (vgl. artikel), wenn man andere auf ihre moralischen fehler hinweist. wenn man andere abwertet, wertet man sich selbst dabei auf. das sind narzisstische mechanismen. aber kein politischer diskurs.

  7. in einem politischen diskurs werden (aber vielleicht bin ich hier oldschool) argumente ausgetauscht. es ist fast ein bisschen schwer für mich das zu sagen, weil ich auch das extrem davon, nämlich gefühle bei sowas komplett bei seite zu lassen, nicht gut finde. aber das andere extrem, nämlich nur mit gefühlen und interpretationen und impulsen auf reizwörter zu argumentieren, ist, neutral ausgedrückt, unzielführend und spaltend. manchmal hab ich den eindruck, dass der konflikt gesucht wird? bitte zu ende und den kontext lesen bevor eins mit faulen eiern wirft: denn mir kann kein mensch auf dieser welt erzählen, dass es wichtiger ist über wörter zu streiten, als über tatsachen, wie zb dass frauen auf diesem planeten zur engelmacherin immer noch müssen, ihre vaginas zugenäht werden, trans*personen umgebracht werden oder im „besten fall“ nicht mal die basalsten rechte genießen , kopftuchtragende frauen aus dem arbeitsmarkt de facto ausgeschlossen sind (sprich sich ihre eigene existenz nicht sichern können), auf vergewaltigung egal welcher person welchen geschlechts immer noch keine höhere strafe als 2-3 jahre gesetzt ist, stefanie sprengnagel mord- und vergewaltigungsdrohungen ausgesetzt ist wegen NICHTS, frauen mehr arbeit für weniger geld machen, trans*personen einen spießrutenlauf durchkämpfen müssen bevor sie ihr geschlecht angleichen dürfen, homosexuelle paare mit kindern rechtlich (und deswegen auch die kinder) nicht abgesichert sind, liste unendlich fortsetzbar…. ich weiß, dass es immer ein bisschen billig ist zu sagen, „das ist doch bitte wichtiger als dass…“ weil es immer um zusammenhänge geht. und ich sehe auch die wichtigkeit von gendersensibler sprache und verteidige sie oft genug vor diversen ignorant*innen, als beitrag einer allumfassenden bewusstseinsänderung, die sprache nun mal mit-bewirkt oder bewirken kann. aber ich stelle jetzt mal die leise und vorsichtige vermutung oder these in den raum, dass u.a. das oben aufgezählte einen grad mehr schwer wiegt, als …. wörter… und wie man sie kontextabhängig (!) gebraucht. oder aber solidarität zwischen all den menschen, die die angeführten verhältnisse aufrichtig ändern wollen, gemeinsam mit menschen, die das auch ändern wollen, egal welche worte sie dafür benutzen und egal ob und welche diskriminierungsformen auf sie zutreffen oder auch nicht. jede*r der*die für menschenrechte kämpft ist willkommen, das wäre meine policy. es stört mich und ich halte es ganz ehrlich für gefährlich dem ganzen feminismus und seinen implikationen gegenüber, wenn so getan wird, als wäre sprache die heilige kuh und wenn wir nur einfach sie ändern wird alles gut. sie ist ein teilaspekt und wichtig, aber nicht der bringer wie die welt für immer besser wird. ich traue mich zu behaupten, dass die schöne welt nicht eintreten wird, nur weil wir unsere sprache ändern. sie hat aber die hauptaufmerksamkeit. und die trump-welt da draussen wartet aber nicht bis wir uns zu ende gestritten haben. über wörter.

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