Realitäten eines introvertierten Menschen

Dass ich so einen Beitrag schreibe, überrascht mich. Mir war zwar klar, dass ich ziemlich eindeutig zu den Introvertierten zähle, aber ich hatte mich vorher noch nie in irgendeiner Ausführlichkeit unter diesem Blickpunkt betrachtet, zumindest nicht explizit. Es kam spontan, geradezu völlig anlasslos, gestern. Ich versuche seitdem irgendeinen Kausalzusammenhang zu dieser Inspiration zu finden, finde aber keinen. Dennoch drängt es sich mir auf und dann schreiben wir halt ein bisschen darüber.

Was ist das eigentlich, Introversion? „Introversion“ ist der schönere und eigentlich richtige Ausdruck für „Introvertiertheit“ oder umgangssprachlich „Schüchternheit“, wobei Introversion natürlich viel mehr einschließt und beschreibt als einfach nur schüchtern sein. Außerdem ist es natürlich nicht immer ganz eindeutig. Zum Beispiel denken die, die wissen, wer hier unter diesem Pseudonym schreibt, beim Gedanken an meine Person nicht unbedingt an einen introvertierten oder schüchternen Menschen. Introversion ist mehr als einfach nur in jeder Situation auffällig still zu sein oder rot anzulaufen, wenn man angesprochen wird. Man kann auch introvertiert sein ganz ohne dass man in jeder sozialen Situation eingeschüchtert und verklemmt ist, so wie man sich Schüchternheit wohl ganz allgemein vorstellt, als ihr oberflächliches Merkmal. Auch lässt sich Introversion nicht immer so eindeutig abgrenzen zu sozialer Phobie zum Beispiel, erhöhter Sensibilität oder narzisstischen Schädigungen, da sie auf komplexe Weise zusammenhängen oder einander verursachen und dann auch wieder nicht. Oft bereitet die Introversion sozusagen den Boden für diese Eigenheiten oder Schädigungen, manchmal auch umgekehrt, in jedem Fall aber interagieren diese Elemente miteinander, falls vorhanden. Das wird man in meinem Text zu diesem Thema auch heraus lesen können.

Im psychologischen oder tiefenpsychologischen Sinne beschreibt Introversion eine von zwei groben Ausrichtungen der Persönlichkeit, die vieles umschließen und zusammen fassen, wie sich jemand im Ungefähren die Welt erschließt und mit der Umwelt interagiert. C.G. Jung hat in seinem Persönlichkeitsmodell Extraversion und Introversion als die zwei Grundorientierungen des Charakters bestimmt. Wirklich sehr verkürzt gesprochen ist der*die Introvertierte nach innen gerichtet und der*die Extrovertierte nach außen. Das kennt mensch ja auch so. Die*der Introvertierte lebt in der geistigen Welt, ist eher zurückhaltend, interagiert eher als sekundäre Option mit Menschen und erschließt sich die Dinge von innen heraus, die*der Extravertierte lebt im Außen, interagiert ständig mit dem Außen und erschließt sich die Welt auch über das Außen. Um es an einem simplen Beispiel plakativ zu machen: Die extrovertierte Person fackelt nicht lange und fragt jemanden auf der Straße nach dem Weg. Die introvertierte Person studiert irgendeine Karte oder befragt Google Maps. So plakativ dieses Beispiel ist, so wenig streng sollte mensch es nehmen, es heißt natürlich nicht, dass jemand, der nach dem Weg fragt, grundsätzlich extrovertiert ist. Aber ich denke das Beispiel gibt recht gut Orientierung worum es geht oder auch das hier:

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Was das aber wirklich bedeutet, vor allem für Introvertierte in einer extrovertierten Welt (natürlich immer abhängig davon, wie stark die Introversion ausgeprägt ist), ist vielschichtiger und oft auch leidlicher als man sich denken mag. Da alles im Leben am Ende des Tages eine individuelle Sache ist, kann ich im Folgenden natürlich nur von mir sprechen und wie ich meine eigene Introversion erlebe, die deswegen individuell ist, weil sie mit vielen anderen Seiten einer Persönlichkeit in Wechselwirkung steht. Andere Introvertierte mit anderen seelischen Facetten, erleben wiederum ihre Introversion vielleicht ganz anders. Für jede*n heißt es eben etwas anderes.

Es heißt zum Beispiel ein sehr reiches Innenleben zu haben und dieses aber nur sehr spärlich zu teilen. Es heißt vor allem in der geistigen Welt zu Hause zu sein, mit menschlichen Kontakten eher schweren Umgang zu haben, distanziert und reserviert zu wirken, es heißt extrem viel Ruhe zu brauchen, dauernd Ruhe und immer das Gefühl zu haben zu wenig Ruhe bekommen zu haben, obwohl man noch vor Kurzem ganz viel Ruhe hatte. Es heißt oft auffällig still zu sein, sich mit der Unfähigkeit herum zu schlagen, selbst auf Leute zu zu gehen oder sich dauernd unterhalten zu müssen. Es heißt gelernt zu haben, sich sehr gut zu tarnen, indem mensch portionsweise Dinge von sich preisgibt oder einwirft, schnell irgendeinen Satz sagt während einer Gruppenunterhaltung, um die Sache nicht zu auffällig werden zu lassen und die restlichen 90% der Gedanken und Gefühle für sich zu behalten. Ich weiß eigentlich gar nicht so genau warum. Aber wenn ich hier an dieser Stelle darüber nachdenke, dann vermute ich es geschieht aus dem Glauben heraus, dass es für den Anderen einerseits zu viel ist und man sich aber andererseits dadurch auch angreifbar und verletzbar macht. Es liegt aber definitiv auch am Glauben, sich ohnehin nicht verständlich machen zu können. Alles ist einfach nur überbordernd, weil man den ganzen Tag nichts anderes tut, als über alle Inputs, die man den ganzen Tag über zum Verarbeiten bekommt, nachzudenken und die eigenen inneren Vorgänge und Gedankengänge zu beobachten und mitzuverfolgen, Möglichkeiten und Szenarien durchzuspielen, ob es nun um Persönliches geht oder Politisches oder Philosophisches oder Gesellschaftliches. Nichts anderes. Den ganzen Tag. Mit trotzdem tausend blinden Flecken natürlich, gefangen in der eigenen Wahrnehmung, und Brettern vorm Kopf, die einem erst im Gespräch mit anderen Leuten abmontiert werden. Zu denen mensch aber nur kommt, wenn mensch nicht gerade wieder mal allein sein muss.

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Es bedeutet auch, panische Angst davor zu haben, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, die in Konflikt tritt mit dem Wunsch, all die rasenden und hochtrabenden Gedanken nach außen zu transportieren, damit sie nicht mehr so weh tun im Kopf. Ich habe diesen Konflikt ganz gut gelöst über das Instrument des Schreibens. Ich vermittle meine Gedanken anderen Menschen da draußen, vor denen ich mich grundsätzlich fürchte, hinter der Maske eines Bildschirms. Mit viel Abstand dazwischen. Ohne jemandem dabei in die Augen sehen zu müssen oder spontan auf Kritik oder andere Statements reagieren zu müssen, etwas, das ich (vor Fremden oder eher Unbekannten) fast nicht kann. Es ist typisch für Introvertierte, dass sie auf Plattformen wie Social Media oder auch gleich auf einer Musikbühne sehr extravertiert auftreten und wirken, denn diese Kontexte geben einem einen „sicheren Raum“ um sich zu zeigen, weil man hier eine ganz bestimmte Rolle einnimmt und Maske trägt, hinter der man sich verstecken kann, und all die unterdrückten Wünsche wahrgenommen und gehört zu werden (die ja trotz allem da sind) sozusagen in einer Verkleidung befriedigen kann, die genug Distanz zum Gegenüber schafft.

Schon in der Schule war ich in allem hervorragend, was schriftlich zur Deutschlehrerin ging. Sobald es um verbale Mitarbeit ging, fiel ich massiv negativ auf durch absolute Stille. Ich hatte deswegen auch immer einen Konflikt mit dieser Lehrerin, die mich sehr schätzte und ich sie auch – kleiner Einwurf zu ihren Ehren: Sie hat mich in den Feminismus eingeschult, sowie die ganze Klasse und Schule und zwar heldinnenhaft unter den widrigsten Umständen und Widerständen, ich ging in Niederösterreich in ein tiefschwarzes Gymnasium zur Schule, wo Feminismus gleichbedeutend mit dem Satan war. Ich habe heute noch ein Bild von ihr an meiner Wand hängen und sie ist mir als Feministin so wichtig, wie sonst nur noch Simone de Beauvoir. Jedenfalls warf mir diese Lehrerin immer vor, dass ich nicht mitarbeite. Wenn sie mich fragte woran es liegt, antwortete ich ihr immer, dass mir nichts einfällt wenn sie etwas fragt. Wenn sie dem entgegnete, dass mir am Papier ja aber immer soviel einfällt, antwortete ich ja, weil mir am Papier plötzlich alles einfällt. Sie hielt das bis zu Schluss für eine Ausrede und hielt mich glaube ich einfach für zu arrogant um mitzuarbeiten.

Aber das stimmt nicht, es war keine Ausrede, es war tatsächlich so. Ich gerate in solchen Kontexten in eine Art Blackout-Zustand, wenn ich angesprochen werde oder ich aufgefordert bin, eine kluge Antwort oder ein kluges Argument einzubringen. In der Schule gings ja noch, da konnte man sich irgendwie mit diesem Problem durchschummeln, wirklich schlimm wurde es auf der Uni in Seminaren. Vor allem in Seminaren mit wenigen Leuten, wo jemand Stilles sehr auffällt und zwar negativ. Die Erinnerung daran ist immer noch so angstbesetzt für mich, dass ich gerade von den Tasten gegangen bin um mir die Hände vors Gesicht zu halten. Eben so eine Situation, ein Seminar, das über ein Semester lang dauerte und, ausgehend von der Lehrperson, von irrsinnigem Druck geprägt war, sich einzubringen, und noch dazu besiedelt war von grundarroganten, abgeschleckten jungen Kerlen, die verbal jede*n fertig machten, der*die in ihren Augen etwas „Dummes“ sagte, heimste mir eine schwergradige Depression ein, die über zwei Jahre anhielt, bis nichts mehr von mir übrig war. Gekoppelt an Panik-Angstzustände und Attacken. Natürlich gab es dafür noch mehr Ursachen, aber dieses Seminar war definitiv ein maßgeblicher Auslöser. Auch heute noch vermeide ich Kontexte, wo es darum geht, sich an Workshops oder ähnlichem zu beteiligen, ich gehe nur auf Vorträge wo ich anonym als Zuhörerin da sitzen kann, was sehr oft sehr schade ist, weil ich ein extrem interessierter Mensch bin und es mich in Wahrheit furchtbar reizt, mich einzubringen und meine Gedanken mitzuteilen und mitzureden, und ich an so etwas aber einfach nicht teilnehmen geschweige denn mich aktiv einbringen kann. Außer ich bin in einer sehr guten Verfassung oder es sind andere Bedingungen gegeben, die mich entspannter machen.

An dieser Stelle eine kleine Bitte an Lehrer*innen und Lehrende allgemein: Es gibt introvertierte Kinder (und auch Erwachsene) für die es jedesmal im besten Fall ein Minitrauma ist, wenn man sie vor versammelter Menge anspricht, um sie zu zwingen, Teil zu nehmen oder irgendwie anders Druck ausübt sich zu präsentieren oder verbal einzubringen. Diese Kinder oder Erwachsene nehmen Teil. Sehr intensiv sogar. Jeder Input wird tausendfach verarbeitet und weiter gesponnen und löst Lawinen an Gedankengängen aus, sie wollen oder können es nur nicht zeigen oder teilen. Einfach in Ruhe lassen und beurteilen, was sie euch nonverbal zeigen. Wenn man darauf achtet, wird man bemerken, dass das nämlich sehr sehr viel ist.

Das was ich hier in den letzten Absätzen über angstbesetzte Situationen zum Beispiel auf der Uni geschildert habe, geht möglicherweise über reine Introversion hinaus und korreliert wahrscheinlich mit einer sogenannten „weiblichen“ narzisstischen Schädigung, die viele Introvertierte haben. In der Psychologie nennt man es deswegen „weiblich“, weil meistens Frauen ihre narzisstische Störung nach innen richten, so dass es nicht wirklich wahrgenommen wird, während männliche Narzissten, die ihre vermeintliche Selbstverliebtheit groß zur Schau stellen, meistens sehr gut erkennbar sind (gestörter Narzissmus ist entgegen der umgangssprachlichen Auffassung das Gegenteil von Selbstliebe). Männer können allerdings natürlich genauso „weiblich-narzisstisch“ geschädigt sein, gerade wenn sie introvertierte Menschen sind. Beide „Methoden“ aber die narzisstische Störung auszudrücken, resultieren aus einem geschädigten Selbstwertgefühl gegenüber den eigenen Fähigkeiten und Grenzen und einem falschen oder fehlendem Selbstbild. Wenn ein introvertiertes Kind sich wiederfindet in einer lauten, extrovertierten Welt, die verlangt auch laut und extravertiert zu sein, oder noch schlimmer, sich gegenüber eines massiv extrovertierten großen Bruders wiederfindet, der nicht nur viel lauter und raumergreifender ist, sondern auf Grund des Altersunterschieds auch noch alles besser kann, ist es naheliegend, sich „falsch“ zu fühlen. Meine Introversion bedeutete als Kind in Kontrast zu so jemandem und der extrovertierten Welt ganz allgemein auch Ohnmacht. Wenn man sich lieber zurück zieht, als sich Raum zu nehmen und über die eigenen Gefühle zu sprechen, lernt man auch nie, seine Bedürfnisse gegenüber anderen durchzusetzen oder sich irgendwie zu behaupten. Unter anderem deswegen ist man auch am liebsten einfach alleine, wo man gar nicht erst in solche Situationen gerät.

Es können aber auch viel „harmlosere“ oder fast schon aberwitzige Dinge an der Introvertiertheit sein, als die fast schon oder definitiv traumatischen Schattenseiten daran. Wie zum Beispiel, dass mensch alle Mittel und Wege auf sich nimmt, um ja nicht in die Situation zu kommen, mit jemandem allein zu sein, den man nicht oder nicht gut kennt. Einmal habe ich eine kranke Katze erfunden, nur damit ich nicht mit jemandem im Auto mitfahren muss, den ich nicht gut kannte und allein den früheren Zug nehmen konnte, weil das arme Kätzchen auf mich wartet. Es war schweineheiß, der Zug stickig und dreckig, das Ticket teuer, ich musste umständlichst umsteigen um irgendwie Wien zu erreichen, aber alles war mir Recht und lieber als mich mit jemandem unterhalten zu müssen, der mir nicht vertraut ist und das ganz ohne Fluchtwege.

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Oder letztes Jahr, am letzten Arbeitstag vor Weihnachten, feierten Kolleg*innen mit Sekt und Cocktails in der Küche, die sich im selben Gang befindet wie mein Büro. Am Tag davor wurde ich auch explizit zu dieser Feier eingeladen. Schon da bildeten sich Schweißperlen auf meiner Stirn, denn ich kannte diese Kolleg*innen nicht besonders gut und mochte sie ehrlich gesagt auch nicht besonders von den oberflächlichen Eindrücken her. Den ganzen nächsten Tag schmiedete ich schon Pläne, wie ich dieser Feier unauffällig entkommen konnte, bedauerlicherweise hatte ich an diesem Tag auch fast keine Termine und dann ging es schon los. Ich hörte in umittelbarer Nähe meines Büros immer mehr sich versammelnde Stimmen, anstoßende Gläser, Gelächter, die Uhr tickte und je länger meine Bürotüre eiskalt zu blieb, desto mehr Leuten fiel auf, dass ich immer noch nicht da war. Meine Blase meldete langsam Entleerungsbedürfnisse an und außerdem musste ich ja früher oder später aus dem Büro, spätestens wenn es Zeit war heim zu gehen. Geplagt lief ich glaub ich 30 Minuten lang in meinem Büro auf und ab und horchte immer wieder, ob die Stimmen vielleicht leiser würden, aber es half alles nichts. Es gab keinen Ausweg und ich musste hinaus, natürlich hat man mich sofort wahrgenommen und hergewunken, mir ein Glas Schnaps in die Hand gedrückt, von dem ich nippend nur alle paar Minuten ein Schlückchen nahm, damit ich so lange wie möglich etwas zum Festhalten hatte. Natürlich war es genauso wie ich es mir schweißgebadet vorgestellt hatte, nämlich dass ich peinlich berührt irgendwo in der Ecke wie ein Schluck Wasser in der Kurve stehe und es nicht schaffe, mit irgendwem Smalltalk zu führen. Nach 10 Minuten Gesichtsbad bin ich wieder gegangen und hab beschlossen mir den nächsten Horror, nämlich vorm nach Hause gehen noch allen frohe Weihnachten zu wünschen, einfach nicht anzutun und mich wortlos davon zu schleichen.

Des Weiteren meide ich immer schon Outings. Und zwar vor allen, ganz egal wie liberal oder konservativ der betreffende Mensch auch sein mag, es ist ganz unabhängig davon. Meine Arbeitskollegin zum Beispiel, mit der ich am meisten und engsten zusammen arbeite und deshalb mit ihr am ehesten in der Situation bin, auch über Privates zu sprechen, ist wahrscheinlich eine der tolerantesten, liberalsten, menschenfreundlichsten und liebsten Menschen, die auf diesem Planeten umher wandeln. Einmal hat sie mir erzählt, dass sie ihren Sohn als er in die Pubertät kam immer bewusst gefragt hat „Und hast du schon eine Freundin oder einen Freund?“. Sie ist ihrem Sohn damit übrigens wahnsinnig auf die Nerven gegangen. Jedenfalls meide ich auch vor ihr, so wie vor allen anderen Menschen, für die Queersein nicht vollkommen normaler Alltag ist, mich zu outen, obwohl eine negative Reaktion absolut ausgeschlossen ist. Es geht nicht um die Angst vor einer negativen Reaktion, es geht um das Unbehagen überhaupt eine besondere Reaktion zu bekommen, es geht um das Unbehagen erhöhte Aufmerksamkeit mir gegenüber zu erzeugen. Noch dazu hinsichtlich eines intimen Themas. Ich vermeide private Gespräche überhaupt so weit wie möglich, und falls sie doch kommen, muss ich gerade zufällig aufs Klo oder würge das Gespräch durch andere Ablenkungsmanöver ab. Ich will bzw. kann mich, was Persönliches betrifft, nicht sehr vertrauten Menschen kaum zeigen oder etwas von mir preisgeben. Höchstens wenn ein Bier vor mir steht.

Prinzipiell kann ich mich am entspanntesten mit jemandem unterhalten, wenn ein Bier vor mir steht. Menschlicher Kontakt spannt mich sehr an, selbst wenn es sich um eine Person handelt, die ich gut kenne und mag. Das Bier gleicht diese Anspannung aus und setzt außerdem den Glauben frei, dass Gefühle und Gedanken auch unzensuriert/er geteilt werden dürfen. Generell ist gerade die Droge Alkohol unter Introvertierten extrem beliebt, was auch wirklich kein Wunder ist. Ich beteilige mich wenig bis gar nicht an Aktivitäten, die vielleicht eine Gruppe Freunde untertags unternimmt, offiziell weil ich faul bin, inoffiziell weil ich der damit verbundenen inneren Anspannung aus dem Weg gehe. Die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte, denn dass ich auch sehr faul bin, lässt sich ebenso wenig von der Hand weisen. funny-introvert-comics-75-574443b1994e3__700

Auch nicht von der Hand weisen lässt sich, dass ich genau so ein furchtbarer Typ bin, der in Gesellschaft immer wieder aufs iPhone schaut. Das passiert, weil ich nervös werde und zu abgelenkt bin von meinen eigenen, aufdringlichen Gedanken, so dass ich dem Gespräch nicht mehr folgen kann. Das Zücken des Handys erfüllt hier gleich zwei Funktionen: Erstens kann ich damit kurz im Buchstabenmeer pausieren, das mir grundsätzlich angenehmer ist als das Stimmenmeer, und zweitens ist mit dieser Geste offiziell das Smartphone Schuld daran, dass ich mich nicht auf die Erzählungen und Gespräche der anderen konzentriere. Übrigens sind das alles natürlich unbewusste Vorgänge, das sind keine Strategien, die man in solchen Situationen bewusst anwendet. Es wird mir bewusst, wenn ich einen Artikel über meine Introvertiertheit schreibe. In der Situation selbst läuft das automatisiert und beiläufig ab.

Eine der wirklich spektakulärsten Erfahrungen, die ich vor dem Hintergrund dieser immensen geistigen Nervosität und damit meist auch körperlichen Anspannung immer wieder mache, ist das Feedback von anderen Leuten, dass ich locker, gelassen und cool wirke. Ich habe das wirklich schon mehrmals von ganz unterschiedlichen Leuten unabhängig voneinander gehört. Dass mich nichts aus der Ruhe zu bringen scheint und ich so einen lässigen Umgang habe. Ganz auf der Schiene einer Introvertierten korrigiere ich diesen Eindruck meist nicht. Ganz offenbar strahle ich etwas völlig entgegen gesetztes zu meinem Innenleben aus, was kein Zufall sein kann. Manchmal bin ich so nervös und unruhig, dass ich echte Sorge habe, seltsam und getrieben auf andere zu wirken. Es ist aberwitzig dieses Feedback meiner gegenteiligen Ausstrahlung zu bekommen, jedes Mal aufs Neue. Mensch darf sich das alles natürlich nicht als etwas Ununterbrochenes und Absolutes vorstellen. Natürlich bin ich manchmal auch wirklich entspannt, kontaktfreudig und locker. Garnicht so selten. Wahrscheinlich sogar öfter als es mir selbst vorkommt. Das alles hier ist mehr wie eine Tendenz der Persönlichkeit zu lesen und zu verstehen. So wie auch das Folgende wenn es um Liebesbeziehungen geht:

Aus Introvertiertheit resultiert auch Passivität in Konfrontation mit anderen Menschen. So ist noch jeder Mensch, mit dem ich eine Beziehung führte, auf mich zugegangen und zwar vehement. Denn das ist notwendig, erstens bin ich so sehr im Kopf unterwegs, dass ich überhaupt nicht wahrnehme oder verstehe, wenn Leute auf welche Art auch immer Interesse an mir zeigen. Wie oben schon gesagt – hier ist überall ein bisschen Übertreibung und Überspitzung mitzudenken, wäre das alles in seiner Absolutheit so wie es da steht, wäre ich, denke ich, Autistin, was ich nachweislich nicht bin. Jedenfalls bin ich zweitens umgekehrt viel zu schüchtern um auf jemanden zu zu gehen, die wiederum mir gefällt oder auch nur irgendwie Interesse zu zeigen. Die paar Male, die ich es versucht habe, war meine gespielte Selbstsicherheit dabei für mich so unauthentisch, dass ich es sehr bald einfach wieder habe sein lassen, obwohl es teils und sehr erstaunlicherweise sogar Erfolg hatte, aber wem bringt denn das, jemandem etwas vorzuspielen, was man nicht ist? Und dafür diese unerträglich unangenehmen Selbstentfremdungsmomente auf sich zu nehmen.

Eine ehemals gute Freundin und übrigens auch Ex-Freundin sagte einmal den für mich mittlerweile legendären Satz zu mir: „Vor dir könnte eine Frau nackt tanzen und du würdest nicht kapieren, dass sie was von dir will“. Legendär, weil es so sehr stimmt(e) und ich bevor sie das sagte aber keinerlei Bewusstsein darüber hatte. Ich hatte auch keine gegenteilige Vorstellung, wie dass ich einfach für alle Menschen uninteressant und unattraktiv bin, ich hatte einfach keine Vorstellung, weil ich diese Art von menschlicher Interaktion grundsätzlich nicht verstehe. Niemand würde mir glauben, wie oft und lange und verzweifelt ich darüber nachdenke, was menschliche Interaktionen überhaupt sollen und wie sie funktionieren und komplett steige ich aus beim Thema was um Himmels Willen sexuelle und/oder amoröse Interaktionen sollen. Worauf hinaus denn? Wozu? Ich verstehe es so wenig, dass ich nicht mal meine Fragen dazu oder was genau ich daran nicht verstehe formulieren kann. Gleichzeitig bin ich aber das Gegenteil dieser Gedanken, ich hänge an denen, die mir nah und lieb sind wie ein Baby, liebe sie ganz innig und bin auch sehr bedacht und liebevoll mit ihnen, weil es so aus mir heraus kommt durch mein Naturell eines Kuscheltiers.

Aus dem Umstand übrigens, dass man auf mich sehr aktiv zu gehen muss und man mir Interesse im Grunde eigentlich entweder wirklich explizit verkünden oder auf andere Art so deutlich zeigen muss, dass sogar ich es nicht mehr übersehen kann (mittlerweile würde ich mir was dabei denken, wenn eine nackte Frau vor mir tanzt, es passiert halt nur nie), resultiert auch, dass ich immer an sehr offensive und fordernde Frauen gerate. Die mich dann in unserer Beziehung mit ihren Bedürfnissen nach großem Gefühlskino, regem Austausch und ihrer Impulsivität und Aktivität drangsalieren, was mich zart besaitetes Vaserl dermaßen überfordert und an meine Grenzen bringt, dass es ungefähr auf die Art auch wieder auseinander geht. Wieder eine andere Ex-Freundin sagte einmal zu mir, dass sie sich sogar über „Wutausbrüche“, die ich hatte, gefreut hat, Hauptsache sie konnte endlich mal sehen wie es mir geht. Das ist heute alles übrigens schon viel besser geworden. Glaube ich. Trotzdem würde meine Traumbeziehung so aussehen: 5eb8969b89fe55592f965fa000b30c74

Die Introvertiertheit hat aber auch gute Aspekte. Zum Beispiel ist man durch sie sehr genügsam. Die Erfüllung ist für mich ein Stuhl, ein Schreibtisch, irgendein Schreibinstrument, Google und ein optionales Bier. Mehr brauche ich vom Leben nicht. Das wäre mein Dasein, das wäre mein Glück! Das Leben zwingt mich eher dazu etwas anderes auch noch zu tun, leider. Aber wenn ich könnte wie ich wollte, sehe ich mich selbst in einem kleinen gemütlichen Raum Texte schreiben und mir die Welt ausschließlich durch mein geistiges Auge hindurch anschauen. Wer braucht schon Reisen oder Ausflüge oder Sport oder Konzerte oder Theatervorstellungen oder persönlichen Kontakt, es gibt Internet!

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Im Grunde genommen ist ein schöner Aspekt der Introversion auch all diese Dinge wie intensive, gelebte Emotionen oder die Freude an einem blühenden Baum durch andere mit-zu erleben. Es ist für mich jedesmal wie ein kleines Wunder, wenn ich den Gefühlsausbruch eines Menschen miterlebe und mit-begreifen kann und es ist jedesmal ein faszinierendes Erlebnis, wenn ich mitbekomme und wahrnehme, dass meine Präsenz oder Worte oder Handlungen bei jemandem ein gutes Gefühl bewirken. Das macht mir große Freude und macht mich stolz und ich behaupte, dass ich das intensiver erlebe als jemand für den diese Übertragungen zwischen Außenwelt und Innenwelt selbstverständlich sind. Für jemanden, der ständig nur im Geist unterwegs ist und warum auch immer sozusagen ab und zu, mal kürzer, mal länger, in der „anderen Welt“ auf Besuch ist, sind diese Eindrücke, ja, sehr eindrücklich eben und vor allem in der zwischenmenschlichen Dimension sehr interessant und auch rührend.

Für mich sind diese Dinge nicht selbstverständlich, weil ich normale, menschliche Reaktionen nicht als selbstverständlich voraus setze. Wenn jemand zum Beispiel einem anderen auf den Kopf haut und der andere ihn darauf hin anschreit und vielleicht auch attackiert, dann sitze ich da und frage mich: warum? Warum schreit er und attackiert zurück, also warum ausgerechnet diese Reaktion neben so vielen anderen möglichen Reaktionen oder auch der Möglichkeit gar nicht zu reagieren? Das Gleiche in Liebesfragen. Warum? Warum verlieben wir uns und gehen Beziehungen ein, wo es doch überhauptnicht nötig ist? Natürlich kann ich mir selbst diese Frage damit beantworten, dass wir Menschen sind und der Mensch als psychisches Wesen solche Reaktionsschemata zeigt, um sich abzugrenzen zum Beispiel und klar zu machen, dass man ihm nicht einfach so auf den Kopf hauen kann ohne Konsequenzen, oder dass sich die Liebe über die vielen und langen Wege der Evolution aus einer komplexen Verflechtung zwischen Sexualtrieb und der sozialen Natur des Menschen ergeben hat, wo andere Menschen und ein enges Verhältnis zu anderen Menschen die Überlebensnotwendigkeit schlecht hin sind, sozusagen so wie für Fische die Kiemen die Lebensnotwendigkeit schlecht hin sind. Aber es bleibt für mich immer abstrakt und nicht ganz begreifbar warum wir Menschen, inklusive mir selbst, so reagieren und ich verschwende viel Zeit damit diese Dinge dauernd in Frage zu stellen. An solchen Stellen machte meine Therapeutin immer den vulkanischen Gruß und sagte „Guten Abend Mr. Spock“ zu mir.

Das waren alles nur einige wenige Beispiele an Vorgängen und Situationen, ich könnte noch viel länger weiter machen. Und wie eingangs schon gesagt überschneiden sich die introvertierten Persönlichkeitszüge natürlich mit vielen anderen Facetten des eigenen Seelenlebens, so dass es unmöglich ist alles fein säuberlich von einander getrennt zu schildern, aber vielleicht haben sich ja trotzdem in einigen Aspekten andere wieder gefunden. Für alle anderen Spocks da draussen, ich lese gerade zum zweiten Mal ein Buch: „Gefühle & Emotionen. Eine Gebrauchsanleitung“, das ich sehr empfehlen kann. Danke fürs Lesen. Und bis bald. Schönes Wochenende.

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[ist auch Autorin des Blogs „Paula Spock“ zu Feminismus und Antisemitismus, den du unter www.paulaspock.com findest und hier auf Facebook folgen kannst]

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2 thoughts on “Realitäten eines introvertierten Menschen

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