Kopftuch bitten müssen

Vor kurzer Zeit sorgte folgender Satz von Bundespräsident Alexander van der Bellen für Aufregung: „Und wenn das so weitergeht, bei dieser tatsächlich um sich greifenden Islamophobie, wird noch der Tag kommen, wo wir alle Frauen bitten müssen, ein Kopftuch zu tragen. Alle, als Solidarität gegenüber jenen, die es aus religiösen Gründen tun.“

Dazu ist vorweg zu sagen, dass unterschiedliche Medien, sowie die immer hauptverdächtige Social Media unglaubliches aus diesem Satz gemacht haben, allem voran, dass Van der Bellen Frauen in Zukunft eine Kopftuchpflicht auferlegen will, lächerlicher geht es kaum und natürlich freuten sich auch FPÖ-Nahe immens über den perfekten Anlass sich wieder mal gezielt dumm zu stellen, um dem sowjetischen Spion und Volksverräter das Etikett eines Salafisten hinzu zu fügen. Zumindest bleiben die FPÖler sich immer treu dabei sich selbst an die Wand zu stellen als Partei und Wähler*innen mit den billigsten der billigen Propagandastrategien, man sollte eigentlich nie wieder ein Wort darüber verlieren, das verleiht ihnen viel zu viel Anerkennung.

Auch vorweg möchte ich sagen, dass mein Eindruck ist, dass Van der Bellen vor allem auf die Gewalt gegen Frauen mit Kopftuch aufmerksam machen wollte um sich klar dagegen zu positionieren, was ich als Intention und Handlung eines Menschen im höchsten Amt des Landes großartig finde und wofür ich ihm dankbar bin.

Hier in diesem Beitrag möchte ich aber darlegen warum Van der Bellens Vorschlag sich mit muslimischen Kopftuchträgerinnen zu solidarisieren, in dem frau selbst das Kopftuch aufsetzt, trotz allem äußerst unelegant ist.

Zuerst das Offensichtliche: Van der Bellen redet davon, dass „wir“ alle Frauen – er betont dabei „alle“ mit fast väterlicher Strenge – bitten werden müssen sich ein Kopftuch aufzusetzen. Dieses „wir“ in Abgrenzung zu den Frauen an die appelliert wird, kann dann wohl ja nur die Männer meinen. Er zieht damit also erstens alleine Frauen in die Verantwortung für ein Problem gerade zu stehen, dass die Gesellschaft, insbesondere die Männergesellschaft, als gesamtes verursacht und das zweitens mit einer Methode, die vielen, wahrscheinlich sehr vielen, Frauen nicht besonders angenehm ist.

Nichts weniger zu verlangen, als dass Frauen sich ein religiöses Symbol um den eigenen Leib binden sollen, das in unterschiedlichen geopolitischen Kontexten als Unterdrückungsinstrument gegen genau diese Frauen dient, ist doch gelinde gesagt eine ziemliche Anmaßung eines Mannes. Vor allem weil er sich selbst dabei fein raus nimmt, sowie alle anderen Männer auch. Es spricht nämlich absolut nichts dagegen, dass Männer ebenso Solidarität Kund tun, in dem sie sich ein Kopftuch aufsetzen, so fern es als Akt der Solidarität gemeint war, so wie es Van der Bellen selbst explizit ausweist: „als Solidarität gegenüber jenen, die es aus religiösen Gründen tun.“ Dies sage ich dazu, da auch das Argument existiert, er habe es als taktische Maßnahme gemeint um Angreifer zu verwirren, weswegen das Argument der Miteinbeziehung von Männern schwächeln würde. Auch auf diese Betrachtung des taktischen Vorgehens, werde ich weiter unten noch eingehen.

Mir ist unklar, wie es zu so einer Aussage kommen konnte, ich hätte Van der Bellen zugetraut, dass er so viel Reflexionsvermögen besitzt um zu erkennen, dass hier klassische misogyne Mechanismen gebraucht werden: Etwas läuft schief. Und Frauenkörper werden heran gezogen um das Problem über eben diese zu spielen. Und die Lösung findet auch am Frauenkörper statt, ungeachtet dessen was Frauen selbst davon halten. Von Männern wird nichts verlangt dazu beizutragen, sie schaffen nur an was zu tun ist. All diese Kriterien einer sexistischen Ansage erfüllt Van der Bellens Aussage, mit und ohne Kontext – da ja im Zuge der Diskussion oft kritisiert wurde, man habe seine Aussagen aus dem Kontext gerissen und deswegen missverstanden. Ich habe mir den Kontext sorgfältig zugeführt, so wie ich es immer, noch bewusster als früher, tue, seit es die Unart Nr. 1 geworden ist von rechten und linken Menschen mit bloßen und unwahren Unterstellungen zu diffamieren, in dem man Hintergründe und Kontexte von Aussagen sorgsam bei Seite lässt (um des Diffamierens Willen, es ist quasi zum Sport geworden) – leider relativiert der Kontext in diesem Falle aber die Aussagen des Präsidenten nicht.

Ich kann hier natürlich niemals für andere Frauen sprechen, sondern nur für mich und davon was ich von meinem weiblichen Umfeld weiß: Die Vorstellung den eigenen Kopf zu verhüllen als Mensch, dem so etwas fremd ist und der keinerlei spirituelle oder andere persönliche Bezüge dazu hat, löst zumindest in mir großes Unbehagen aus. Alleine der Gedanke daran beklemmt mich über die Maßen – mich persönlich, ohne damit diese Gefühle in andere zu projizieren, die sich gut und richtig mit Kopftuch fühlen. Ich fühle mich übrigens auch beim Gedanken daran High Heels zu tragen über die Maßen beklemmt und muss dabei trotzdem Frauen, die diese gern tragen, nicht unterstellen, dass irgendwas daran verkehrt sei. Gleichzeitig empfinde ich es ebenso wie Alexander van der Bellen unerträglich, was kopftuchtragende Frauen sich ständig von dieser Gesellschaft gefallen lassen müssen. Ich würde mich jedoch gerne für eine andere Methode entscheiden mich mit ihnen zu solidarisieren.

Übrigens, weil ich gerade von Entscheidungen schreibe: es ist geradezu lächerlich Van der Bellen zu unterstellen, er wolle Frauen in Zukunft ins Kopftuch zwingen, denn nein, „bitten müssen“ heißt nicht „zwingen müssen“, es heißt bitten, so wie es da steht und er es sagte, nachprüfbar auf Videos und Transkripten, verfügbar überall im Netz. Van der Bellen hat mit keiner Silbe angedeutet so etwas gut zu heißen und schon gar nicht es als Pflicht zu verlangen. Jedoch bringt er mit seinem Vorschlag Frauen wie mich in Verlegenheit und ich denke, dass es vielen anderen Frauen auch so ginge: Das nicht-Aufsetzen des Kopftuchs könnte mir als Solidaritätsverweigerung ausgelegt werden. Ich möchte mich aber dezidiert solidarisieren. Meine kleine Schwester brachte es gut auf den Punkt: „Denn sollte es einmal zu dieser Bitte kommen, bin ich plötzlich in der Lage, dass das Nichttragen eines Kopftuchs plötzlich als Nicht-Solidarität verstanden werden könnte. Dabei gibt es beides (und das ist das Problem an dieser Geschichte): es gibt Frauen, die das Kopftuch aus Überzeugung tragen, und es gibt Frauen, die sich wünschten, es ablegen zu dürfen. Und ich will mich beiden Gruppen gegenüber solidarisch zeigen.

Und in Sekundenschnelle haben Frauen wieder alle möglichen Bürden und Hürden, um für eine komplexe, gesamtgesellschaftliche Misslage Farbe zu bekennen. Die Misogynie besteht darin, dass es explizit nur von Frauen verlangt wird, wo Männer diese Geste genauso gut ausführen könnten, hierbei darf ich mich selbst aus einer Facebook-Diskussion zitieren: „meiner bescheidenen meinung nach wäre das nämlich auch nochmal wirkungsmächtiger und männer können es auch unverfänglicher tragen, weil es für sie mit keiner realen, sie potentiell betreffenden patriarchalen repression psychisch verbunden ist„. Ich glaube nicht, dass Van der Bellen es ausschließen würde sich selbst ein Kopftuch aufzusetzen um die genannte Solidarität zu bezeugen, vielleicht reagiert er auf die Aufregung um seine Aussagen ja sogar mit so einem Statement. Von dem aber, was wir bisher wissen, richtete er sich nur an Frauen, die die Verantwortung gegen Gewalt an Frauen übernehmen sollen. Das ist ähnlich paradox und frech wie der Vorschlag, dass Frauen nachts besser nicht mehr aus dem Haus gehen sollten oder nur mit männlicher Begleitung. Hier wird die Verantwortung unbegründet nur den Frauen angelastet. Desweiteren liegt der misogyne Moment im geforderten Akt selbst: nicht weil ich das Kopftuch per se für ein sexistisches Symbol halte, aber weil es ganz direkt meinen Körper betrifft, dringt so ein Vorschlag in meine intimsten Sphären ein, er „bittet“ mich damit meine ureigenste Person, meinen intimen Radius, auf den Punkt gebracht mein Gesicht instrumentalisieren zu dürfen um, überspitzt gesagt, Männer davon abzuhalten Frauen zu schlagen. Ich hoffe ich muss nicht weiter schlussfolgern warum das absolut abstrus, skurril, paradox und einfach nur grundfalsch ist, weil die Lesenden das hoffentlich selbst erkennen.

Doch weiter in den Argumenten. Ich hatte hierzu, wie schon erwähnt, eine interessante Diskussion auf Facebook, wo ein Diskutant die Meinung vertrat, dass Van der Bellens Vorschlag viel eher als taktische Maßnahme zu verstehen ist, als als Solidaritätsbekundung. Die Taktik verfolge hierbei das Ziel Verwirrung zu stiften, so dass die Angreifer nicht mehr unterscheiden können ob sie eine „heimische“ oder eine muslimische Frau attackieren und es insofern Sinn mache, dass nur Frauen das Kopftuch aufsetzen. Daher rührt auch Van der Bellens Vergleich mit dem Davidstern, der übrigens eine Falschaussage enthält: Die Dänen klebten sich keinen Davidstern auf, der König legte allen Dänen lediglich nahe es als Maßnahme zu tun, falls es die Situation verlangt, das kann man hier nachlesen.

Angenommen also der Herr Bundespräsident meinte es nicht als solidarischen Akt (trotzdem er es explizit als solchen in seinem Satz auswies), sondern als eine solche Verwirrungstaktik um Muslim*innen vor Gewalt zu schützen: Damit dies nachhaltig der Fall ist, müssten alle Frauen ebenso nachhaltig das Kopftuch tragen. Es bedeutete also die langfristige de facto Verschleierung aller Frauen in Österreich. Ich weiß nicht ob das im Sinne der Sache ist, denn ein moralischer Zwang ist auch ein Zwang und Frauen müssten auf diesem Wege wiedermal über ihren Körper Missstände dieser Gesellschaft ausgleichen. Ich glaube und traue mich zu behaupten, dass eine solche Option für die meisten Frauen in diesem Lande wohl keine Option ist. Also vorausgesetzt natürlich man fragt sie und nimmt Rücksicht darauf, was ihnen denn Recht wäre.

Des Weiteren bin ich müde um die ewigen Judenverfolgungsvergleiche. Es gibt unzählige Gründe warum solche Vergleiche, die auch in anderen Kontexten immer wieder vorkommen, meistens oder eigentlich so gut wie immer völlig unzulässig sind. Juden waren dazumals vollkommen entrechtet, sie waren gesetzlich ungefähr so gestellt wie Tiere, sie wurden vergast und ihre Geschäfte zerstört – ich meine doch behaupten zu können, dass wir davon zum Glück meilenweit entfernt sind. Ja, man soll den Anfängen wehren, noch ist aber die Gewalt nicht so eskaliert wie damals und rechtlich betrachtet gibt es keine Spur in Österreich von ähnlichen Zuständen. Und bis es so weit wäre, fallen zumindest mir einige andere Taktiken ein es gar nicht erst soweit kommen zu lassen bzw. einzuschreiten, als von Frauen, die das nicht wollen, zu verlangen, sich zu verschleiern.

Eines muss ich Van der Bellen aber lassen, wie eingangs schon erwähnt und ich unterstütze das: Er hat Gewalt an muslimischen Frauen mit Kopftuch sichtbar gemacht und zur Diskussion gestellt, was wirklich überfällig ist. Es müsste viel mehr in diese Richtung passieren und ich rechne es ihm hoch an, dass er sein Amt als Bundespräsident dafür genutzt hat. Ich bezweifle, aus dargelegten Gründen, seine methodischen Vorschläge, aber das erscheint mir hier zu Schluss fast schon als Eitelkeit hinsichtlich der unerträglichen Demütigungen, die kopftuchtragende Frauen hier zu Lande und auch an vielen anderen Orten dieser Welt, ertragen müssen. Das muss aufhören. Und ich danke Alexander van der Bellen, dass er zumindest eine Debatte darüber ausgelöst hat, auch wenn er mit hoher Wahrscheinlichkeit unbeabsichtigt durch seinen provokanten Vorschlag leider wieder ungewollt davon abgelenkt hat.

Gewalt gegen kopftuchtragende Frauen hat die letzten Jahre massiv zugenommen. Und es liegt an uns allen dafür Verantwortung zu übernehmen. Mit Zivilcourage zum Beispiel. Sagt einer der feigsten Menschen überhaupt auf dieser Welt – aber es gibt auch Möglichkeiten für feige Menschen couragiert und nützlich zu handeln. Zum Beispiel andere um Hilfe bitten oder einfach die angegriffene Frau in ein Small-Talk Gespräch zu verwickeln, diese Strategie wirkt angeblich sehr gut um Angreifer die Lust zu nehmen weiter zu mobben. Und an uns nicht kopftuchtragende Feminist*innen: Man kann das Kopftuch als Symbol nicht einwandfrei finden und trotzdem dagegen sein und dagegen wirken, dass Frauen mit Kopftuch diskriminiert und angegriffen werden. Die Grenzen zur sachlichen Debatte sind manchmal nicht leicht zu ziehen, sehr oft aber ist dennoch sehr gut erkennbar, wenn Grenzen überschritten werden und eine persönliche Abneigung oder Projektionen mit antidiskriminierenden Zielsetzungen begründet werden. In manchen politischen Kontexten ist es Unfreiheit das Kopftuch zu tragen und in manchen Freiheit. Das muss intellektuell jede*r aushalten können.

die göttinnenspeise

aka

paulaשspock

[dieser Beitrag erschien original auf http://www.paulaspock.com, mein eigener Blog zu den Themen Feminismus und Antisemitismus. Du kannst Paula Spock hier auf Facebook folgen.]

One thought on “Kopftuch bitten müssen

  1. Sehr gut auf den Punkt gebracht und die komplexen Umstände entwirrt, auseinandergenommen und jeweils für sich beleuchtet.

    „Und an uns nicht kopftuchtragende Feminist*innen: Man kann das Kopftuch als Symbol nicht einwandfrei finden und trotzdem dagegen sein und dagegen wirken, dass Frauen mit Kopftuch diskriminiert und angegriffen werden.“

    Genau das. Ich finde das Kopftuch eine problematische Sache und möchte die problematischen Aspekte nicht verharmlosen. Ich finde aber auch so manche Dinge problematisch, die nicht-muslimische Frauen machen (müssen) weil sie in unserer Gesellschaft erwartet werden. Und ich kann Dinge problematisch finden und trotzdem dagegen sein, dass betroffene Frauen deswegen angefeindet und angegriffen werden.

    „Das muss intellektuell jede*r aushalten können.“

    Word.

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