„Das hier ist die Damentoilette!“ -Wie Frisuren die Wahrnehmung verändern: Eine humoristische Betrachtung

Ich habe mir die Haare abrasiert. Nicht aus einer Laune heraus, keine spontane betrunkene Aktion, auch kein Nervenzusammenbruch. Ich habe lange überlegt, und dann war ich dafür doch tatsächlich beim Frisör, acht Millimeter bitte. Seitdem verwirre ich meine Umgebung, was vor allem daran liegt, dass sie mich für einen circa 15-jährigen Typen hält. Und nein, als ich Männerkleidung getragen habe, genauso groß war wie jetzt und auch über die gleichen disproportional breiten Schultern verfügt habe, aber noch schulterlange Haare hatte, ist mir das nicht passiert. Am interessantesten wird es dort, wo Männer und Frauen streng getrennt zu existieren haben: Umkleidekabinen, und natürlich die öffentlichen Toiletten. Manchmal kommt man nicht umhin, sie zu frequentieren, und ein schönes Erlebnis war das ohnehin noch nie. Aber geht man einmal aussehend wie ein 15-Jähriger auf die Damentoilette; der Spaßfaktor steigt ins Unendliche.

Es soll ja diese Sorte von Menschen geben, die sich hartnäckig davor drücken, auf ein öffentliches Klo gehen zu müssen, weil das ja so unhygienisch ist (spontan fällt mir hier meine Oma ein, die bereits Tage, bevor sie das Haus für mehr als zwei Stunden verlassen muss, eine Flüssigkeitsdiät beginnt, damit sie unterwegs nicht aufs Klo muss, wo Bakterien, Krankheiten, etc. lauern). Kurz hatte ich überlegt, mich dieser Sorte Menschen anzuschließen, aber bekanntlich muss man seine Ängste konfrontieren, sonst wird das Leben zu einem einzigen Spießrutenlauf. Also los, zwei große Bier auf ex, und dann sehen wir weiter.

Was jedes Mal passiert, wenn ich die Tür zum Toilettenraum öffne: Sofern sich darin auch nur eine einzige Person befindet, werde ich gemustert, verstohlen oder unverhohlen. Man muss dazusagen, dass ich nicht gerne Aufmerksamkeit auf mich ziehe und schon gar nicht gefällt es mir, kritisch gemustert zu werden. Dementsprechend erschrecke ich darüber, jemanden anzutreffen, weil ich genau weiß, was kommt. Mindestens genauso erschrickt sie darüber, mich an diesem Ort anzutreffen. Das trägt natürlich nicht gerade positiv dazu bei, dass ich als legitime Benützerin dieser Toilette angesehen werde. Viele sind sich anscheinend nicht sicher, wo sie mich einordnen sollen, oder einfach zu schüchtern, um mich darauf hinzuweisen, dass ich mich wohl in der Tür geirrt habe. Sie tun folglich weder ihre Verwunderung kund, noch sprechen sie mich an.

Ein kleinerer, aber immer noch beträchtlicher Teil tut dies allerdings. Ich unterstelle hier nicht, dass irgendjemand von ihnen mich angesprochen hat, um sich in meine Angelegenheiten (konkret die, welches Klo ich benutze), einzumischen, oder in einer sonstigen bösen Absicht. Viele Menschen haben in ihrem Leben wohl noch keine zwei Sekunden darauf verwendet, darüber nachzudenken, ob sie die Damen- oder die Herrentoilette verwenden sollen. Oft ist es ihnen noch nicht einmal in den Sinn gekommen, welche Probleme die Zweiteilung der Menschheit für manche mit sich bringt. Sie wollen mich also auf meinen „kleinen Fehler“ aufmerksam machen, nichts weiter. Manchmal würde man sich aber etwas mehr Aufmerksamkeit von seinen Mitmenschen wünschen. Oder man fragt sich, je nach Gereiztheit, warum man genau diese Menschen just an diesem Tag antreffen musste.

Zunächst also die Blicke. Mit der Zeit gewöhnt man sich eigentlich daran, nur an manchen Tagen will man immer noch im Boden versinken.  Allerdings gibt es dann auch Menschen, die sich gerne durch Worte oder auffälliges Verhalten bemerkbar machen. Hier möchte ich einige Typen dieser Art vorstellen.

Einerseits kann es passieren, dass hinter einem Getuschel und Gekicher „Wie peinlich!“, etc. ausbricht. Oder zwei so laut anfangen, sich darüber zu unterhalten, ob hier wohl Herren- und Damentoilette zusammengelegt sind, dass man es auch hören kann. Hier haben wir also den „Läster-Typ“.

Dann gibt es noch den „Flucht-Typ“. Diese Leute amüsieren mich immer, wahrscheinlich, weil sie mich an mich erinnern. Die, die aus der Toilettenkabine treten, und bei meinem Anblick im schnellsten Gehen, das man als Erwachsener in der Öffentlichkeit hinlegen kann, ohne die Würde zu verlieren, die Räumlichkeit verlassen, ohne sich die Hände zu waschen. Am Waschbecken sind es die, die, sobald ich mich neben sie stelle, aufsehen und sich dann schnellstmöglich aus dem Staub machen. Jene, die mich bereits von der Tür des Toilettenraums beim Hereinkommen erspähen, drehen gleich wieder um und gehen. Manchmal kommen sie auch nach ein paar Sekunden verwirrt wieder und sehen mich dann im Vorbeigehen verwundert an. Wahrscheinlich war’s dringend. Schnellere und mutigere Varianten dieser Spezies begnügen sich mit einem kurzen step-back, um noch einmal das Türschild zu checken und kommen dann gleich herein.

Nun kommen wir zu der Sorte Mensch, die versucht, mittels des Mediums Sprache mit mir zu kommunizieren. Oft sind das ältere Damen. Das mag zum einen daran liegen, dass sie ein konservativeres Bild davon haben, wie jemand auszusehen hat, der eine Damentoilette benützt, zum anderen daran, dass sie weniger Angst haben, sich zu blamieren als die Jüngeren. Das Aufeinandertreffen läuft dann meist so ab:

„Se san do foisch!“
„Nein, bin ich nicht.“
Handelt es sich um freundliche Omas, folgt manchmal noch: „Oh, Entschuldigung.“
Einige sind da schon etwas persistenter:
Ich stelle mich hinter einer Frau in der Kloschlange an.
Sie: „Das hier ist die Damentoilette.“
Ich: „Ja.“
Sie „DAS HIER IST DIE DAMENTOILETTE.“
Ich: „Ich weiß.“
Sie: DAS HIER IST DIE DAMENTOILETTE. FÜR DAMEN!“
Ich: „Ja ich weiß. Ich bin eine Frau.“
Sie: „Oh. Tschuldigung.“

Und ich dachte schon, spätestens bei „Ich weiß!“ hätte ich klargestellt, dass ich weiblich* bin. Dass diese verfluchte Damentoilette wirklich nur für Damen ist… Hrmpf! Dabei stehe ich doch so gerne an!

Manche sehen es auch als ihre Aufgabe an, mich bereits vom Betreten der Damentoilette abzuhalten. Arbeitet man als Reinigungsperson an einer Raststation, wäre diese Aufgabe vielleicht sogar gegeben. Trotzdem bin ich Menschen generell sehr verbunden, wenn sie hier Worte vor ihren Taten sprechen ließen. Ich strebe zügig in Richtung Damentoilette, als auf einmal von links ein Arm vorschnellt, und mich in Brusthöhe zurückhält. „Stopp! Hier geht es zur Damentoilette!“. Und in meinem Kopf geht es: „Du greifst mir gerade auf die Brüste! Du greifst mir gerade auf die Brüste!“ und ich bringe kein Wort heraus, hauptsächlich, weil ich mich gerade davon abhalten muss, meinerseits tätlich zu werden. Ich hege gewisse Abneigungen dagegen, wenn fremde Menschen mich einfach so angreifen. Zum Glück geht eine Bekannte hinter mir, die darauf aufmerksam machen kann, „dass es sich hierbei um eine Dame handelt“. Danke nochmal, an dieser Stelle.

Einmal habe ich, zur Abwechslung, von selbst entschieden, das Toilettenthema zu vertiefen. Folgende Situation: Ich wasche mir die Hände, eine andere am Waschbecken neben mir tut das gleiche. Sie sieht mich aus dem Augenwinkel, setzt an: „Bin ich da auf der…“ Ich schaue sie an, sie sagt „Oh, ich wollt nur…!“ und dreht sich schnell weg. Ich, aus irgendeinem Grund gesprächig: „Du wolltest fragen ob du auf der Herrentoilette bist? Macht nichts, passiert mir öfter.“
Sie: „Ja… Nein… Ja…“
Ich: „Kein Grund zur Sorge, passiert mir eh jeden Tag fünf Mal.“ (ECHT GESPRÄCHIG!)
Sie: „Ja nein weißt du das ist mir wirklich schon mal passiert… Das ist so verwirrend hier in dem Stockwerk (ist es nicht) und ich war hier schonmal auf der Herrentoilette eben in dem Stockwerk und da hab ich’s erst gar nicht gemerkt und dann bin ich da so draufgekommen, weil sich eben auch einer so die Hände gewaschen hat neben mir und gemeint hat da hab ich mich wohl in der Tür geirrt und jetzt hab ich gedacht ich bin da schon wieder falsch und so…“

Jaja ich weiß. Und so weiter und so fort. Es ist nicht so schlimm wenn ihr mich für einen Mann haltet, ihr müsst mir nicht einen ganzen erfundenen Epos darüber erzählen, wie es dazu kommen konnte. Wirklich nicht. Nur bitte nicht unfreundlich sein.

Doch nicht nur in der weiblichen* Bevölkerung sorge ich durch meine Angewohnheit, die Damentoiletten zu benützen, für Verwirrung. Nein, auch Männer* sind davon betroffen. Schon öfter wurde mir auf meinem Weg zur Toilette der wohlmeinende Hinweis „Heast Bruda, die Männer sin’ da hinten!“ hinterhergeschickt, von mir wahlweise ignoriert oder mit einem „Ich weiß..“ quittiert.

Einzigartig jedoch diese Situation: Ein Mann geht mir, wahrscheinlich in Gedanken versunken, hinterher, in der Meinung, auch ich sei auf dem Weg zur Herrentoilette, betritt also hinter mir die Damentoilette. Er sieht auf. Sieht Frauen um sich herumschwirren. Dreht den Kopf, zu mir, zu den anderen Frauen. Einige Sekunden vergehen in einem Zustand tiefster Verwirrung. Dann geht er schnell wieder. Mein absoluter Favorit bisher.

Solange ich mit einer Kurzhaarfrisur herumlaufe, und das werde ich jetzt wohl noch eine Weile tun, werde ich mich wohl an Situationen dieser Art gewöhnen müssen. Mir war nur nicht klar, dass eine Frisur so unglaublich viel daran ändern kann, wie eine Person wahrgenommen wird. Vielleicht werde ich ja schon bald die meisten dieser „Zwischenfälle“ mit Humor nehmen, im Nachhinein tue ich das ja jetzt schon.

7 thoughts on “„Das hier ist die Damentoilette!“ -Wie Frisuren die Wahrnehmung verändern: Eine humoristische Betrachtung

  1. Kommt mir alles bekannt vor, ist auch mir immer wieder mal passiert. Jetzt allerdings schon längere Zeit nicht mehr.

    Ich finde es auch immer sehr unterhaltsam, vor allem wie peinlich es den Leuten immer ist, wenn ich sie korrigiere. Ich denke mir dazu dann immer geh bitte scheiß di ned an ;)

  2. warum gehst du nicht auf die herrentoilette? dort sind auch immer kürzere schlangen…

    mach ich auch bei langen schlangen vor dem frauenklo, obwohl ich überhaupt kein passing für die herrentoilette habe. macht mich wer drauf aufmerksam, dass ich hier falsch bin, behaupte ich immer sehr überzeugt (und leicht entrüstet), dass er falsch ist und ich richtig bin. dann kommt meistens das rausrennen und checken des maxerls auf der klotür. (da bin ich dann längst schon in der kabine oder draußen)… trotzdem, den stressmoment den ich beim anderen erzeuge, ist gegeben und dabei wohl auch ein minimal kurzer moment, wo ein mensch über die 2-geschlechtlichkeit nachdenken muss und eine möglichkeit geschenkt bekommt, komplexer denken zu lernen :-)

    • Zum Thema wegen kürzeren Schlangen auf die Herrentoilette: Ich bin früher auch oft locker flockig einfach dorthin gegangen, aber dann hab ich mal mit einem Freund geredet, und der meinte er fühlt sich eigentlich nicht wohl, wenn Frauen immer wieder so ganz selbstverständlich auf die Herrentoilette gehen und er findet es auch unfair, dass sich Frauen dies oft herausnehmen, während andersrum Männer auf Damentoiletten gar nicht gern gesehen sind. Natürlich kann die generelle Sinnhaftigkeit von geschlechtergetrennten Toiletten diskutiert werden, aber ich kann seine Einwände im Licht der aktuellen Lage nachvollziehen.

      • Ich kann seine einwände auch nachvollziehen. Jedoch werde ich wohl solange nicht drauf rücksicht nehmen bis es gleich lange kloschlangen gibt. Wenn wir schon bei Fairness sind…

      • Ich glaub die langen Kloschlangen gibt es weil Frauen durchschnittlich länger zum Pinkeln brauchen. Hier müsste mensch also ansetzen :D

      • Hast schon mal beobachtet wie lang typen zum pinkeln in freier wildbahn brauchen? Hab jetzt keine Statistik bei der hand aber glaube länger als uterusse.

  3. Tja so gibt es wenigstens Reaktionen und du kannst Menschen beobachten, hat doch was.
    Mir persönlich ist es völlig wurscht, wer wo auf Toilette geht. Auf Arbeit habe ich die Frau / Mann Schilder schon lange abgenommen. Allerdings nicht vergleichbar, da nur einer zur selben Zeit drauf passt, naja außer auf der ehemaligen Männer Toilette wegen den zwei Becken.
    Genieße die Show, Menschen machen erst Spaß wenn es schräg läuft.

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