Der Doctor ist tot, lang lebe Frau* Doctor!

Als diese Autorin sich an einem Sonntag im Juli für ein kurzes Nickerchen hinlegte, hatte sie nicht damit gerechnet, in einer neuen Welt aufzuwachen.

Kaum öffnete sie ihre Augen, wurde sie dutzendfach in diversen Social Media Kanälen mit nur einer einzigen Nachricht, in Kombination mit glücklichen Herzchen, Smileys und sonstigen Party-Emojis konfrontiert: Der neue Doctor ist eine Frau*! Die Nachricht war so wichtig, dass sich selbst orf.at zu einer Kurzmeldung – mit Bild – hinreißen ließ: Jodie Whittaker spielt als erste Frau* „den Doctor Who“. 

Die zur Primetime im britischen Fernsehen ausgestrahlte Botschaft hat mit der Offenbarung gespielt, die bereits im Vorfeld der Neubesetzung hitzig diskutiert worden war. Als eine in einen Umhang verhüllte Person ihre Robe lüftet, ist nicht nur ein neues Gesicht erkenntlich – sondern eines, das als weiblich* erkennbar ist:

Doctor Who?

Aber wer ist dieser Doctor – und warum kann “er” von einer Frau* gespielt werden?

Doctor Who ist die zweitlängste Serie – nur eine brasilianische Tele-Novela hält noch das Wasser – und die am längsten existierende Science-Fiction-Serie der Welt. Seit 1963 haben 12 bzw. 13 Männer* ein philanthropes Alien mit zwei Herzen gespielt, das mit seinem zeitreisenden Raumschiff durch das Universum und die Geschichte der Erde spielt, um – vor einer vormals auch als Bildungsauftrag gesehenen Perspektive aus – all jenen zu helfen, denen geholfen werden sollte. Um einen Bezugspunkt für ein menschliches Publikum einzubauen, wurde der Doctor (mehr selbstgewählter Beschäftigungstitel als Name) dabei gerne von einer jungen menschlichen Frau* begleitet, die sich oftmals – aber nicht immer – unglücklich in ihn verliebte und ihm dabei halfen, seine eigene “Menschlichkeit” zu erkennen. (Menschlichkeit ist vor dem Hintergrund eines Universums voller verschiedenster Alien selbstverständlich kein einfacher Begriff – beschreibender wäre ein alle Spezies umfassender Begriff der Nächstenliebe und eines nicht immer unproblematischen (weil partiell kolonialistisch besetzten Helfen-Wollens.) Wie auch im Falle von Tele Novelas, ist das Aussteigen des Hauptdarstellers* bei Doctor Who von der Not zur Tugend bzw. zum Story Hook geworden. Verlässt ein Schauspieler* den Cast, wird ein neuer rekrutiert, der Doctor in der Serie regeneriert sein Äußeres und entwickelt dabei seine Persönlichkeit weiter, selbstverständlich aber mit gleich bleibenden Erinnerungen. Dadurch gewinnt die Serie immer wieder neuen Spin, während sie ihrer Grunddisposition treu bleibt.

Die Nachricht, die am Sonntag den geekigeren Teil der Welt erzittern ließ, war besonders, da sie von manchen zwar ersehnt, aber von den wenigsten erwartet wurde: Die 13. Inkarnation bekommt nun erstmals einen weiblichen* Körper. Jody Whittaker ist eine Guildhall School of Music and Drama Alumna, wurde mehrfach mit hohen schauspielerischen Preisen für ihre Rollen ausgezeichnet – und ist bekennende Feministin. Am bekanntesten ist sie wohl für die BBC Miniserie Broadchurch – u.A. an der Seite von David Tennant – seinerzeit der 10. Doctor und wohl einer der beliebtesten Schauspieler* für die Rolle, sowie für ihren Auftritt in Black Mirror. Die schauspielerischen Leistungen Wittakers werden von einem breiten Teil der Medien und des Boulevards – und der “Fans” aber erstmal ignoriert – die Tatsache, dass sie eine Frau* ist, lässt die Gemüter überkochen. Dabei bat Whittaker selbst in ihrem ersten öffentlichen Statement Fans, sich aufgrund ihres Geschlechts nicht beängstigen zu lassen:

“I want to tell the fans not to be scared by my gender. Because this is a really exciting time, and Doctor Who represents everything that’s exciting about change. The fans have lived through so many changes, and this is only a new, different one, not a fearful one.” Quelle

Eine Bitte, deren Notwendigkeit sich schnell bewährt hat. Nach – zu erwartenden – negativen Kommentaren, gab es aber auch genauso schnell einen Sturm der Solidarität für Whittaker, der Bashing, Trolling und sonstiges negatives Internetverhalten mit Freude und Sarkasmus traf. (Der Online Standard hat Beispiele dazu zusammengefasst; wer sich für den vollen Umfang der Diskussion interessiert, kann ihn unter #Doctor13 auf Twitter nachverfolgen)

Ein paar der Highlights:

Representation still matters

Warum eine weibliche* Doctorin wichtig ist – ist leider noch immer die selbe Frage, deren Beantwortung anscheinend immer und immer wieder durchexerziert werden muss, egal ob es um Rey in Star Wars Star Wars, einer weiblichen Neu-Adaption von Ghost Busters oder sogar Wonder Woman geht: Representation matters. (Repräsentation ist wichtig.) Eine Superheldin*, mit der sich junge Mädchen* und solche, die im Herzen jung geblieben sind, identifizieren können, ist nicht nur wichtig, da es noch immer keine faire Repräsentation der Geschlechter (von anderen Kategorien ganz abgesehen) im Fernsehen gibt. Eine Superheldin* mit übernatürlichen Fähigkeiten, spricht unsere Vorstellungskraft noch viel mehr an und kann uns auch in unserem irdischen Alltag empowern.

Und gleichzeitig ist dies wohl auch der Grund für den fast instantan erfolgten Backlash – oder eher den Versuch, denn weder die BBC noch die (nicht nur weiblichen*) Fans, die mit dem Solidaritätssturm zurückgeschlagen haben, haben sich einschüchtern lassen und sind laut gegen Hate Speech vorgegangen.

Fest steht, dass es sich um einen großen Schritt für die/den BBC und das Team um Doctor Who, besonders, nachdem die letzte Staffel bereits (dabei aber nach Martha Jones, gespielt von Freema Agyeman nicht einmal die erste!) eine Woman of Colour als Companion mit dem Doctor durch das Universum hat ziehen lassen. Dennoch wurde die Besetzung von einer bestimmten und leider mittlerweile gut bekannten Ecke – des Geektums als “War on White People” deklariert. Allerdings ist die Kritik an Pearl Mackie, die vor der nun abgeschlossenen Staffel, eine besonders abstruse Form von Rassismus und Sexismus vereint hat, nach der Ausstrahlung der Episoden praktisch nicht mehr existent. Bill Potts – die noch dazu die erste offen lesbische Begleiterin* des Doctors war – wird Jody Wittakers Doctorin zwar nicht mehr begleiten, hat aber ihren Beitrag zur Geschichte des Doctor Who Universes geleistet.

Worüber eigentlich diskutiert werden sollte – oder worauf wir uns eigentlich freuen sollten, ist die Frage, welche Persönlichkeit The Doctor nun an den Tag legen wird. Über sie ist fast noch nichts bekannt, bis auf oben erwähnte Videobotschaft. Welchen Ton wird die Serie einschlagen – und welchen Erzählstil? Details zum Casting – war es geschlechtsneutral, wurde gezielt nach einer Frau gesucht? – bleiben auch erstmal offen.

Herausforderung und Spannung für die neue Serie: Wie geht es einer Person, die über 1000 Jahre lang in einem männlichen* Körper durch Zeit & Raum gereist ist, nun in einem weiblichen* Körper? (Vor allem, falls es sie einmal in eine irdische Vergangenheit verschlägt?) Wie wird das soziale Umfeld darauf reagieren? Wie wird sich dies auf die – in jüngeren Inkarnationen eher als bi/pansexuell dargestellte – Sexualität des Doctors auswirken? Könnte diese_r Doctor im weitesten Sinne als trans*ident, zumindest aber als genderqueer auftreten?

Wie sehr werden traditionelle Frauen*rollen in die Darstellung der “ersten” Doctorin einfließen?

Diese Autorin freut sich darauf, nach der nächsten Staffel ein Fazit zu schreiben. Und bleibt, vorerst, vorsichtig optimistisch, was die Timey Wimey Wibbly Wobbly Zukunft bringen wird.

Nachtrag: Mittlerweile hat sich der (bald ehemalige) Showrunner Steven Moffat zur Wort gemeldet und sich darüber beschwert, dass der hier angesprochene Sexismus gegen eine weibliche Doctor nur imaginiert ist. Mr. Moffat, Q.E.D. (Und vermissen werden wir ihn und seinen Sexismus auch nicht…)

5 thoughts on “Der Doctor ist tot, lang lebe Frau* Doctor!

  1. Großartige Neuigkeiten!! Ich hab irgendwann während Matt Smith Doctor war aufgehört zu schauen, weil mir qualitativ langsam irgendwas gefehlt hat. David Tennant war mein absoluter Favorit (muss dazu sagen, dass ich die alten Staffeln noch nicht geschaut habe, aber trotzdem war er für mich DER Doctor), die Episoden mit ihm fand ich allesamt unglaublich mitreißend. Nun bin ich aber auf die erste weibliche Inkarnation sehr neugierig, und werd wieder zu schauen beginnen :)

    • Ich bin bei den „neuen“ eingestiegen, das sind die Staffeln ab dem Jahr 2005 mit dem 9. Doctor (Christopher Eccleston). Ich würde dir auch empfehlen, da zu beginnen.

    • Überleg dir einmal, was du magst.
      Magst du Lustiges? Dann starte mit Dr. Nr. 11.
      Hast du es lieber schräg und überdreht? Dann passt Dr. Nr. 10.
      Vielleicht magst du eher einen „Lehrer“? Dann wäre Dr. Nr. 7 geeignet.
      Jeder Doktor ist anders und dementsprechend gibt es für jeden einen, der zum Beginnen geeignet ist.

      Dr. 13 ist ziemlich speziell. Nicht weil er weiblich wird, sondern weil das in einer Zeit des massiven Über-Genderns passiert. Ich bin seit langem Dr. Who Fan, statt Smith wäre eine Frau durchaus ok gewesen, in ein paar Jahren vielleicht auch. Aber jetzt ist es einfach der falsche Zeitpunkt. Besser wäre ein Zeitpunkt gewesen, wo das Gendern nicht überall gegenwärtig ist.

      Nebenbei bemerkt, ich mag Nr. 7 besonders gern. Mit seiner Begleiterin Ace.

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