Schwerpunktwoche Sexarbeit: Dominantes Interview

Sexarbeiterinnen Shiva Prugger, Astrid, Susanne, Lialin und Romana von der Berufsvertretung Sexarbeit Österreich im Gespräch mit Helga Pregesbauer über Sexarbeit und Politik.

HP: Ihr habt im ersten Corona-Lockdown 2020 einen Berufsverband für Sexarbeiterinnen gegründet. Was hat euch dazu bewogen und warum habt ihr nicht einfach bei anderen angedockt?

Shiva: Ich habe mich im ersten Lockdown sehr darüber zu ärgern begonnen, dass man die Berufsgruppe der Sexarbeiterinnen in keiner Pressekonferenz erwähnt. Als mein Ärger noch größer wurde, rief ich im Bundeskanzleramt an und fragte diesbezüglich nach und da erklärte man mir, dass man darüber doch nicht in einer Pressekonferenz sprechen kann. Ich frage mich nur, warum nicht? Die einzige Möglichkeit, wahrgenommen zu werden sah ich daher einzig darin, ein Sprachrohr für die Sexarbeit zu bilden und sich so Gehör zu verschaffen. Wieso hatte ich das Gefühl keine Lobby zu haben, wenn es eigentlich schon eine gab? [Anmerkung: Es gab bereits einen Verein für die Interessensvertretung migrantischer Sexarbeiterinnen und das Internetforum sexworker.at] Als waschechte Österreicherin glaube ich nicht, bei einem Verein richtig zu sein, der die Interessen migrantischer Sexarbeiterinnen vertritt und sexworker.at ist ja ein sich selbst bezeichnendes Internetforum, das leider nicht sexworker only ist, für mich daher noch weniger eine Option.

Lialin: Weil es endlich ein eigenes Sprachrohr für Sexarbeiterinnen geben muss, wo sie selbst die Stimme sind. Zu oft, zu lang wurde und wird in entscheidenden Gremien über, aber nicht direkt mit den Frauen gesprochen, die tatsächlich als Sexarbeiterinnen tätig sind.

HP: Wen vertretet ihr genau, also Männer – Frauen (transidente Frauen eingeschlossen), oder ist es irgendwie beschränkt? Gibt es nationale Beschränkungen oder Formen des Erwerbs, müssen die Beitrittswilligen noch aktiv sein und kontrolliert ihr das irgendwie? Könnte sich theoretisch eine Journalistin oder Nonne, ein Freier oder jemand vom Finanzamt bei euch einschleusen?

Shiva: Ganz einfach: Alle, die in Österreich legal der Sexarbeit nachgehen oder nachgegangen sind, können bei uns mitmachen. Migrationshintergrund oder Geschlecht sind kein Kriterium. Aktive Sexarbeiter*innen haben meist einen Internetauftritt, der überprüfbar ist. Wir bieten neuen Mitglieder*innen auf Wunsch auch an, uns ihren Webauftritt sowie Werbeanzeigen anzusehen und ein Feedback zu geben. Wer sich hier einschleusen möchte, muss sich echt was überlegen. Ich stell mir gerade eine Nonne bei einem Stammtisch mit uns vor… spätestens da wäre sie entlarvt.

Astrid: Meiner Meinung nach sind alle willkommen, vorausgesetzt sie sind oder waren in der Sexarbeit tätig.

HP: Was sind eure persönlichen Ziele, was wollt ihr mit eurer Berufsvertretung erreichen?

Astrid: Sexarbeiter*innen aus allen Sparten eine Stimme geben, durch Öffentlichkeitsarbeit der Stigmatisierung entgegenwirken. Aufzeigen, dass wir Menschen wie Du und ich sind, ebenso mit moralischem Kompass wie die meisten anderen Menschen auch. Mitsprache einfordern in sexarbeitsrelevanten Themen. Gesetze bundesweit vereinheitlichen. Sexarbeit soll komplett entkriminalisiert und legalisiert sein, aber schon reguliert, zum Beispiel mit Gesundenuntersuchungen und polizeilicher Meldung. Bundesweit einheitlich. Keine regionalbezogenen Meldungen verpflichtend. Also keine Meldepflicht in der Heimatgemeinde, sondern in einem bundesweiten Register, damit man nicht zum Amt gehen muss, wo vielleicht der Nachbar der Tante arbeitet und das weitererzählt. Mit der Registrierung gekoppelt eine Meldung bei der Wirtschaftskammer (nicht neue Selbständige, sondern Gewerbe), die dann auch unterstützen soll bei Fragen zu Abgaben, Finanzamt, Sozialversicherung et cetera. Es braucht Kampagnen zu Entstigmatisierung, damit Behördengänge nicht zu unangenehmen Spießrutenläufen werden, aber auch die Privatsphäre nicht betroffen ist, etwa dass man den Job verheimlichen muß, damit man keine Probleme mit dem Sorgerecht bekommt.

Lialin: Im besten Fall soziale Akzeptanz. Im schlechtesten Fall weitere gesetzliche Einschränkungen verhindern. Grundsätzlich fordern wir vernünftige gesetzliche Regelungen, und diese bundesweit einheitlich. Außerdem bessere Arbeitsbedingungen, angepasste Untersuchungen und niederschwellige Fortbildungen wie beispielsweise Hygieneschulungen.

HP: Wie sieht für euch ein perfektes, oder ideales Sexarbeitsgesetz und Sexarbeitspolitik aus? Könntet ihr ein Land nennen, das euch als Vorbild dient?

Astrid: Angeblich ist Neuseeland da vorbildlich. Ich habe einige persönliche Berichte von Sexarbeiter*innen in Coronazeiten gelesen, die ohne große Probleme volle finanzielle Unterstützung wie in anderen Branchen bekamen. Das ist wünschenswert.

Shiva: Österreich soll dieses Land werden!

Lialin: Eines, das Frauen stärkt und nicht einschränkt. Eines, das Frauen ernst nimmt und nicht abwertet. Eines, das selbstbestimmte Arbeit ermöglicht statt sie zu behindern.

HP: Wie hart treffen euch und eure Kolleginnen die Corona-Maßnahmen? Beratungsstellen teilen Speisen aus und sammeln dringend Spenden…

Astrid: Da ich erst zu Coronazeiten als Sexarbeiterin zu arbeiten begonnen habe, und das erst nach der Frist, die ausschlaggebend ist für den Härtefallfonds, bin ich froh, dass ich offiziell noch beim AMS gemeldet bin und die Tätigkeit nur geringfügig ausübe. Ohne das Geld vom AMS könnte ich mein Leben nicht finanzieren. Als Sexualbegleiterin wären eine Vielzahl an Aufträgen in Pflegeeinrichtungen, die sind für uns alle geschlossen. Teilweise waren Hausbesuche erlaubt, aber nicht lange genug, um genug Geld für Lockdownzeiten zu sparen. Von der Sexarbeit alleine könnte ich im Moment nicht leben. Da ich Ersparnisse habe, mache ich mir dennoch noch keine allzu großen finanziellen Sorgen.

Susanne: Viele Frauen trifft der zweite Lockdown schlimmer als der erste. Die Frauen bekommen teilweise keine finanzielle Unterstützung und müssen Schulden machen, um zu überleben. Unsere Berufsvertretung für Sexarbeit hat einen Spendenaufruf gestartet, der den Frauen mit Lebensmittelgutscheinen hilft. Die Beratungsstelle Sophie teilt die Gutscheine für uns aus und Frauen bekommen dort auch Lebensmittelpakete.

Shiva: Ich persönlich muss mir zum Glück keine Existenzsorgen machen, das ist eine große Erleichterung in dieser trotzdem herausfordernden Zeit. Wenn man auf Fixkostenzuschuss angewiesen ist, weil die Ersparnisse derweil nicht reichen, um die Lokalkosten zu überbrücken, hat man echt schlechte Karten. Ich warte noch immer auf Geld aus aus dem Erste Lockdown [Anmerkung: Stand Januar 2021]. Ich bin mir bewusst, dass meine Situation eine sehr privilegierte ist. Viele Sexarbeiterinnen sind durch die Coronakrise in eine große Notlage geraten. Der erste Lockdown war für uns echt lang. 3,5 Monate! Dann durften wir ja 4 Monate arbeiten. Viele Frauen waren in dieser Zeit damit beschäftigt, Schulden aus dem ersten Lockdown abzuarbeiten. Das Geschäft lief eher flau und dadurch war es auch nicht möglich, Rücklagen zu bilden. Unser Spendenaufruf ist auch nur ein Tropfen auf den heißen Stein und die Spendenbereitschaft ist jetzt gedämpfter als im ersten Lockdown. An Sachspenden wird bei der Beratungsstelle Sophie jetzt gerade Winterkleidung für Kinder dringend benötigt. So etwas zu hören macht mich traurig. Ich hoffe sehr auf eine möglichst baldige Impfung, da diese ein uneingeschränktes Arbeiten wieder ermöglichen würde. Wir haben uns als Berufsvertretung erkundigt und wissen, dass wir von 7 Prioritätsstufen an 4. Stelle dran wären.

Lialin: Sehr hart. Und auch von Kundenseite ist Verzweiflung zu spüren.

HP: Was sagt Ihr zu der Möglichkeit, dass Sexarbeit in Österreich inzwischen als Anstellungsverhältnis möglich geworden ist, obwohl es dafür absolut keine Berufsrechte oder Regelungen gibt? (Was übrigens bei keinem einzigen anderen Beruf der Fall ist).

Astrid: Ich wusste nicht, dass das möglich ist. Ich fände es okay, wenn sichergestellt wird, dass es einen Kollektivvertrag gibt und dezidierte Regeln formuliert werden, dass z.B. keine Weisungsgebundenheit bestehen darf bei Fragen zu Sexualpraktiken, Kondomnutzung, etc. Es darf nicht im Gegensatz stehen zum Recht, über den eigenen Körper zu bestimmen. Und das wird in der Praxis sicher schwer.

HP: Wie kommen Frauen zur Sexarbeit?

Shiva: Nicht aus nur einem Grund! Die Gründe sind sehr vielfältig. Es ist eine Tätigkeit, die keine langwierige, zeitintensive, teure Ausbildung erfordert und theoretisch auch ohne große Anfangsinvestitionen anzufangen ist. Außer du richtest dir ein Dominastudio ein, das dauert und kostet. Um nur für mich zu sprechen: Bei mir war es eine Mischung aus Zufall, Neugierde und Orientierungslosigkeit. Irgendwann drauf zu kommen, das man sich mit einem trockenen Psychologiestudium auch in der angewandten Psychologie in Form von Dominasessions ein spannendes Arbeitsfeld schaffen kann, war schon eine bereichernde Erkenntnis.

Astrid: Ich kann natürlich nur von mir sprechen. Ich wollte es. Es interessiert mich, mir macht Sex Spaß, ich glaube, man kann davon gut leben (wenn es keine Pandemie gibt). Aber ich bin auch in der privilegierten Situation, dass ich mir leisten kann, Kunden abzulehnen.

HP: Regelmässig behaupten Frauen die nie einen Tag in der Sexarbeit tätig waren und meist nie mit einer Sexarbeiterin gesprochen haben, dass keine Frau diesen Beruf freiwillig machen würde oder dass alle Sexarbeiterinnen psychisch so schwer krank wären, dass sie nicht in der Lage wären, diese Entscheidung überhaupt zu fällen. Was sagt ihr dazu? Glaubt ihr, dass diese Einschätzung eine gesellschaftliche Rolle spielt und Einfluss auf den Umgang mit Sexarbeiterinnen hat?

Astrid: Wenn man mir den eigenen Willen und die Selbstbestimmung abspricht und das in die Welt posaunt, werde ich als Opfer konstruiert, das ihr eigenes Leben nicht unter Kontrolle hat. Dementsprechend werde ich dann in der Gesellschaft gesehen und behandelt. Dieses „Du musst psychisch krank sein um das zu tun“ führt zu Entmündigung, die wiederum dazu führt, dass das, was wir sagen, nicht ernst genommen wird. Es gibt auch ganz viele Frauen, die freiwillig in der Prostitution sind, das aber nicht offen sagen können wegen der Stigmatisierung und wegen gesellschaftlicher Konsequenzen. Ich bin freiwillig in diesem Beruf, mein Zugang zu Sex im Beruflichen ist so pragmatisch, dass für mich Penetration ähnlich wahrgenommen wird wie das Erstellen einer Steuererklärung, mit dem Unterschied, dass mir in 90% der Fälle die Penetration auch Spaß macht. Das Argument, dass keine Frau sich freiwillig von Fremden penetrieren lassen würde, beruht auf der Falschannahme, dass sexuelle Handlungen für jeden Menschen, besonders für alle Frauen, diese „heiligen, intimen“ Akte sind. Ich denke und hoffe, dass die meisten Menschen, die in der Sexarbeit sind, eben einen ähnlich pragmatischen Zugang zu Sex und Penetration haben. Viele Menschen berühren nicht gerne fremde, nackte Menschen und werden dann halt keine Masseur*innen. Aber trotzdem gehen die nicht her und leiten vom eigenen Zugang zu nackter Berührung ab, dass niemand anderer das machen kann/darf/soll.

Shiva: Es fragt sich wirklich, wer psychisch fitter und gesünder ist? Eine Sexarbeiterin oder eine Abolitionistin? Würden zweitere auch nur ein wenig Ahnung davon haben – und die kann man nur bekommen, wenn man auch mit Sexarbeiterinnen spricht – würden sie große Achtung davor haben, welches Anforderungsprofil es beispielsweise braucht, um als Domina gut arbeiten zu können. Wer da nicht psychisch voll gesund und gefestigt ist, wird den Job nicht lange machen können. Ich finde es sehr anmaßend, solche Behauptungen aufzustellen, zumal sie ja aus der Luft gegriffen sind. Traurig, dass Feministinnen andere Frauen mit solchen Aussagen aburteilen und dadurch diskriminieren.

Lialin: Mir kommt eher vor, dass es gewiefte Frauen sind, die sehr gut verstanden haben, wie man mit wenig Einsatz von Zeit und Energie doch gut Geld verdienen kann. Es ist auch ein Beruf, der sich eigentlich gut mit Familie vereinbaren lässt. Die Nachfrage war immer da und wird immer da sein. Es wird immer Kunden geben wird, die sexuelle Dienstleistungen in Anspruch nehmen wollen.

HP: Wie ist der Durchschnittsverdienst einer Sexarbeiterin eurer Einschätzung nach? Vor 20 Jahren haben gewiefte Frauen am Gürtel angeblich 50.000 Schilling pro Nacht und mehr verdient, was damals dem Monatsgehalt eines Bankdirektors entsprach.

Shiva: Wenn ich das umrechne, dann wären das über 3000 Euro pro Nacht! Nein, das glaube ich nicht! Ich kenne auch keine Zeitzeuginnen von früher. Aber auch wenn es so gewesen wäre, müssten das heute ja sehr wohlhabende Frauen sein, wenn sie dazu auch clever waren und das Geld gut angelegt haben. Es ist natürlich sehr schwierig, das Durchschnittsverdienst einer Sexarbeiterin anzugeben. Es gibt sehr unterschiedliche Segmente und Preisklassen. Die Motivation jeder Frau, eine gewisse Summe verdienen zu wollen oder zu müssen ist unterschiedlich. Ich denke, wenn man mit einem guten Viertel dieser damals angeblich verdienten Summe heute pro Tag heimgeht, hat man echt einen sehr guten Tag gehabt und das wird es wohl nicht jeden Tag spielen. Und nicht zu vergessen ist dabei, dass das kein Nettolohn ist. Ein großes Problem bei vielen Sexarbeiterinnen ist, dass sie nur in Brutto denken. Wir planen, ein niedrigschwelliges Aufklärungsvideo dazu zu machen.

Susanne: Der Durchschnittsverdienst einer Dame in der Woche kann zwischen 500 bis 2500 liegen. Es kommt allerdings darauf an, wie viele Tage pro Woche und wie viele Stunden sie tätig ist. In den 80er Jahren hat es tatsächlich Zeiten gegeben, da konnte eine Dame zwischen 30.000 und 60.000 Schilling in einer Nacht verdienen.

Astrid: Keine Ahnung, weil es soviel unterschiedliche Sparten gibt. Escorts, Sexarbeiterinnen in gehobeneren Laufhäusern, Dominas einige Tausend Euro vor Steuern. Straßenstrich an der Armutsgrenze?

HP: Am Straßenstich in Wien haben Frauen früher am besten verdient, es ist also kompliziert. Es heißt manchmal, Sexarbeiterinnen seien untereinander die ärgsten Zickenterroristinnen aller Zeiten, aber Ihr scheint mir recht gut miteinander befreundet zu sein. Salome Balthus leugnet den Zickenkrieg im Puff auch. Was haltet ihr von dem Gerücht?

Shiva: Ich bin echt sehr froh darüber, dass ich in meinem eigenen Lokal arbeiten kann, wann und wie ich will und dabei durch keine Dienstpläne anderer beeinträchtigt bin. Ich glaube allerdings nicht, dass es in Bordellen immer harmonisch abläuft, sondern eher, dass dort oft Konkurrenzdenken vorherrscht. In einem Laufhaus, wo man sich ganztags auf sein Zimmer zurückziehen kann, wird das weniger ein Thema sein, aber dort wo mehrere Frauen auf einem Haufen sind, wird es wohl das sogenannte „Hühnerstallklima“ geben.

Susanne: Ja es kann Zickenkrieg geben und auch Konkurrenzkampf. Da ich bereits in verschiedenen Studios und Laufhäusern gearbeitet habe, hab ich es selbst erlebt. Ich persönlich finde es besser, wenn man sich versteht, denn dann läuft es für alle entspannter.

Romana: Zickenkrieg im Bordell/Laufhaus ist ganz klar vorhanden. Ein ganz großes Thema ist Neid und wenn eine Frau etwas mehr verdient, sind die anderen schon dahinter, um diejenige wieder los zu werden. Und seit Corona ist die Arbeit nicht einfacher geworden. Es kommen generell weniger Kunden und das hat natürlich auch keine positiven Auswirkungen auf das Betriebsklima.

Astrid: Ich habe noch nie in einem Puff gearbeitet, kenne jetzt aber einige Sexarbeiter*innen, die gemeinsam in Studios arbeiten, die verstehen sich sehr gut. Ich glaube, man unterstellt Frauen grundsätzlich gerne, dass sie Zickenkrieg führen, auch in Büros. Bei Frauen nennt man Zickenkrieg was bei Männern „Durchsetzungsvermögen“ genannt wird.

Lialin: Den Vorwurf kenne ich nur aus dem Kirchenverein, wo die Frauen um die Gunst des Pfarrers wetteifern. Im Ernst: Frauen sind überall gleich, nicht besser, nicht schlechter.

HP: Wer darf zu wem Hure sagen und wer nicht?

Shiva: Ich glaube das Wort Hure hat im deutschen Sprachraum unterschiedliche Bedeutungen. Hure bedeutet in Österreich etwas anderes wie in Deutschland. Es hängt sicherlich immer vom Kontext ab, in dem das Wort verwendet wird.

Susanne: Ich sehe das Wort als Berufsbezeichnung und nicht als Schimpfwort. Es sollten die Leute sagen dürfen, die eine Hure mit Respekt behandeln.

Astrid: Mein Umfeld (Leute die mich gut kennen und die ich mag) darf mich Hure nennen, weil ich selber sage, dass ich eine bin. Mein Freund nennt mich liebevoll „meine kleine Hure“, wenn ich einen Termin mit einem Kunden hatte. Sexarbeiter*innen untereinander dürfen sich so bezeichnen, wenn es für alle anwesenden o.k. ist. Eigentlich stört es mich bei fast niemandem, wenn es im Kontext nicht abwertend oder wertend verwendet wird. Also okay wäre: „Wie geht’s dir eigentlich finanziell, seit du Hure bist?“ Nicht okay: „Was redest du da überhaupt mit, du bist ja nur eine Hure.“

Lialin: Der Kontext zu einem Schimpfwort macht den Unterschied. Mit der Bedeutung des Wortes im eigentlichen Sinne habe ich kein Problem mich so zu bezeichnen. Aber wenn es jemand zu jemand anderem im Sinne einer Beschimpfung verwendet, fühle ich mich verletzt.

HP: Abolitionistinnen behaupten, dass was Sexarbeiterinnen geschieht, immer Vergewaltigung sei. Josefa Nereus hat in einem ihrer Videos vom schlimmsten Kunden erzählt, den sie je hatte. Es war ein Pärchen, das zuerst lange mit ihr geplaudert hat und dann nicht für die Zeit der Plauderei bezahlten wollte. Salome Balthus hat in einem Blog von einem Kunden berichtet, den sie einfach sitzen hat lassen, weil er ihr ein zu verwöhntes Bürschchen war. Ich habe immer wieder Sexarbeiterinnen sagen gehört, ihre Kunden seien viel netter zu ihnen, als ihre Lebensgefährten. Was meint Ihr?

Astrid: Mein allererster Kunde hat mich zum Orgasmus geleckt, mir die Füße geküsst und geleckt, weil er das immer schon machen wollte. Er hat romantische Musik aufgelegt und mir gesagt, wie schön ich sei und dass ich ihm 2020 gerettet habe. Im privaten Bereich stehe ich auf härteren, gröberen Sex, im beruflichen hatte ich bis jetzt nur recht netten Vanillasex und eher Anfragen, ob ich etwas dominant sein will (was ich leider nicht kann). Die Männer, mit denen ich mich getroffen habe, waren alle sehr respektvoll im Umgang mit mir, etwas, was mir im Privaten fast zu nett wäre. Wenn es so weitergeht wie bisher, mache ich mir keine Sorgen. Natürlich habe ich ein „Sicherheitsnetz“, wo gehe ich wann hin, wann melde ich mich zurück, wann wird die Polizei eingeschaltet et cetera. Bis jetzt hatte ich kein einziges Mal ein Unsicherheitsgefühl. Ich kenne persönlich Männer aus meinem Bekanntenkreis, die schon mal in ein Puff gegangen sind oder eine Escort Dame gebucht haben, das sind lustigerweise die Männer, die ich im Privaten als am wenigsten sexistisch oder frauenverachtend einschätze. Nicht jeder Freier ist böse, nicht jede Sexarbeiter*in traumatisiert und gezwungen.

Shiva: Würden meine Kunden mich aber 24/7 im Alltag aushalten müssen, glaube ich nicht, dass dann alle noch netter wären, als der eigene Partner zu Hause. Und die Sache mit den Aufmerksamkeiten, Mitbringsel, Blumen, besonderen Rotweinen würde sich dann auch nicht mehr vom eigenen Partner unterscheiden. Zu Abolitionistinnen habe ich eine simple Meinung: Ich spreche nicht gern über sie. Es gibt Menschen, die so gegenpolige Meinungen vertreten, dass es an Zeit und Energieverschwendung grenzen würde, sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Manches kann man halt nicht ändern. Auch ich kann von so einem „schlimmster Kunde“-Erlebnis berichten. Es gibt in dieser Art eigentlich mehrere solcher Erlebnisse. Ich hatte einmal einen Kunden, der erklärte mir im Vorgespräch, dass er jetzt erst einmal jausnen müsse, weil er heute den ganzen Tag nicht dazugekommen wäre und jetzt einen Hunger hätte. Er hat ausgepackt und zu essen begonnen. Quasi meine kostbare Zeit essend missbraucht. Und am Ende der Session hat er sooo lange geduscht, dass für mich kein warmes Wasser mehr übrig war und ich in dieser Zeit das komplette Lokal aufräumen konnte, weil er so herumgetrödelt hat.

Lialin: Ich suche mir meine Kunden aus und gestalte die Stunde auch so, dass sie für mich passt. Die Frage ist meiner Meinung nach höchst politisch: Denn hier liegt die Verantwortung, gesetzliche Rahmenbedingungen zu schaffen, damit Frauen selbstbestimmt arbeiten können.

HP: Vielen Dank für das Interview und alles Gute für euren Verein!

Link: Berufsvertretung Sexarbeit Österreich

Helga Christina Pregesbauer, geboren 1977 im Waldviertel. Studium der Geschichte, Philosophie, KSA. Studienschwerpunkte Sexualitätsgeschichte, Rape-Culture, Folter, Hexereiverfolgung, Diskriminierung und Sexarbeit. Langjährige feministische Aktivistin und Autorin. pregesbauer.wordpress.com und wortflechte.com

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