Schwerpunktwoche Sexarbeit: Was Sexarbeiter*innen wirklich wollen

Die öffentliche Meinung über Sexarbeit beruht hauptsächlich auf den Aussagen zölibatär lebender Nonnen und den Aussagen jener Feminist*innen, die Prostitution abschaffen wollen und welche niemals mit einer Frau, die in der Sexarbeit tätig ist, geredet haben und nur zu 1% von der Meinung der Sexarbeiter*innen selbst. Dazu kommt der extreme Hurenhass und die dadurch wirksamen Diskriminierungen und Tabus, welche den Denkprozess zu einem Thema bekanntlich erschweren.

Dass der Mann nicht wüsste, was das Weib will, war lange vor Sigmund Freud ein verbreiteter Irrglaube. Aber was wollen Sexarbeiter*innen eigentlich wirklich? Es ist wohlbekannt, denn sie machen kein Geheimnis daraus. Nur leider hört ihnen selten jemand zu. Silencing ist immer Teil der Strategien von Diskriminierung, und Frauen in der Sexarbeit arbeiten im diskriminiertesten Beruf der Welt.

Was wollen die Sexarbeiterinnen selbst, welche Probleme haben sie im Alltag, welche Politik wünschen sie sich und was möchten sie am liebsten wegzaubern?

Im Folgenden geht es vor allem um Frauen, welche in der Sexarbeit in Österreich arbeiten und deren Bedürfnisse. Der Artikel erhebt keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit, im Gegenteil kann er nicht einmal ein grober Überblick über die lösbaren Probleme sein. Und dass sich nicht alle in allem vollkommen einig sind, versteht sich von selbst.

1. Teilhabe und 2. Respekt

NOTHING ABOUT US WITHOUS US

„Nothing about us without us“ ist der älteste mir bekannte Slogan der Hurenbewegungen. Leider ist er immer noch aktuell. Weder in der AG Prostitution noch in den immer wieder mal stattfindenden Beratungsgremien und Sektionen sind Sexarbeiter*innen eingeladen, Ausnahmen endeten in Desastern. Selbst feministische Diskussionrunden und Aktionen haben, wenn es um das Thema Sexarbeit geht, selten Sexarbeiterinnen dabei und wenn, werden diese nicht immer gut behandelt.

Niemand würde auf die Idee kommen, bei Gewalt gegen Frauen, beim Frisör*innenberuf oder sonst einem anderen Thema ein Gremium oder ein Panel zu organisieren, ohne Betroffene (oder zumindest deren Vertretung) einzuladen. Das gibt es in diesem Ausmaß wirklich nur bei Sexarbeit und nirgends sonst. Und nein, nicht jede Feministin ist Expertin für jedwed denkbares „Frauenthema“.

Wird doch einmal jemand zu diesen Themen befragt, sind es meistens nicht die Sexarbeiter*innen, sondern Sozialarbeiter*innen aus dem Bereich. Oder Feminist*innen, die mit Sexarbeit weniger zu tun haben als mit dem Mondflug. Gern werden weiters Mitarbeiter*innen der Polizei oder Politiker*innen befragt. Und immer noch befragen Männer Bordellbetreiber und Zuhälter, Strizzis und Dealer zur Lage der Frauen in der Sexarbeit, und nennen das dann Dokumentation über Prostituierte. (Das ist ungefähr so als würde ich den Bäcker fragen, wie es dem Lehrling geht, oder den Direktor, wie es seinen Schüler*innen geht, statt Lehrlinge oder Schüler*innen selbst, um dann einen Film oder eine Studie daraus zu machen.)

Wenn ich eine Person oder eine Personengruppe immer nur zum Opfer mache, sie auf den Opferstatus reduziere, verliere ich tatsächliche Probleme aus dem Blick, ich viktimisiere. Und ich erzeuge damit Probleme, ohne welche zu lösen.

Was diskriminierte Personengruppen kennzeichnet ist immer: Alle sind Expert*innen für sie, und zwar ohne die gemeintem Personen selbst fragen zu müssen! Das ist irre.

Während niemand von uns zu wissen glaubt, welche berufsrechtlichen Verbesserungen der Tischlerberuf oder die Fremdenführer*innen brauchen, ist das bei Sexarbeit ganz anders. Jeder Depp kennt deren Seele bis ins Innerste – und vor allem: Alle kennen die Seele der Hure besser noch als diese selbst. Und hat ein Handbuch „Perfekte Arbeitsrechte der Hure“ im Hinterkopf. Wie abstrus das ist, fühlt man sofort, wenn man verlangen würde, aus dem Stehgreif ein „Handbuch perfekte Arbeitsrechte für Frisör*innen“ zu verfassen.

Und während keine Sexarbeiterin, die ich kenne, denkt, sie könne für jede Sexarbeiterin sprechen, denken Abolitionist*innen und Prostituionsgegner*innen das meiner Einschätzung nach alle.

Wenn in den diversen politischen Gremien die Mehrheit Sexarbeiter*innen selbst wären, würden sich Probleme wie die gewaltsteigernde Freierbestrafung und andere die Lage verschlechternde Gesetze von selbst erledigen.

Silencing ist, einer Sexarbeiterin zu sagen, sie dürfe nicht befragt werden und sich nicht äußern, weil sie Inländerin ist, weil sie Ausländerin ist, weil sie Escortgirl sei, weil sie als Selbstbezweichnung Sexarbeiterin verwendet, weil sie zu schlecht verdient, weil sie zuviel verdient, weil sie freiwillig arbeitet, weil sie nicht freiwillig arbeitet, weil sie ausgebeutet wird oder nicht, weil sie zu gut aussieht, weil sie irgendwas macht, lässt, oder weil sie ist, was sie nunmal ist. Prostitutionsgegner*innen heißen diese Ausschlüsse nicht nur gut, sie praktizieren sie und sie fordern sie sogar ganz offen. Das allein sollte diese Menschen schon von der Mitsprache ausschließen.

3. Freie Wahl des Arbeitsorts: Selbst wissen was ein guter Arbeitsplatz für eine ist

My Body My Rights: Vagina und Gehirn inklusive

Oft werde ich gefragt, welche Art der Sexarbeit denn die beste sei. Heute antworte ich: Was ist die beste Möglichkeit in der Gastronomie zu arbeiten? Die Rezeption, Hotel Sacher, die Würstelbude, Cocktails in einer Bar zu mixen, Garderobiere, Konditorei-Kellnerin oder Chef de Rang?

Es gibt unterschiedliche Wünsche und Charakterstärken, manche glauben immer noch der Straßenstrich sei das beste, naive Geister glauben machmal das Babylon mit seiner Pelztapete sei der Himmel für Sexarbeit, andere wollen sowieso nur Domina sein. Manche wollen einen Chef, der sich um alles kümmert, andere unter allen Umständen selbst die Chefin sein.

Mich geht das nichts an.

Ich möchte nicht behaupten, im Sacher sei es für alle objektiv betrachtet besser als in der Würstelbude. Das heißt nicht, dass es in der Sexarbeit überall toll ist. Es heißt, die Frauen müssen das Recht haben selbst zu wählen. Sie müssen auch das Recht bekommen, das selbst zu bestimmen. Die Entscheidung darf nicht in die Hände der Polizei, der Politiker*innen, des Finanzamts, der medienaffinsten Feministin des Landes oder bei gerade zugezogenen Anrainer*innen liegen.

Geschätzt wird von vielen Sexarbeiter*innen am Straßenstrich, dass der Kunde binnen Minuten zur Sache kommt und dann umgehend wieder verschwindet. Andere Frauen bevorzugen, vor den sexuellen Handlungen bei drei Flaschen Sekt die vollständige Lebensgeschichte des Gasts zu erfahren. Wieder andere setzen in ein Lokal, in dem Alkohol ausgeschenkt wird, keinen Fuß. Das gilt für jede Form der Sexarbeit – für Laufhaus, Nobellokal, Spelunke oder Escortagentur. Der einen Alptraum ist der anderen Traumfabrik.

Wer sind wir bestimmen zu wollen, was davon das Beste ist?

Gut ist, wo respektvoll miteinander umgegangen und zu angemessenen Bedingungen gearbeitet werden kann. Dass der Straßenstrich ein guter Arbeitsplatz ist, kann sein, muss aber nicht sein.

Gewünscht wird jedenfalls ein breites Angebot, und dass die Frauen frei entscheiden können, wo und wie sie arbeiten können, ohne dass ihnen etwas vorgeschrieben wird. Soweit so no na ned, oder? Und vor allem wünschen Sexarbeiter*innen sich, dass man ihnen selbst zumutet zu wissen, was sie wollen. Das soll angeblich ein bei Menschen weit verbeiteter Wunsch sein…

4. Freie Berufswahl

Die Forderung, Sexarbeit als Arbeit und Beruf anzuerkennen, ist uralt und wird international von den Hurenbewegungen verlangt.

Es heißt oft, Sexarbeiterinnen oder Prostituierte seien alle nicht freiwillig in dem Beruf, seien alle ausgebeutet und alle vergewaltigt von Kindesbeinen an und Opfer par excellence. Man müsse sie retten, ihren Job wegverbieten, denn selbst Frauen die meinen, sie täten das freiwillig, seien in Wirklichkeit Opfer und würden das gar nicht machen wollen, selbst wenn ihnen das selbst gar nicht klar sei. Wenn eine Frau das nach eigener Einschätzung freiwillig mache, sei sie krank. Sogar sehr, sehr krank. Vor allem aber sei sie im Irrtum.

Die Pathologisierung des Charakters der Sexarbeiterin und der polyamouren, nicht monogam lebenden Frau ist uralt. Sie geht immer davon aus, dass Huren der Gesellschaft massiv schaden, kontrolliert und eingedämmt werden müssen. Stets geht sie mit der Forderung nach Kriminalisierung und Kontrolle der Hure einher. Und wann genau hat man je von oben herab, arrogent und paternalistisch jemanden gerettet oder geheilt? Richtig: Nie.

Das Verbieten von Sexarbeit hat in keiner Form funktioniert. Das glaubst du nicht? Dann einfach mal „Escort Dubai“ googeln (Todesstrafe) oder „Escort Stockholm“ oder jede anderen Stadt mit Freierkriminalisierung oder Sexkaufverbot.

Außerdem ist das eine Entwürdigung aller Frauen, die die Sexarbeit freiwillig wählen. Vor allem aber dient diese pauschale Zuschreibung der Verharmlosung von Gewalt in der Sexarbeit und davon gibt es bereits mehr als genug.

Außenwahrnehmung und Innenperspektive haben nicht immer eine große Schnittmenge. Während sich niemand fragt, ob Boxer*innen und cis-männliche Frauenärzte noch alle Tassen im Schrank haben, ist die Welt über die Psyche der Hure perfektestens und vollständig informiert! Alle krank! Und wenn eine sagt, sie mache das freiwillig, dann belügt sie sich eben selbst. Die Pathologisierung von weiblicher Sexualität hat einen Bart wie Methusalem.

Ich halte grundätzlich Ferndiagnosen und Massenpsychologie eines Berufsstandes für problematisch. Aber wenn jemand zuerst eine Ferndiganose macht auf Basis von keinerlei Befragung der Betroffenen und dann dabei genau das herauskommt, was diesem jemand politisch in den Kram passt, dann frage ich mich, wie irgend-jemand soetwas ernst nehmen kann.

Sexarbeiter*innen wollen auch nicht ständig hören, dass jetzt eine tolle Gelegenheit wäre, das äh Dings uhm äh uff aufzuhören, eh, das sie wissen schon, na das was sie da so macht äh. Sie wollen keinen Job als „Putzhilfe“ als tolle Alternative vorgebraten bekommen. Oder willst DU gern Putzhilfe werden?

Die meisten Sexarbeiterinnen wollen so schnell wie möglich viel Geld verdienen, das ist in einem Reinigungsberuf ganz einfach nicht der Fall.

Sexarbeiterinnen finden die pauschale, gebetsmühlenartige Zuschreibung als psychisch schwerst gestörte traumatisierte Person demütigend, erniedrigend, erschütternd, gemein, abwertend und beleidigend. Vor allem aber finden sie sie falsch.

Selbstverständlich gibt es Frauen, die nicht freiwillig in der Sexarbeit gelandet sind, die lieber einen Putzjob machen würden. Das ist selbstverständlich mehr als nur „schlimm“ und meistens Folge von schweren Verbrechen.

Dennoch gibt es Frauen, die sehr gern und freiwillig Sexarbeit machen und den Job mögen, sogar genießen, und ihn nicht aufgeben wollen. Dies muss man klar unterschieden, sonst schadet man beiden. Und warum sagt eigentlich niemand Männern, die hunderte Frauen als Sexualpartnerinnen haben, dass sie ach so krank seien? Und warum ist Casanova ein Kompliment aber Hure keines? Warum wird immer nur die sexuell aktive Frau gedemütigt und abgewertet?

Von jemandem von außen und gegen den erklärten und wiederholt geäußerten Wunsch auf den Kopf (und hinter dem Rücken) gesagt zu bekommen, was man tue sei eine Vergewaltigung, egal ob man das selbst so sehe, ist eine Abwertung. Es ist auch eine Beleidigung. Und es ist eine Verharmlosung von sexualisierter Gewalt.

Was Opferisierung und Stigmatisierung bewirken und wie sie sofort die Lage von Frauen verschlechtern, hat übrigens die ehemalige Sexarbeiterin Brigitte Obrist in dem Artikel „Zum Freiwild erklärt“ trefflich beschrieben: Es lockt die Gewalttäter gezielt an und es verhindert wirksame Hilfsmaßnahmen.

Und nein, es ist kein „Job wie jeder andere“, aber er braucht unbedingt Rechte und gute Berufsgesetze wie jeder andere Job.

5. Freie Wahl von Sexualität und Sexueller Integrität

Bei der Berufswahl der Sexarbeit geht es natürlich nicht nur um dem Beruf, sondern auch um die Sexualität der Frau. Aber hier gibt es in Österreich noch einen wichtigen zweiten Aspekt, den zu betrachten die heuchlerische Doppelmoral der Rettungsfraktion hell strahlend erleuchten lässt.

Alle Welt scheint aufs Alleräußerste besorgt, dass wildfremde Männer Zugang zu den Vaginas von Frauen haben. Diese Form der Intimität sei ein Übergriff, ein Verbrechen, ja eine Vergewaltigung und ausnahmslos immer Gewalt, heißt es bei den Abolitionist*innen.

Außer der Mann ist ein Arzt, und der „Eingriff“ ist ein von der Regierung verordneter, dann ist das sofort eine heilige, unkritiserbare, wichtige und wunderbare Hand-lung. Deusche Abolitionist*innen und Prostitutionsgegner*innen konnten bei der letzten Gesetzesänderung eine Zwangsgesundheitsberatung durchsetzen.

Österreich ist das letzte einzige Land, das Sexarbeiter*innen noch eine vaginale Zwangsuntersuchung aufzwingt, die Fachleute übrigens für sinnlos halten und die einen eigenen Artikel verdient hätte.

Auf die Idee, einer Hure zuzugestehen, dass sie sich selbst um ihre Gesundheit kümmert, kommt scheinbar niemand. Da die Untersuchung nur eine vaginale ist braucht mir auch niemand erzählen, dass es um die Gesundheit der Betroffenen geht: Es geht um die Gesundheit der Freier, die sich gefälligst nicht anzustecken haben, und da es eine vaginale, sexuelle Untersuchung ist, handelt es sich um eine Repression gegen die Sexualität der Frauen. Die Übel der Hure breiten sich durch ihre Vagina aus, eh klar. Der Hexenhammer lässt grüßen, der sah das genauso.

6. Soziale Teilhabe, Freundschaft und Augenhöhe

Sexarbeiterinnen wollen normal über ihre Arbeit und ihre Kund*innen reden, ohne dass jemand schreit, brüllt oder ihnen die Freundschaft, Verwandtschaft oder Beziehung aufkündigt. Das passiert ihnen ständig.

Lady Hekate beschrieb in ihrem beeindruckenden Bericht in der Zeit, wie sie nach ihrem Zwangsouting binnen Tagen aus jedem Verein und Ehrenamt flog, keine kostenlose Nachhilfe mehr erwünscht war und sich ihr Freundeskreis drastisch verkleinerte.

Ähnliche Berichte kenne ich viele. Kaum eine Sexarbeiterin ist in ihrem sozialen Umfeld oder ihrer Familie geoutet.

7. Sexarbeit und Menschenhandel unterscheiden

Menschen sollten im Kopf Menschenhandel und Sexarbeit unterscheiden können. Immer wieder wird die Lüge verbreitet, dass 99 oder 95% aller Sexarbeiterinnen den Job nicht freiwillig machen würden und dann sind wir schon beim Silencing, denn jenen Frauen, die es gern machen, hört kaum jemand zu. Fachleute, die feststellen, dass es solche Statistiken nirgendwo gibt, ereilt das gleiche Schicksal der Unerhöhrtheit.

Niemand würde Sexualität mit Gewalt gleichsetzen, obwohl jede dritte Frau auf der Erde mindestens einmal im Leben vergewaltigt wird. Bei Sexarbeit wird aber genau das von uns verlangt.

Wer behauptet, dass Sexarbeit unter schlechten Arbeitsbedingungen das gleiche ist wie die Entführung einer der Sexarbeit völlig unerfahrenen Person, die dann in ein fremdes Land gebacht wird, verharmlost Vergewaltigung, und tut der Sexarbeit einen Bärendienst.

8. Staat größter Zuhälter

In Österreich bekommen trotzt Arbeitsverbot im Corona-Lock-Down Sexarbeiter*innen keinen Umsatzersatz. Tadaa – die Bordelle bekommen ihn! Ich denke, das muss man nicht weiter kommentieren. Viele Frauen bekommen keine Leistungen aus den Coronafonds, weil sie kein österreichisches Konto haben, aber Tatsache ist, dass Sexarbeiterinnen nunmal nur sehr schwer ein Konto bekommen. Daran ändert natürlich niemand etwas.

Der Staat ist der größte Zuhälter! – Dieser Slogan der Hurenbewegungen ist uralt. Es wäre an der Zeit dass die Politik endlich zumindest die Rechte der Sexarbeiterinnen über jene der Bordellbetreibenden stellt.

Die Hürden des stigmatisierenden Amtsschimmels:

9. Gewerkschaft

Sexarbeiter*innen in Österreich vermissen eine gewerkschaftliche Vertretung und eine für sie zuständige Abteilung in der Wirtschaftskammer.

10. Gleichheit vor dem Amtsschimmel

Sie müssen ihre Berufstätigkeit bei der Polizei anmelden, das gibt’s für keinen anderen Beruf – auch nicht für Spielcasinos, Schnapsläden, Boxer, Waffenhändler, Waffenproduzenten oder Betriebsarten, in denen es regelmäßig Fälle von Menschenhandel gibt.

11. Sorgerecht

Jede Sexarbeiterin und jede Ex-Sexarbeiterin die ich kenne und fragte, hatte Probleme mit dem Sorgerecht für ihre Kinder bis hin zum Verlust derselben. Das passiert keinem Bordellbetreiber, Strizzi oder Zuhälter. Es gibt immer noch Länder, die Sexarbeiterinnen automatisch kein Recht auf das Sorgerecht für ihr eigenes Kind zusprechen.

12. Einhaltung der Rechte I.

Sie wünschen sich respektvolle und rechtmäßige Behandlung durch Beamt*innen, statt Razzien bei denen ein Rudel Journalisten im Polizeibus mitfährt. Ja, das ist üblich in Österreich bei Sexarbeit. Manchmal kommt im Polizeibus voller Journalisten gleich noch ein Spitzenpolitiker, der danach Fotos der Frauen in den Sozialen Medien postet. Erlaubt ist nichts davon. Natürlich legt sich eine migrantische Frau die am Straßenstrich arbeitet wo Sexarbeit verboten ist, nicht mit der Polizei oder mit Regierungsmitgliedern an. Und ich habe auch noch nie gehört, dass außerhalb der Sexarbeit die Polizei irgendwo Journalist*innen zur Amtshandlung mitbringt.

13. Einhaltung der Rechte II.

Jemanden zu einem Verbrechen zu ermutigen oder anzuweisen ist in Österreich grundsätzlich verboten. Viele Sexarbeiter*innen wünschen sich, dass die Polizei aufhört, Agent Provokateure zu schicken. Erwischen tut man damit übrigens nie Menschenhändler, sondern nur Sexarbeiterinnen.

14. Berufsrechte und Gesetze

Sexarbeiterinnen fordern ganz normale Berufsrechte: Was dürfen die Chef*innen und was nicht, was dürfen Kund*innen und was nicht. Derlei gibt es allerdings nicht, obwohl die Anstellung inzwischen rechtlich möglich ist. Es muss geklärt sein, wo die Grenzen für Bordellbetreiber*innen und Kund*innen sind.

14. Wucherstopp

Sie wünschen sich wirksamen Schutz vor Wucher. Trotzdem die Politik die ach so ausgebeutete Nutte von Nebenan gern vor allem schützen möchte, am allerliebsten vor ihrem eigenen Beruf, ist noch niemand auf die Idee gekommen, Gesetze gegen Wucher oder Höchstmieten zu implementieren. Sexarbeitswerbung kostet etwa in den Medien immer noch das Doppelte von anderer Werbung, Räumlichkeiten oder Zimmer sind deutlich teuer als in anderen Branchen.

15. Polizei als Freund und Helfer statt Jäger

Vertrauen zwischen Polizei und Sexarbeiter*innen. Solange die Hauptaufgabe der Polizei ist, Sexarbeiterinnen zu jagen (statt Menschenhändler und Verbrecher), werden sich diese bei Rechtsbrüchen kaum bis nie an diese wenden. Davon profitieren nur Verbrecher*innen. Und ich darf durchaus betonen, dass dieser Zustand nicht unbedingt etwas ist, mit dem Polizist*innen alle so zufrieden sind.

14. Datenschutz

Immer wieder gibt es kuriose Fälle von Mißbrauch mit dem Datenschutz, die ich hier nicht ausführen möchte, um niemanden auf Ideen zu bringen.

15. Das Recht auf ein Konto bei einer Bank

Corona zeigte, dass viele Sexarbeiter*innen trotz Arbeitsverbots keine Hilfsgelder bekamen, weil sie kein Konto bekommen können.

Wie sagte nicht Sherlock Holmes angeblich: Die Kleinen Dinge sind die wichtigsten…

Es muss im Kampf um die Rechte von Sexarbeiterinnen endlich zuerst um die Bedürfnisse und Rechte der Sexarbeiterinnen gehen, nicht um die Befindlichkeiten von weißen inländischen privilegierten Akademiker*innen mit EU-Pass, die am wichtigsten finden, man dürfe „das“ nicht „Arbeit“ nennen, denn der Terminus verursache weiß Gott was alles. Reale Probleme sind aber nicht in erster Linie die Fragen legitimer Bezeichnungen, auf denen die Prostitutionsgegner*innen gern rund um die Uhr herumreiten. Sexarbeit bzw. sexwork ist übrigens eine Selbstbezeichnung.

Es geht darum, dass linke feministische Politiker*innen die Sexarbeit aus der Innenstadt vertrieben, haben, Frauen und Männer von dieser Gentrifizierungs-Maßnahme mit Millionenbeträgen profitiert haben, während Sexarbeiter*innen am Auhof im finstersten und grindigsten Winkel der Stadt stehen müssen und Gewalt von Anrainer*innen erleiden.

Dass man einer Frau, die Sex hat wie sie will, das Existenzrecht abspricht, selbstverständlich eine normierende Kontrolle über sie ausüben will und ihr sagt und vorschreibt, was sie zu tun (sexuelle Kontrolle) und zu lassen hat (Sex), hat uns das patriarchale Umfeld über Jahrtausende beigebracht. Es ist an der Zeit diese Ideologie auszuhungern und sexuelle Integrität für alle Frauen zur einzig akzeptablen Norm erblühen zu lassen.

Helga Christina Pregesbauer, geboren 1977 im Waldviertel. Studium der Geschichte, Philosophie, KSA. Studienschwerpunkte Sexualitätsgeschichte, Rape-Culture, Folter, Hexereiverfolgung, Diskriminierung und Sexarbeit. Langjährige feministische Aktivistin und Autorin. pregesbauer.wordpress.com und wortflechte.com