Schwerpunktwoche Sexarbeit: Kommentierte Leseliste

Leseliste: Kleine Lektüretipps zum Thema Sexarbeit

Bis auf die ersten drei Leseempfehlungen sind alle Texte kostenlos online lesbar.

Sie sind zudem in zahlreichen österreichischen Bibliotheken und in allen Buchhandlungen erhältlich (Stand Jänner 2021).

1. Hure spielen. Die Arbeit in der Sexarbeit
(2014, engl. Org. „Playing the Whore. The Work of Sex Work“)
von Melissa Gira Grant. Nautilus Verlag.

Grant, geb. 1987, ist Verlegerin, Journalistin und ehemalige Sexarbeiterin aus den USA, wo Sexarbeit fast überall verboten ist. Sie wurde nach eigenen Angaben Sexarbeiterin, damit sie sich leisten konnte, zu schreiben.

Die Feministin beschreibt sehr gut, dass die Hauptprobleme der Frauen die Polizei und die Kriminalisierung sind, und legt dar welche Folgen dies hat. Sie spricht über Entfremdung, die Macht des Geldes, die Rettungsindustrie, den Mitleidsporno und wem das alles eigentlich wirklich hilft.

2. Wir sind Frauen wie andere auch! Prostituierte und ihre Kämpfe (erweiterte Neuauflage 2014)
von Pieke Biermann

Die Schriftstellerin und Literaturkritikerin Pieke Biermann, geb. 1950, war in den 80ern eines der bestimmenden Gesichter der deutschen Hurenbewegung, Aktivistin in der Berliner Frauenbewegung, Mitbegründerin der Sexarbeiterinnenorganisation HYDRA und des deutschen Hurenballs. Zahlreiche Literaturpreise.

Das Buch ist das Zeitdokument der deutschen Hurenbewegung, des Lebens der Sexarbeiterinnen und dessen, was Politik in deren Leben ermöglichen, aber auch anrichten kann. Informationen aus erster Hand! Sehr gut lesbar.

3. Sexarbeit in Österreich. Ein Politikfeld zwischen Pragmatismus, Moralisierung und Resistenz
von Helga Amesberger (2014)

Helga Amesberger, geb. 1960, ist eine österreichische Ethnologin, Soziologin und Politikwissenschafterin, die zu Nationalsozialismus, Sexarbeit und Gewalt gegen Frauen forscht.

Wissenschaftliche Arbeit über die Folgen des neuen Prostitutionsgesetzes von 2011 in Wien, mit dem feministische Politikerinnen Gentrifizierung ankurbelten, die Frauen aus dem Zentrum mit bester sexarbeiterischer Infrastruktur an den grindigsten Stadtrand vertrieben, wo es nicht einmal Mistkübel gab, geschweige denn Stundenhotels oder Duschen.

Sehr gute und professionelle Einführung für die Beschäftigung mit Prostitutionsgesetzen, politischen Einflussmöglichkeiten und Sexarbeit ganz allgemein, die auf der Befragung von 85 Betroffenen beruht. Die Studie stellt die Zustände in Österreich mit denen in Neuseeland, den Niederlanden und Schweden gegenüber. Amesbergers hochwertige Arbeit ist eine der wenigen Publikationen zur Sexarbeit in Österreich, die valide Zahlen vorlegen kann.

4. Internationale Vergleichende Studie zu Prostitutionspolitiken: Niederlande, Österreich (Exkurs Schweden)
von Hendrik Wagenaar, Sietske Altink, Helga Amesberger (2013)

Die Studie beschreibt den Einfluss der unterschiedlichen Prostitutionsgesetzgebungen auf Sexarbeiterinnen. Die drei WissenschafterInnen haben viele Jahre international zu Sexarbeit geforscht.

5. More on Sex Trafficking in Sweden, from the Swedish Police
von Wendy Lyon

Was man über das Schwedische Prostitutionsgesetz wissen muss, wenn man über Prostitutionspolitik nachdenkt, findet man hier.

6. Twenty Years Of Failing Sexworkes. A community report on the impact of the 1999 Swedish Sex Purchase Act
von Fuckförbundet (2019)

7. What Do Sex Workers Think About the French Prostitution Act?

Elf Organisationen untersuchten, was konkret die Implementierung des Verbots von Sexkauf in Frankreich binnen nur zwei Jahren verändert: Mehr Gewalt, weniger Einkommen, schwerer Kondomgebrauch durchzusetzen, Abschiebungen und viele weitere Erschwernisse.

8. Norway: The Human Cost of ‘Crushing’ the Market: Criminalization of Sex Work in Norway: Executive summary (2016)

Amnesty International, gegr. 1961, ist eine nichtstaatliche und Non-Profit-Organisation, die sich weltweit für Menschenrechte einsetzt.

Amnesty Report über die Folgen der Freierbestrafung auf Sexarbeiter*innen in Norwegen, die 2009 implementiert wurde, auf Englisch, Spanisch und Französisch.

9. Zum Freiwild erklärt
von Brigitte Obrist

Brigitte Obrist, geb. 1963, ist ehemalige Sexarbeiterin, Moderatorin, Talkshowmasterin, Projektleiterin der Aids-Hilfe-Schweiz und eine der klügsten und gebildesten Menschen, die ich je getroffen habe.

In dem Blogartikel erzählt sie nüchtern, was passiert, wenn man Sexarbeiterinnen pauschal und undifferenziert als Opfer von eh allem diffamiert, sie in finstere Ecken vertreibt und welche Folgen Viktimisierung nunmal hat. Meiner Meinung nach ein absolutes Lesemuss!

10. Bordell meines Vertrauens – eine Geschichte aus dem Paradies
von Salomé Balthus

Salomé Balthus, geboren 1984, ist eine deutsche Journalistik, Feministin, Autorin und Escort.

„Ein Outing als Prostituierte ist wie ein Sprung ins Wasser an einer Stelle, wo man nicht weiß, wie tief es ist – vielleicht ist es erfrischend, vielleicht bricht man sich das Genick.“

Über Hochzeitstorten, Harz IV, Hollywood und das, was Sexarbeiterinnen im Bordell am häufigsten machen.

11. Gegen Gewalt (2019) von Salomé Balthus

Blogartikel von Salome zum Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen und dazu, was so ein Tag eigentlich ein Escort angeht.

12. Lieber Sexarbeit als Hartz IV
von Lady Hekate (Die Zeit, 2013)

Die deutsche Sexarbeiterin berichtet über ihr Zwangsouting und die schwerwiegenden Folgen. Sie äußert sich zu Prostitutionsverboten, erzählt von Freiern und Hintermännern und erklärt, wer wirklich an der Sexarbeit sehr viel Geld verdient.

13. Die Hurenbewegung. Geschichte und Debatten in Deutschland und Österreich
von Almuth Waldenberger (2016)

Sehr lesenswerte wissenschaftliche Arbeit einer österreichischen Historikerin über die Hurenbewegungen und die Verbände der Sexarbeiterinnen. Sie untersucht, welchen politischen Einfluss diese nehmen konnten und wie sie sich entwickelten.

14. Nymphomanie. Die Geschichte einer Obsession
von Carol Groneman (2000)

Groneman ist US-Historikerin, die seit vielen Jahren zu Nymphomanie forscht. In dem Buch geht es vor allem um Männerphantasien, Körperbilder, Frauenhass. Sie beschreibt woher die Aversion gegen den Körper der Hure und der sexuell aktiven Frau kommt und welche multiplen Auswirkungen diese hat – und zwar Auswirkungen auf alle Frauen, nicht nur für Sexarbeiterinnen. Dazu zieht sie Parallelen zwischen der angeblich von Natur aus nymphomanen wie der von Natur aus frigiden Weibsperson und dessen Funktion in der Gesellschaft. Nicht direkt ein Buch zu Sexarbeit, dennoch unentbehrlich um das Phänomen des Hurenhasses zu verstehen.

Websiteempfehlungen:

menschenhandelheute.net Blog der Historikerin Sonja Dolinsek, in dem es um Prostitutionsgesetze, Sexarbeit, Menschenhandel und die Schnittmengen geht. Hochspannende Gastautor*innen!

Ganz ganz große Empfehlung!!

marlen.me Der poetische Blog deutschen Sexarbeiterin und Aktivistin Kristina Marlen

josefa-nereus.de Blog der deutschen Sexarbeiterin Josefa Nereus inklusive Youtubekanal, in dem sie Fragen von Frauen und Kunden beantwortet, beispielsweise wie sich ihre Kund*innen verhalten sollen, wie ihr schlimmster Kunde war, zu Safer Sex, Prostituionspolitik und vielen anderen spannenden und zugleich informativen Fragen

Josefa Nereus auf Youtube

Immer Lesenswert sind natürlich Informationen aus erster Hand. Ich empfehle daher viele und häufige Blicke auf folgende Organisationen und deren Websiten und Social Media Auftritte zu werfen:

NSWP Global Network on Sex Work Projects. Internationale Selbstorganisation mit Hauptsitz in Schottland, ihr Schwerpunkt ist die Gesundheit von Sexarbeiter*innen

ICRSE International Committee on the Rights of Sex Workers in Europe. Vernetzt die verschiedenen Vereine. Selbstorganisation

BSÖ Berufsvertretung Sexarbeit Österreich mit mehreren weiblichen unchefischen Chefinnen

Sexworker.at Selbstorganisation österreichischer Sexarbeiterinnen mit männlichem Chef

Red Edition Selbstorganisation migrantischer Sexarbeiter*innen in Österreich ohne Chefität

BesD e.V. Einer von mehreren deutscher Sexarbeiter*innen Vereinen, mit sehr interessantem Newsletter und Blog

Helga Christina Pregesbauer, geboren 1977 im Waldviertel. Studium der Geschichte, Philosophie, KSA. Studienschwerpunkte Sexualitätsgeschichte, Rape-Culture, Folter, Hexereiverfolgung, Diskriminierung und Sexarbeit. Langjährige feministische Aktivistin und Autorin. pregesbauer.wordpress.com und wortflechte.com